Von aussen wirkt das Ökominihaus von Tanja Schindler kaum grösser als ein Container. Es ist 35 Quadratmeter klein, aus Holz und Lehm gebaut, befindet sich auf einem alten Militärgelände in Altdorf (UR), hat eine Terrasse und ist – dank an der Fassade angebrachter Photovoltaikmodule – stromautark.

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Doch der Blick ins Innere zeigt: Der Schein trügt. Das Häuschen scheint grösser als so manche 1-Zimmer-Wohnung. Neben dem mittig platzierten Eingangsbereich befinden sich links die Küche und das Badezimmer, rechts das Wohnzimmer. Das integrierte Cheminée steigert nicht nur den Gemütlichkeitsfaktor, sondern dient auch als Heizung.

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Ein hohes Regal schirmt das Bett ab, bietet viel Stauraum und kann zu einem Schreibtisch umfunktioniert werden. Der ausziehbare Esstisch dient als Sitzgelegenheit und Arbeitsfläche zugleich. Darunter befinden sich drei Herdplatten.

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Geschirrspüler und Backofen sucht man vergebens. Einbauschränke dienen als Stauraum und Garderobe, in einem ist eine kleine Waschmaschine mitsamt Putzutensilien untergebracht. Das Badezimmer ist mit Dusche und Komposttoilette ausgestattet. «Diese Toilette ist etwas vom Nachhaltigsten, was man in einer Wohnung haben kann», erklärt die Baubiologin und öffnet den Deckel. Zwei Behälter trennen Festes und Flüssiges. «Erstens brauche ich kein Wasser, zweitens kann ich alles wiederverwerten – zum Giessen oder Kompostieren.»

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Grosse Fenster durchfluten das Haus mit Licht und geben den Blick auf das prächtige Urner Bergpanorama frei. «Manchmal muss man die Vorhänge schliessen, sonst wird es sehr warm hier drin», sagt Schindler lächelnd.

Das Ökominihaus war nicht nur jahrelang ihr Zuhause, sondern auch ihre eigene Erfindung. Die Idee dahinter: nachhaltiges Leben auf kleiner Fläche, aber mit grossem Wohnkomfort. Punktfundamente sorgen dafür, dass das gesamte Haus bei Bedarf an einen anderen Ort transportiert werden kann, ohne dem Land darunter zu schaden. Auch die 35 Quadratmeter unter Schindlers Füssen standen nicht immer in Altdorf.

Alles wegen einem Kinderbuch

Ein Blick zurück: Einst lebte Tanja Schindler mit ihrem Ex-Mann und den zwei gemeinsamen Kindern in einem Reihen-Einfamilienhaus in der Nähe von Uster im Kanton Zürich. Irgendwann kam in ihr der Wunsch nach Veränderung hoch.

«Ich fragte mich immer wieder: Wer bin ich als Einzelperson, abgesehen von meiner Rolle als Mutter und Ehefrau?», schildert die 57-Jährige rückblickend. «Ich hatte das Gefühl, mich als Mensch nicht mehr zu spüren. Damals stand ich kurz vor einem Burnout.» In dieser Situation habe sie sich an ihr liebstes Buch aus Kinderzeiten erinnert. «Das Kinderbuch ‹Der Xaver und der Wastl› aus den Sechzigern hat mich tief geprägt», betont Schindler. Die Handlung: Zwei Freunde bauen eine verlassene Baracke zu einem gemütlichen Haus um. «Die Geschichte hat mich schon als Kind fasziniert. Sie ist der eigentliche Ursprung des Ökominihauses.»

Die Erinnerung an das Buch entfachte die Idee eines eigenen Häuschens für die Zürcherin, die von sich sagt, sie habe sich in kleineren Räumen schon immer wohler gefühlt. So trug sie ihre Idee einem Architekten vor, der ihr einen Entwurf zeichnete.

2011 begann die Planung, 2013 zog Schindler in ihr Ökominihaus ein. Damals befand es sich in Nänikon bei Uster, unweit von ihrer Familie. Fünf Jahre lebte sie dort, bis der Pachtvertrag auslief. Wegen der Herkunft ihres Lebenspartners suchte Schindler nach einem passenden Platz im Kanton Uri – und wurde in Altdorf fündig.

«‹Weniger ist mehr› ist für mich der bessere Ausdruck als Minimalismus.»

2017 stand der Umzug an, und zwar mitsamt den eigenen vier Wänden. Eindrücke der spektakulären Aktion zeigte SRF 2019 in der Dokumentation «Weniger ist mehr – minimalistisch leben».

Die Sendung porträtierte nicht nur Schindler, sondern zeigte auch andere Protagonisten, die unterschiedliche minimalistische Lebensstile leben – etwa den Schweizer Unternehmer und Multimillionär Cédric Waldburger, der damals keine feste Adresse hatte, sich nirgends länger als ein paar Tage aufhielt und insgesamt nur 64 Gegenstände – alle in schwarz – besass.

Tanja Schindler zählt ihre Besitztümer hingegen nicht. «Dagegen wehre ich mich», betont die Zürcherin. «Ich bin der Ansicht, dass man Minimalismus nicht in der Anzahl persönlicher Besitztümer definieren sollte. ‹Weniger ist mehr› ist für mich der bessere Ausdruck. Jede Person muss für sich herausfinden, wie viel zu wenig und wie viel genug ist.»

Verkleinert jemand seinen Lebensraum, bedeute das automatisch eine Reduktion. «Weniger Material bedeutet weniger Stress. Ich behaupte: Alle, die einen solchen Prozess einmal durchmachen, durchleben einen positiven Effekt.»

Tiny-House-Pionierin

Damit Tanja Schindler ihr Ökominihaus auf dem Militärgelände in Altdorf – einer öffentlichen Bauzone – aufstellen konnte, war eine Sonderbewilligung der Urner Behörden nötig. Möglich machte dies die damals neue Lebensform, die als Forschungsprojekt anerkannt worden ist. Denn als Schindler ihr Ökominihaus 2011 entwickelte, existierten noch keine Tiny Houses.

Sechs Jahre lang waren das Urner Bergpanorama und die alten Militärbaracken die Aussicht, die Schindler morgens genoss. Doch vor zwei Jahren war Schluss damit: Die Behörden verlängerten, nach langem Hin und Her, die Sonderbewilligung nicht. «Das war nicht lässig», sagt die Baubiologin. «Doch wir haben einen Kompromiss gefunden.»

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Nun darf das Ökominihaus – zumindest bis 2035 – vor Ort stehen bleiben. Es zu unterhalten ist erlaubt, Post empfangen und schlafen allerdings nicht mehr. Zuflucht gefunden hat Schindler bei ihrem Lebenspartner im benachbarten Seedorf. «Das Wohnen hier war mir wichtig», sagt Schindler, während sie die drei Herdplatten putzt. «Doch noch wichtiger ist mir das Projekt Ökominihaus selbst.»

Dieses dient nicht nur Forschungs-, sondern auch Demonstrationszwecken. In Altdorf öffnet die Baubiologin regelmässig die Türen ihrer Erfindung: Sie zeigt Interessierten, wie weit fortgeschritten nachhaltiges Bauen ist und veranschaulicht, wie ein Leben auf kleiner Fläche sein kann.

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Oft seien es Frauen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, die sie besuchen, erzählt sie. «Vielen davon geht es ähnlich, wie es damals auch mir ergangen ist: Sie stehen an einem Wendepunkt ihres Lebens und suchen Veränderung.» Ist der Wunsch nach einem eigenen Ökominihaus da, berät Schindler von der Planung bis zum Einzug. So entstanden in den Aargauer Gemeinden Merenschwand und Schmiedrued bereits Siedlungen, weitere einzelne Häuschen befinden sich in St. Gallen und im Emmental.

Auch Tanja Schindler hofft, irgendwann wieder auf 35 Quadratmetern im Kanton Uri zu leben. «Es ist absolut meine Traumwohnform», betont die Pionierin.

Ihr Kredo «weniger ist mehr» habe sich während der Zeit im Ökominihaus nur noch verstärkt. Auf die Frage, ob dieser Prozess je ein Ende findet, weiss sie keine eindeutige Antwort. «Minimalismus oder ‹weniger ist mehr› ist ein Prozess, in dem ich heute noch bin. Ich glaube, ganz abgeschlossen ist er noch nicht.»