Der richtige Durchblick
Welches ist der richtige Feldstecher?
Zu einer Naturexkursion gehört ein Feldstecher. Doch, welcher ist der richtige, worauf muss geachtet werden und was bedeuten die Zahlen auf dem Fernglas? Ein Besuch bei Optik Riesen, dem Spezialisten für Feldstecher.
Von Weitem scheinen die Vögel weisslich-braun, die da weitab im kahlen Geäst eines Baums herumhüpfen. Dank des Fernglases entpuppt sich der Schwarm kleiner, unscheinbarer Punkte als eindrücklicher Farbenreigen. Erst so wird klar, dass es sich um Distelfinken handelt. Ein Fernglas ist unentbehrlich für Wanderer und Tierbeobachterinnen. Doch welches ist das richtige?
Einer, der Bescheid weiss, ist Olivier Riesen ausToffen im Gürbetal im Kanton Bern. Wird irgendwo in der Schweiz ein Feldstecher zur Reparatur angenommen, landet er am Ende bei Optik Riesen, dem einzigen Geschäft in der Schweiz, in welchem Feldstecher noch repariert werden. «Der Service an Geräten steht bei mir im Vordergrund», sagt der Spezialist, der das Geschäft 2003 übernahm. Es war nicht Olivier Riesens Plan, eine solche Firma zu führen. «Als ich aber zuschaute, wie der Vorgänger einen Feldstecher zerlegte, imponierte mir das sofort», erinnert sich der Feinmechaniker.Zudem sei ihm schon damals klar geworden, dass er mit der Reparatur von Feldstechern eine Lücke ausfüllen könne.
Das Segment war immer eine Nische, nur nochwenige Optiker führen heute Feldstecher im Sortiment. Exaktes Arbeiten liegt dem 55-Jährigen ebenso, wie das Beratungsgespräch. Weit und breit fast kein Feldstecher, den er nicht kennt oder zeigen kann.
In seiner Werkstatt hat alles seinen Platz, wie ineinem Operationssaal. An der Wand hängen unzählige Werkzeuge. In Reih und Glied stehen zahlreiche Mikroskope. «Ein Auftrag einer Schule. Die Geräte werden im Biologieunterricht benutzt. Ich revidiere sie», sagt der Experte für optische Geräte. Auch ein Feldstecher liegt auf der Werkbank. «Wenn ich ein Fernglas ganz zerlege, habe ich am Ende über 50 Einzelteile, neue Modelle weisen mehr auf.» Die meisten Feldstecherseien fallengelassen worden. Er stelle sie neu ein, reinige und schmiere sie komplett. Das älteste Gerät, das er jemals revidierte, stammte von 1890. Olivier Riesen ist so etwas wie ein wandelndes Lexikon der Feldstecher. In seinem Laden führt er ein immens grosses Lager an Ersatzteilen zu den unterschiedlichsten Modellen verschiedener Zeitepochen.
Auf dem zerlegten Fernglas in seiner Werkstattstehen die Zahlen 10 x 25. Olivier Riesen erklärt: «Die erste Zahl sagt aus, dass der angepeilte Vogel in zehnfacher Vergrösserung im Fernglas erscheint, die Zahl 25 weist auf den Durchmesser des Objektivs in Millimeter hin. Je grösser das Objektiv ist, desto mehr Licht kann eintreten und desto heller wird das Bild.» Wer oft in der Dämmerung beobachte, sollte auf ein lichtstarkes Gerät setzen, das eine grosse Öffnung aufweise. «Das bewirkt aber, dass der Feldstecher schwer ist.» Die Vergrösserung werde durch geschliffeneLinsen, also Gläser, erreicht.
Empfehlenswerte Ferngläser
Olivier Riesens Kunden sind mehrheitlich Ornithologen. Hinzu kommen Wanderer und Jäger. Der Klassiker für Ornithologen sei ein Feldstecher von 10 x 42. «Ein solches Fernglas kann von Hand gehalten werden, bei höherer Vergrösserung würde das natürliche Zittern zum Problem.» Deshalb werden Spektive, also Fern-rohre, immer mit einem Stativ benutzt. Sie haben einen eingebauten Zoommechanismus mit einer Vergrösserung von beispielsweise 20- bis 60-fach. Um Limikolen zu bestimmen, die irgendwo weit draussen im Schlick stehen, ist ein Spektiv unabdingbar.
Welcher Feldstecher ist denn nun der richtige? Meist ist es eine Anschaffung fürs Leben. «Vor dem Kaufsollte man einen Feldstecher in der Hand halten können, ihn ausprobieren, auch im Vergleich mit anderen Modellen», sagt Olivier Riesen. Weiter streicht er heraus: «Ein wichtiges Qualitätskriterium für einen Feldstecher ist, dass er repariert werden kann und Ersatzteile wie Augenmuscheln, Okular und Objektivdeckel erhältlich sind.»
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Feldstecher nennt Tiernamen
Dann ist da die Sache mit dem Preis. «Nicht alle Modelle sind kostspielig. Es gibt Produkte ab 250 bis 300 Franken, die kontrolliert sind und funktionieren. Sie kommen nicht aus Europa», erklärt der Experte. Sie würden sich bei regelmässigem Gebrauch eher abnützen und die Optik sei weniger gut. Bei grösseren europäischen Feldstechern steige man mit 1000 Franken ein.
«Klar gibt es Ferngläser, die ich empfehle», sagt Olivier Riesen bestimmt, darauf angesprochen, welche Marken er denn favorisiere. Von Swarovski Optik,Leica und Zeiss stammen Riesens bevorzugte Feld-stecher. Er erklärt: «Leica hat Werke in Portugal und Deutschland, Swarovski Optik produziert in Österreich und Zeiss in Deutschland mit Werken in Japan undChina. Produkte dieses Dreiklangs liessen sich allereparieren und seien Begleiter fürs Leben. Olivier Riesen erwähnt weiter Kite Optics, eine belgische Firma, die in Fernost produziert. «Das sind gute Produkte, preislich interessant, die Qualität stimmt und man kann alles reparieren.»
Dank eines Feldstechers, der das Tier näher heranholt, ist eine Bestimmung möglich – wenn die Kenntnisse bei der Beobachterin oder beim Beobachter vorhanden sind oder ein gutes Bestimmungsbuch mitgeführt wird.Olivier Riesen hat sogar ein Fernglas im Angebot, das die Bestimmung übernimmt. «Im Feldstecher ist eine Kamera eingebaut, damit werden Säuger, Vögel, Schmetterlinge und Libellen bestimmt, der Name wird im Fokus eingeblendet.» Dieser Feldstecher würde weltweit funktionieren, denn er habe ein eingebautes GPS. Kleinere Vögel könnten bis zu einem Abstand von ca. 40 Metern fokussiert werden. Gute Feldstecher kosten bis zu 3000 Franken. Das Modell mit eingebauterKamera liegt deutlich darüber.
Olivier Riesen weist auf ein weiteres, neues Produkt hin. Er sagt: «Das Fernrohr mit eingebautem Bild-stabilisator, einem Zoom von 18- bis 45-facher Vergrös-serung und einer Öffnung von 65 Millimetern bietet sehr gute Beobachtungsmöglichkeiten.» Es könne wie ein Feldstecher umgehängt und dank des Stabilisators aus freier Hand benutzt werden. Sozusagen ein Kompromiss zwischen Feldstecher und Spektiv.
Die Qual der Wahl. «Wichtig ist, einzuschätzen, wofür man einen Feldstecher braucht», sagt Olivier Riesen. Wer gerne Wanderungen unternimmt und dabei Tiere per Feldstecher bestimmt, ist mit einem kleinen, leichten Modell besser dran. Leica Trinovid (10 x 25) beispielsweise ist hochwertig und bereits ab 585 Franken zu haben. Wandervögel können ein solch handliches Gerät auf jeden Bummel mitnehmen. Dieses kleine Modell hat den Nachteil, dass das Sehfeld beschränkt ist. Es braucht Übung, den Vogel möglichst rasch im Blick zu haben, fliegt er weiter weg, muss nachfokussiert werden. Bei einer achtfachen Vergrösserung wäre das Sehfeld grösser, aber der Vogel erscheint dann kleiner. Gut, gibt es Spezialisten wie Olivier Riesen, die den Durchblick haben.
Feldstecher in KürzeKlassiker 10 x 42 (zehnfache Vergrösserung, 42 mm Durchmesser des Objektivs)
Dioptrieausgleich: Rechtes Auge schliessen, gut beleuchtetes Objekt anpeilen, Feldstecher auf linkem Auge mit dem Mitteltrieb scharf stellen, dann linkes Auge schliessen und mit rechtem Auge rechts Korrektur vornehmen (falls notwendig), entweder durch Drehung vorne am Dioptrienausgleich oder hinten. So wird der Feldstecher an die unterschiedliche Sehkraft der Augen angepasst.
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