Die 13 Tiere im weitläufigen Gehege der Universität Irchel in Zürich sind sichtlich nervös. «Irgendetwas stimmt nicht», sagt Marta Manser und dreht sich um die eigene Achse, um nach der Ursache für die Aufregung zu suchen. Die drolligen Gesellen mit ihrem langen Körper und Schwanz rasen umher, halten inne, stellen sich auf die Hinterbeine und scannen mit ihren grossen Kulleraugen die Umgebung. Und ehe man sich versieht, schnellen sie in die Box in der Mitte des Geheges – nicht ohne ihren Schrecken akustisch, mit einem pfeifenden Alarmruf, zu untermalen. Nach kurzer Stille ertönen neben bellenden Angstrufen auch zirpende Laute aus der Box. Marta Manser lauscht und übersetzt: «Lass mich allein, komm mir nicht zu nahe.» Sekunden später streckt das erste Tier den Kopf aus dem unterirdischen Refugium und nähert sich der Forscherin, um einige der Mehlwürmer auf dem Boden vor ihr zu erhaschen. Auch die anderen Tiere der Gruppe wagen sich wieder nach draussen und sichern sich hastig einen Snack. DieGefahr scheint aufs Erste gebannt.

Seit mehr als 30 Jahren erforscht Marta Manser als Verhaltensbiologin diese geselligen Tiere, die im südlichen Afrika leben. Sie gilt als eine der weltweit führenden Erdmännchen-Expertinnen. Wieso sie zuBeginn ihrer Karriere von der Antilopen- auf die Erdmännchenforschung umschwenkte, ist nicht nur ihrem damaligen Professor, sondern auch den kleinen Tieren selbst geschuldet: «Ihr Sozialverhalten ist wirklich aus-serordentlich interessant», sagt sie. Die Professorin am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich ist fasziniert von den vielen Fragen, die das Zusammenleben dieser Säuger aus der Familie der Mangusten aufwirft.

«Erdmännchen handeln einerseits als Individuen, andererseits aber auch als Teil eines Verbunds», gibt sie zu bedenken. Die Familienverbände bestehen durchschnittlich aus 15 bis 25 Individuen. Speziell ist: Meistens (zu 80 Prozent) bekommt nur das dominante Paar Nachwuchs und die anderen Tiere helfen bei der Aufzucht, der Jagd oder der Wache. Ob Babysitter, Lehrerin, Wächter oder Bauarbeiterin: Die Arbeitsteilung und die spezifischen Aufgaben, welche die einzelnen Tiere unabhängig von ihrem Geschlecht übernehmen, sind für das Überleben der Gruppe entscheidend. Das Miteinander hat ebenso Konfliktpotenzial: «Das Leben in einer Familie birgt Vorteile, erfordert vom Einzelnen aber auch Anpassungen», führt Marta Manser weiter aus. «Es stellt sich die Frage: Wann kooperieren, wann die eigene Strategie verfolgen?» Obwohl sich ihre Forschungsresultate nicht 1:1 auf Menschen übertragen lassen, sind sie durchaus von Bedeutung, um beispielsweise die Evolution der menschlichen Sprache besser zu verstehen. Diese Brücke schlägt die Zürcher Professorin derzeit im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts des Schweizerischen Nationalfonds zur Sprachevolution.

Komplexes Repertoire

Dabei erforscht Marta Manser die quirligen Säuger nicht nur in Zürich, sondern auch in der Kalahari-Savanne im südlichen Afrika. Hier leitet sie seit 2017 eine Forschungsstation mit mittlerweile rund 50 Forschenden aus aller Welt. Zweimal jährlich ist sie vor Ort, beobachtet die Tiere während mehreren Wochen direkt in ihrem natürlichen Lebensraum und sammelt neue Daten. Und von diesen gibt es nach 30 Jahren intensivster Forschung massenweise: «Die Erdmännchen sind heute eine der am besten erforschten wilden Säugerarten», bilanziert Marta Manser, die sich auf die Rufkommunikation dieser kleinen Raubtiere spezialisiert hat. Die Frage drängt sich auf: Kann sie sich nach so vielen Jahren Feld- und Forschungsarbeit mit Erdmännchen unterhalten? Marta Manser schüttelt den Kopf. «Im Nachahmen der Rufe bin ich nicht besonders gut. Aber ich weiss anhand der Rufe ziemlich genau, was gerade vor sich geht und in welcher Situation sich ein Tier befindet.» Um die feinen Variationen bei den Rufen wahrzunehmen, braucht es ein geschultes Gehör, viel Erfahrung und Datenmaterial. Erdmännchen haben rund 30 verschiedene Rufarten. Die teils feinen Nuancen sind von grosser Bedeutung für die anderen Tiere in der Kolonie.

Für jeden Fressfeind gibt es einen speziellen Ruf, der darüber informiert, wer sich nähert, wie unmittelbar die Gefahr ist und ob der Räuber aus der Luft oder vom Boden kommt. Wenn die Tiere um Futter streiten, tönt es anders, als wenn eine Mutter auf ihre Tochter losgeht oder lediglich der Kontakt mit einem Nachbarn aufrechterhalten werden soll. «Es ist ein bisschen wie bei der menschlichen Kommunikation: Die Worte haben zwar einen Inhalt, aber je nach Art, wie wir etwas sagen, ändert sich die Bedeutung», erklärt MartaManser weiter.

Die Forscherin muss in ihrem Büro auf dem Campus Irchel nur ihr Fenster öffnen, um das grosse Repertoire an Rufen live zu hören. Steuert ein Flugzeug Kloten zur Landung an oder segelt ein Milan über das Gehege, setzen die Tiere solche nicht zu überhörende Alarmrufe ab. Was erstaunt: Obwohl die Katze, die auf dem Irchel-Terrain umherstreift, die Erdmännchen noch nie angegriffen hat, setzen sie subito Warnrufe ab, wenn sie sich ihrem Gehege nähert. Was Manser ebenso festgestellt hat: Die Population in Zürich kommuniziert anders als jene im natürlichen Lebensraum. «Es handelt sich nicht um neue Rufe. Aber die Erdmännchen hier brauchen gewisse Rufe in anderen Situationen als jene in der Kalahari-Savanne.» Dies will die 63-Jährige bis zu ihrer Pensionierung noch mit Experimenten überprüfen. Denn es geht dabei um eine bedeutsame akademische Grundfrage, wie flexibel Säuger bei den Anpassungen von Rufen sind.

Zeit sparen dank KI

Um ihre Thesen zu prüfen, arbeitet Marta Manser mit «Playbacks»: Dabei spielt sie den Erdmännchen Alarmrufe ab und zeigt damit deren Funktion auf. Mit diesen Experimenten konnte sie insbesondere bei Kontaktrufen auch beweisen, dass die Tiere wahrnehmen, wer den Ruf abgibt. Mit ihrem Team hat die Verhaltensbiologin innerhalb der letzten 30 Jahre über 4000 Tiere beobachtet und damit riesige Mengen an Daten gesammelt. Neben Verhaltensdaten sind darunter auch Informationen zur Genetik, dem Hormonstatus und dem Gewicht der Tiere.

«Dank diesem umfassenden Material verfügen wir heute über ein enormes Wissen über die Erdmännchen», bilanziert Manser. Mithilfe künstlicher Intelligenz können die Forschenden ihre riesigen Mengen an Tonaufnahmen und anderen Daten mittlerweile viel rascher als früher aufarbeiten. Den Menschen ersetzt KI aber nicht: Um zu überprüfen, ob der Algorithmus bei der Zuordnung von Rufen zu einer bestimmten Situation wirklich erfolgreich war, braucht es nach wie vor die menschliche Expertise. «Die KI ist ein super Hilfsmittel in der Forschung und spart viel Zeit», freut sie sich. Dennoch: Dass sich dank der künstlichen Intelligenz Menschen bald mit Erdmännchen in einem Dialog unterhalten könnten, sei wenig realistisch.