Spinnenläufer vertilgen so ziemlich alles, was im Wohnbereich unerwünscht ist: Silberfische, Asseln, Schaben, Ameisen und sogar Bettwanzen gehören zu ihrem Beutespektrum. Doch damit nicht genug: Auch kleine bis mittelgrosse Spinnen müssen sich vor den räuberischen Hundertfüssern in Acht nehmen. Was bisher im Netz hängen blieb, wird gleich mitgefressen, denn auch Mücken und Fliegen passen gut in den Speiseplan der Spinnenläufer. Trotz dieser kostenlosen Aufräumarbeiten sind nicht alle erpicht darauf, mit ihnen unter einem Dach zu leben. Etwa sieben bis acht Zentimeter lang werden Spinnenläufer mitsamt ihren Fühlern. Und spätestens, wenn sie die aussergewöhnliche Geschwindigkeit ihrer fünfzehn Beinpaare unter Beweis stellen, sorgen sie für so manchen ekelerfüllten Aufschrei.

Wenn sie sich bedroht fühlen, können Spinnenläufer durchaus zubeissen. Das komme allerdings sehr selten vor, wie François Claude vom nationalen Daten- und Informationszentrum info fauna weiss. «Der Spinnenläufer ist Menschen gegenüber absolut nicht aggressiv und flieht lieber, wenn er die Wahl hat.» Sieht er jedoch keinen Ausweg, setzt er sein Gift zur Abwehr ein. Und mit seinen kräftigen Kieferklauen kann er an dünnen Stellen sogar die menschliche Haut durchdringen. «Der Schmerz eines Bisses ist ähnlich wie der eines Wespenstichs», so der Wissenschaftler. Gefährlich wird es nur bei Allergien.

Sichtungen nehmen zu

Ob Spinnenläufer erst mit dem Klimawandel in die Schweiz kamen, ist noch nicht vollends geklärt. «Die ersten Daten zu dieser Art stammen aus den 80er-Jahren», erläutert François Claude. Er glaubt aber, dass schon vorher Spinnenläufer in der Schweiz lebten. «Die Art kommt vor allem in städtischen Gebieten vor und scheint zuzunehmen.» Dies könne jedoch daran liegen, dass die Menschen ihre Anwesenheit häufiger über Onlineplattformen melden. So oder so dürfte der fortschreitende Klimawandel dazu beitragen, dass sich der Spinnenläufer weiter in der Schweiz ausbreitet, denn er mag es warm. Spätestens im Herbst suchen Spinnenläufer deshalb gerne in Häusern Unterschlupf, wo sie sich in Ritzen und Spalten, hinter Möbeln und Bilderrahmen verkriechen. Ihre Verstecke verlassen die nachtaktiven Tiere fast nur für die Beutejagd.

Wie alle Hundertfüsser sind Spinnenläufer jagende Fleischfresser. Damit unterscheiden sie sich von den übrigen Tausendfüssern, die sich hauptsächlich von Pflanzenresten oder Aas ernähren. In der Schweiz gibt es etwa 230 Arten von Tausendfüssern. «Von all diesen ist der Spinnenläufer die einzige Art, die gerne inHäuser eindringt», versichert François Claude. «Wenn dies bei anderen Tausendfüsserarten vorkommt, dann eher zufällig.»

Beine wachsen nach

Neben Wohnzimmern und Kellern gehören auch Brücken, Baustellen und Höhlen zum Lebensraum von Spinnenläufern. Im Frühsommer legen die Weibchen ihre Eier unter Steinen, in Ritzen oder Spalten ab. Die daraus schlüpfenden Larven haben je vier Beinpaare. Sechs Häutungen später sind die Spinnenläufer ausgewachsen und die Anzahl ihrer Beine hat sich fast vervierfacht. Dass sie sich auch im adulten Stadium weiter häuten, hat einen grossen Vorteil: Gehen bei einem Kampf Beine verloren, werden sie auf diese Art und Weise wieder hergestellt.

Die Lebensspanne von Spinnenläufern kann mehr als drei Jahre betragen. Wer also beschliesst, sie nicht vor die Tür zu befördern, kann sich auf eine längere schädlingsfreie Zeit freuen.

Familie der Tausendfüsser
Doppelfüsser: Das sind die klassischen Tausendfüsser, wie wir sie uns vorstellen. «Doppelfüsser» heissen sie, weil sie pro Körpersegment zwei Beinpaare aufweisen. Sie sehen aus wie Raupen mit winzig kleinen Beinchen, ernähren sich von Aas und Pflanzenresten und spielen damit eine wichtige Rolle im organischen Kreislauf. Sie haben mit Abstand die meisten Beine unter den Tausendfüssern. Die meisten kommen trotzdem höchstens auf ein paar Hunderte. Der einsame Rekord liegt bei 1306 «Füssen».
Hundertfüsser: Auch hier wurde der Name etwas übertrieben gewählt: Die meisten Hundertfüsser besitzen keine 50 Beinpaare. Nur wenige Arten haben tatsächlich mehr als einhundert Beine. Im Gegensatz zu den restlichen Tausendfüssern sind Hundertfüsser Jäger und ernähren sich von lebender Beute. 
Der schnellste aller Hundertfüsser ist der Spinnenläufer. Möglich macht dies eine Vielzahl von Muskeln in seinen Beinen. Ihn zu erwischen, ist deshalb auch für Menschen keine leichte Aufgabe. Ihn gewähren zu lassen, ist also nicht nur schlau, sondern auch deutlich bequemer.
Zwerg- und Wenigfüsser: Von diesen beiden Tierklassen gibt es in der Schweiz nur wenige Arten. Sie sind keinen Zentimeter gross. Wie Doppelfüsser ernähren sie sich von Pflanzenresten, Pilzen und Aas.