Seit 20'000 Jahren leben Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) auf dem Gebiet der Schweiz und in anderen europäischen Ländern. Einst waren vielfältige Landwirtschaftsgebiete ihre Heimat: Vernetzte Landschaften, Büsche, Sträucher und sprudelnde Gewässer garantierten dem prägnanten Stachelträger Rückzugs- und Überwinterungsorte sowie Nahrung.

Insbesondere Insekten stehen auf dem Speiseplan des Igels, wie verschiedene Käfer- und Raupenarten, doch er frisst auch Regenwürmer, seltener junge Mäuse und Maulwürfe und – falls er nichts Besseres findet – Schnecken.

In den letzten hundert Jahren hat sich die Heimat des Braunbrustigels jedoch radikal verändert: Die Landwirtschaft wurde intensiviert, Landschaften zersiedelt und Fliessgewässer unter den Boden versetzt. Dadurch gingen sowohl das einst reiche Nahrungsangebot an Insekten als auch das Netz an Unterschlupfmöglichkeiten nach und nach verloren.

Das hat zur Folge, dass der Braunbrustigel heute kaum mehr in landwirtschaftlich genutzten Gebieten lebt, sondern in Dörfern und Städten. Er ist zum klassischen Kulturfolger geworden. Das heisst, er sucht die Nähe des Menschen, da er in dessen Gärten Nahrung und Verstecke findet – im Optimalfall.

Weltweit potenziell gefährdet

Diese Entwicklungen im letzten Jahrhundert wirken sich auf die Population des stachligen Tieres aus. Im «Living Planet Report 2022» hielt WWF Schweiz fest, dass der Igelbestand drastisch abgenommen hat – insbesondere in den letzten 25 Jahren. So soll sich die Population in der Stadt Zürich in diesem Zeitraum um 40 Prozent auf noch rund 900 Tiere reduziert haben. Im selben Jahr landete der Braunbrustigel gemeinsam mit dem Feldhasen und dem Auerhuhn erstmals auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten in der Schweiz und wurde dort als «potenziell gefährdet» eingestuft.

Dasselbe tat die Weltnaturschutzunion (IUCN) zwei Jahre später: Auch auf ihrer Roten Liste stufte sie den Igel als «potenziell gefährdet» ein. Nebst der Schweiz kommt der Braunbrustigel – auch Westeuropäischer Igel genannt – in Deutschland, Österreich, den Benelux-Ländern, Skandinavien und Grossbritannien vor.

Gesicherte Angaben über den Gesamtbestand gibt es laut IUCN nicht. Die Institution schätzte jedoch, dass die Anzahl Tiere zwischen 2014 und 2024 je nach Land um 16 bis 33 Prozent zurückgegangen ist – in der belgischen Region Flandern und im deutschen Bundesland Bayern gar um 50 Prozent.

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«Insbesondere die Zerstörung ländlicher Lebensräume durch die Intensivierung der Landwirtschaft, durch Strassen und Stadtentwicklung führt zu einem Rückgang des westeuropäischen Igels», liess die Institution verlauten. Sie fordert einen besseren Schutz des Braunbrustigels und stellt klar: Das Problem ist der Mensch.

Dabei zählt der Stachelträger eigentlich zu den beliebtesten Wildtieren der Schweiz. Unzählige freiwillige Helferinnen, Helfer und Vereine kümmern sich um verletzte oder kranke Tiere. Seine Popularität, aber auch seine schwindende Population nahm Pro Natura zum Anlass, den Braunbrustigel zum Tier des Jahres 2026 zu küren.

Mit dieser Wahl wolle man Privatpersonen und Politik «anstacheln», für mehr Natur in unseren Dörfern und Städten zu sorgen, so die Begründung der Naturschutzorganisation. Matthias Betsche, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, sagte zum neuen Tier des Jahres: «Der Igel zeigt uns sehr deutlich, was passiert, wenn Natur im Siedlungsraum nur noch als Restfläche betrachtet wird.»

Es wäre einfach

Das Ziel, welches Pro Natura vorschwebt, sind igelfreundlichere Grünanlagen, Gärten und Friedhöfe. Dabei ist nicht nur deren Gestaltung gefragt, sondern auch deren Zugänglichkeit.

Im von der Naturschutzorganisation organisierten Online-Vortrag «Tier des Jahres 2026: der Igel –Stachelritter in Gefahr» veranschaulichte Simon Steinemann, gelernter Landschaftsarchitekt und ehemaliger Geschäftsführer des Igelzentrums Zürich, welche Hindernisse der Stachelträger auf seinen Streifzügen überwinden muss. Besonders schwierig haben es dabei die Männchen, die während der Paarungszeit ab Mitte April mehrere Kilometer zurücklegen.

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Der Experte zeigte das Beispiel eines Männchens aus dem Jahr 1992, das in einer Nacht 1,5 Kilometer durch die Stadt Zürich wanderte und dabei sieben Strassen überquerte. «Der Igel ist zwar in all den Jahren mit vielen Entwicklungen zurechtgekommen, doch der Autoverkehr ist eine Dimension, die ihm etwas zu schnell geht», sagte Steinemann.

Strassen zwingen Igel zu Umwegen – ebenso wie Mauern und Zäune, die den Durchgang zu einer Grünfläche verunmöglichen.«Eigentlich würde dem Igel ein faustgrosses Loch reichen, um durchzuschlüpfen. Zu hohe Treppenstufen, Lichtschächte oder Swimmingpools stellen weitere Hürden dar.» Eine Grünfläche kann mit einfachen Massnahmen igelfreundlicher gestaltet werden.

Das hilft IgelnLaub und Äste liegen lassen, Totholz- und Laubhaufen anlegen, einheimische Pflanzen anpflanzen, keine Pestizide und Schneckenkörner verwenden, Kompost und Kräuterjauchen statt Kunstdünger verwenden, schonend mähen, Durchgänge ermöglichen, Treppen oder Wasserstellen mit Rampen versehen

Einheimische Pflanzen locken Insekten an und versorgen den Stachelritter mit genügend Nahrung. Füttern sollte man Igel höchstens, wenn sie krank oder sichtlich unterernährt sind, betonte Steinemann. Allerdings sollte man sich beraten lassen, den ein solcher Zustand könnte auf ein medizinisches Problem hinweisen. Einen Gefallen tue man dem Igel aber im Hochsommer, wenn man ihm ein Schälchen Wasser hinstelle.

Der Experte riet zudem zu mehr Chaos im Garten: «Laub sollte man im Herbst keinesfalls wegblasen. Und im Winter kann man den Garten einfach einmal sich selbst überlassen.» Baut man Laub- und Asthaufen, dienen diese dem Igel als Tagesversteck, zur Jungenaufzucht oder als Winterquartier.

Davon profitieren auch andere Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien und Insekten. Steinemann schloss seinen Vortrag mit den Worten: «Wir müssen Sorge tragen zum Lebensraum Igel!» Denn wer das tut, fördert schlussendlich die Biodiversität.

«Bonjour Nature»: kostenlose Gartenberatungen Wie ein Siedlungsgarten natürlicher und igelfreundlicher gestaltet werden kann, zeigt Pro Natura seit März mit der landesweiten Aktion «Bonjour Nature». Im Rahmen des Projekts bietet die Organisation kostenlose Gartenberatungen und Zertifizierungen an.