Lebensretter
So trainieren Lawinenhunde für den Ernstfall
In eine Lawine geraten nicht nur Extremsportler, die für den grossen Kick bis zum Äussersten gehen. Auch gewöhnliche Pisten, Wanderwege und sogar Strassen können von Lawinen überrascht werden. In solchen Fällen haben Verschüttete dank Rettungshunden die beste Chance, noch rechtzeitig aus dem Schnee befreit zu werden.
Einmal losgelassen, brauchen Lana, Fox und Tinka nur Sekunden, um die im Schnee verbuddelten Freiwilligen zu befreien. Auch vom grossen Publikum lassen sich die Lawinenhunde kaum beirren. «Bei einem Einsatz stehen auch sehr viele Leute herum», erklärt René Geisser, Präsident der Alpinen Rettungshundeführer Engelbergertal. Ansonsten hat die Show-Übung mitten im Skigebiet Engelberg-Titlis jedoch wenig mit einem echten Einsatz zu tun. «Oftmals ist das Gelände nur schwer erreichbar», erklärt Beat Lussi, der mit seiner Hündin Lana schon viele Jahre bei der Lawinenrettung aktiv ist. Aus diesem Grund müssen die Rettungshundeführer neben ihrem Wissen über Erste Hilfe und die Beschaffenheiten des Schnees auch in Sachen Klettern und Abseilen absolut sattelfest sein. «Die meisten sind selbst Alpinisten und müssen bei der Bergrettung als Retter der Stufe 2 tätig sein», erklärt Lussi. «Wenn man das alles erst lernen muss, geht die Ausbildung noch etwa zwei Jahre länger.»
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Schon so ist die Ausbildung zum Rettungsteam eine sehr aufwändige Sache: Um die Hunde so weit zu bringen, dass sie ein Schneefeld zu jeder Zeit effizient nach menschlichen Geruchsspuren absuchen, braucht es mehrere hundert Stunden Training. Bis dahin vergehen in der Regel etwa drei Jahre. Um das Gelernte stets aufzufrischen, gibt es zudem ständig Wiederholungstrainings und -kurse. Das ist mit ein Grund, weshalb das Rettungshundeteam ausschliesslich aus Freiwilligen besteht. «Die vielen Stunden könnte man niemals zahlen», ist sich Lussi sicher. Mit den Spenden, die der Verein ab und zu erhält, werden zumindest einige Spesen abgedeckt.
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Der «Gluscht» macht effizient
Obwohl Belgische Schäferhunde als Meister der Lawinenrettung gelten, setzen die Rettungshundeführer des Engelbergertals hauptsächlich auf die Rasse Labrador. «Ihr grösster Vorteil ist, dass sie so verfressen sind», erklärt Beat Lussi mit Schalk in den Augen. Da die Hunde mit leckeren Belohnungssnacks konditioniert werden, erleichtere diese Eigenschaft das Training enorm. «Einen satten Labrador gibt es nicht», ist sich Lussi fast sicher. Ebenfalls von Vorteil sei ihre Liebe fürs Apportieren. Ausserdem sind sie nicht sehr schwer, was ideal ist für Einsätze, bei denen sie über unwegsames Gelände getragen werden müssen. «Am wichtigsten ist, dass ein Rettungshund sozial gut verträglich ist und einen guten Arbeitswillen hat», betont Lussi. Beide Eigenschaften sind bei Labradoren wie auch bei anderen typischen Rettungshunde-Rassen besonders stark ausgeprägt.
Gefährliche Skikanten
Von den Vierbeinern wird viel verlangt, denn das Buddeln ist anstrengend und kann bei eisigen Schneeschichten auch mal zu blutigen Pfoten führen. «Im Einsatz helfen wir sofort mit, wenn der Hund anfängt zu graben», erklärt René Geisser. «Beim Training müssen sie jedoch selbst buddeln, denn wenn wir zu oft helfen, überlassen sie irgendwann uns die ganze Arbeit – damit wären wir dann im Ernstfall weniger effizient.» Trotzdem sei es wichtig, die Hunde nicht zu «verheizen» und ihnen die Freude an den Übungen zu erhalten. So ungeduldig wie die Hunde vor der Show-Übung auf ihren Einsatz warteten, scheint dem Verein das auch gut zu gelingen.
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Harte Eisschichten sind denn auch nicht das Gefährlichste, was auf Rettungshunde im Einsatz zukommen kann. «Die schlimmsten Verletzungen entstehen durch Skikanten», erklärt Beat Lussi. Auch eine gewisse Absturzgefahr ist nicht wegzudiskutieren. Bei der Frage, ob er nicht schon wütend gewesen sei auf Verschüttete, die ihr Glück zu stark ausgereizt hatten, winkt Lussi ab. «Es ist nicht an uns, das zu verurteilen», meint er. «Ich bin leidenschaftlicher Pilzler und wenn ich irgendwann in einen dicken Nebel gerate und abstürze, bin ich auch froh, wenn mich jemand holen kommt.» Für ihn hat das ehrenamtliche Helfen mit Idealismus zu tun. «Wir sind die Feuerwehr der Berge.»
Wie ein Sechser im Lotto
Leider kommt diese Hilfe für die allermeisten Verunfallten zu spät. So stimmt der Vergleich mit der Feuerwehr auch in der Hinsicht überein, dass Rettungsteams nur allzu oft traurige Bilder zu Gesicht bekommen. «Man sieht schon wüste Sachen», gibt Beat Lussi offen zu. So komme es auch vor, dass Rettungskräfte aufhören müssen, weil sie diese Erlebnisse nicht mehr ertragen. «Manchmal kommt erst zwei, drei Wochen später auf einmal ein Zittern», erzählt Lussi. Für solche Fälle stehe bei der Rettungsstation ein Care-Team zur Verfügung, um die Erlebnisse im Gespräch zu verarbeiten.
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Im Gegenzug freue sich das ganze Team wie verrückt, wenn es gelingt, jemanden lebendig aus den Schneemassen zu befreien. «Das ist wie ein Sechser im Lotto», vergleicht Lussi das Gefühl. Dass sich jeder Einsatz lohnt – ob noch etwas zu retten ist oder nicht – steht für ihn nicht zur Diskussion. «Wir bringen die Menschen nach Hause», sagt er bestimmt. Jemanden zu verlieren sei schon schlimm genug. «Wenn er verschollen bleibt, ist das für die Angehörigen noch viel schlimmer.»
Phasen des Lawinenhunde-Trainings
Phase 1: Höhle betreten
Der Hundeführer begibt sich zum ersten vorbereiteten Loch und verschwindet in der Schneehöhle. Diese wird nicht verschlossen. Der Hund läuft zum Schneeloch und geht zu seinem Hundeführer in die Höhle, wo er durch den Hundeführer belohnt wird.
Phase 2: Höhle freibuddeln
Der Hundeführer begibt sich zum ersten vorbereiteten Loch und verschwindet in der Schneehöhle. Diese wird von zwei Helfern mit Schnee verschlossen. Der Hund läuft zum Schneeloch und muss dieses mittels Scharren öffnen, um dann zum Hundeführer in die Schneehöhle zu gelangen. Dort wird der Hund vom Hundeführer belohnt.
Phase 3: Fremde Person befreien
Der Hundeführer befindet sich bereits im Schneeloch. Eine Drittperson begibt sich vom Hund zum Schneeloch und verschwindet in diesem. Zwei Helfer verschliessen den Zugang mit Schnee. Der Hund läuft zum Schneeloch und muss dieses mittels Scharren öffnen, um dann in das Schneeloch zu gelangen. Dort wird er nun durch die Drittperson bestätigt. Der Hundeführer ist vor Ort, verhält sich jedoch ruhig.
Phase 4: Hundeführer gibt nur noch Befehl
Eine Drittperson begibt sich zum Schneeloch und wird dort durch zwei Helfer eingegraben. Der Hundeführer schickt seinen Hund zum Schneeloch, lässt diesen dort scharren, bis der Hund in die Schneehöhle gelangt und dort durch die Drittperson bestätigt wird. Erst dann begibt sich der Hundeführer zum Loch und holt seinen Vierbeiner ab.
Alle Phasen können kontinuierlich gesteigert und erschwert wie auch kombiniert (längere Distanz, Wind etc.) werden. So wird der Hund gefestigt und lernt schrittweise, die Nase einzusetzen.
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