Nützlicher Gräber
Maulwurf im Garten: Warum der Hügelbauer kein Schädling ist
Viele betrachten ihre Erdhügel als Ärgernis. Dabei sorgen Maulwürfe für gelockerte Böden, reiche Nährstoffvorräte und tragen dazu bei, dass der Garten zu einem lebendigen Lebensraum wird.
Ein neuer Nachbar macht sich im Garten breit – samt eigenwilliger Umgestaltung. Halbkugelige Erdhügel zieren neuerdings das liebgehegte und ehemals ästhetisch ebenerdige Grün. Ein Maulwurf hat sich in der grünen Oase eingerichtet – für so manche Gartenbesitzer ein Ärgernis. Der Griff zur Schaufel und ein Plattdrücken der aufgehäuften Erde liegt nahe, doch eine langfristige Lösung ist dies laut Madeleine Geiger nicht: «Der Maulwurf würde schnell für Nachschub sorgen.» Sofern den Tieren kein unnötiges Leid zugefügt wird, ist die Bekämpfung grundsätzlich erlaubt. Der Maulwurf ist schliesslich in der Schweiz keine geschützte Tierart. Dennoch rät die Biologin der Forschungs- und Beratungsgemeinschaft SWILD zur Zurückhaltung: «Die meisten Bekämpfungs- und Abschreckungsmethoden haben keine langfristige Wirkung, sind teuer und stehen in keinem Verhältnis zum angerichteten Schaden durch den Maulwurf.» Stattdessen sollte stets abgewogen werden, welchen Nutzen der Maulwurf bringt – und dieser ist deutlich grösser als viele glauben mögen.
Maulwürfe leben zurückgezogen, meiden die Oberfläche und bewegen sich in einem Raum, der unserer Wahrnehmung entzogen ist. «Lange war nicht bekannt, dass in der Schweiz sogar zwei verschiedene Arten von Maulwürfen vorkommen.» Zum einen ist dies der Europäische Maulwurf (Talpa europaea). Er ist in den meisten Regionen der Schweiz verbreitet. Zum anderen kommt im Tessin sowie kleinräumig in Teilen des Wallis und von Graubünden auch der etwas kleinere Blindmaulwurf (Talpa caeca) vor. «Obwohl dieser im Gegensatz zum Europäischen Maulwurf tatsächlich blind ist, reicht sein Lebensraum in den Alpen bis über die Baumgrenze hinaus», zeigt sich die Biologin Geiger beeindruckt. Doch abgesehen von Erdhügeln, sind beide Maulwurfsarten und ihre Untergrundmachenschaften für den Menschen praktisch unsichtbar. Dies spiegelt sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung der mausgrossen Tunnelgräber wider. So existieren nur sehr wenige Meldungen von Maulwürfen auf den zwei Meldeplattformen stadtwildtiere.ch undwildenachbarn.ch. «Dort geteilte Beobachtungen können unser Wissen über die Maulwürfe, aber auch über alle anderen Schweizer Wildtiere, vertiefen»,bittet Geiger um Mithilfe der Bevölkerung.
Ein Leben im Untergrund
Ein gänzlich unbeschriebenes Blatt ist der Maulwurf dennoch nicht. «Sein ganzer Körper ist für ein Leben unter der Erde spezialisiert», erklärt Madeleine Geiger. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, der Maulwurf sei blind, können seine winzigen Augen Licht und Bewegungen wahrnehmen. Dies genügt ihm, um im Alleingang seine bis weit über einen Kilometer langen, verzweigten Gangsysteme anzulegen. «Dabei kann er das 20-fache seines eigenen Körpergewichtes an Erde auf einmal stemmen.» Diese Grabtätigkeit hat wiederum weitreichende Auswirkungen auf den Boden. Durch das Lockern und Durchmischen der Erde wird die Durchlüftung verbessert, der Nährstoffgehalt der oberen Bodenschichten erhöht und die Bodenstruktur insgesamt aufgewertet. Die aufgeworfenen Hügelbestehen oft aus feiner, nährstoffreicher Erde und können zu Keimorten für bestimmte Pflanzen werden. Gleichzeitig bieten sie Lebensraum für spezialisierte Insekten. «Maulwürfe können deshalb – ähnlich wie Biber – als ‹Ökosystem-Ingenieure› angesehen werden», meint Geiger.
Doch häufiger werden Maulwürfe als vermeintliche Schädlinge für Garten und Pflanzen angesehen – dabei besteht ihre Nahrung ausschliesslich aus tierischer Kost. Sie fressen Würmer, Insekten und andere Kleintiere, darunter auch Engerlinge, die im Garten Schäden anrichten können. «Maulwürfe stellen somit keine Gefahr für das Gemüse- und Blumenbeet dar, sondern dienen dem Garten und Menschen eher als Nützlinge», resümiert Madeleine Geiger. Ganz anders als Schermäuse, die als Pflanzenfresser Wurzeln und Knollen anknabbern und so die Beete schädigen können. Wer also unter angefressenen Pflanzen leidet, hat es nicht mit einem Maulwurf zu tun. So verrät ein Blick auf die aufgeworfenen Erdhaufen die jeweilige Tierart: Die Maulwurfshügel sind regelmässig angeordnet, halbkugelig geformt und können bis zu 20 Zentimeter hoch werden. Bei der Schermaus sehen die Erdhaufen anders aus. Sie sind flacher, oft länglich, und enthalten nicht selten Pflanzenstücke. Zudem verläuft der Grabgang bei der Schermaus seitlich in den Hügel, während dieser beim Maulwurf senkrecht darunter liegt.
Auf Spurensuche des Gräbers
Obwohl der Maulwurf in den meisten Regionen der Schweiz beheimatet ist, kommt er in dicht bebauten Innenstädten äusserst selten vor. «Trotzdem sind sie erstaunlich anpassungsfähig und kommen überall dort vor, wo der Boden genügend tiefgründig, locker und gut durchlüftet ist», erklärt Madeleine Geiger. In stark versiegelten Stadtzentren fehlen diese Voraussetzungen häufig. Entsprechend schaufeln sich die Tiere eher durch Gärten von Agglomerationen, Wälder oder landwirtschaftlich geprägte Gebiete. «In der Landwirtschaft können Maulwurfshügel bei der Bewirtschaftung zum Problem werden», wie Geiger jedoch konstatiert. Wer sich über die kleinen Erdhügel hingegen im eigenen Garten ärgert, sollte dennoch nicht vorschnell zur Schaufel greifen. Das blosse Plattdrücken ist – wie bereits erwähnt – kaum wirksam, denn der Maulwurf wirft rasch neue Hügel auf. «Viel produktiver ist es, sich den Maulwurfshügel zunutze zu machen», rät Geiger. Die feine, nährstoffreiche Erde eigne sich hervorragend, um sie im Garten weiterzuverwenden, etwa zum Auffüllen von Beeten oder zum Mischen von Pflanzerde. «Es lohnt sich, den Maulwurf im Garten zu tolerieren, anstatt ihn zu bekämpfen.»
Wer die Anwesenheit des unterirdischen Gärtners zu schätzen weiss, kann mit einer naturnahen Gartengestaltung dazu beitragen, dass sich die Tiere wohlfühlen. Eine vielfältige Bepflanzung, wenig Bodenversiegelung und der Verzicht auf Pestizide fördern Insekten und Regenwürmer – und damit die wichtigste Nahrungsgrundlage des Maulwurfs. «Wenn Gärten noch durch Grünkorridore mit der Landschaft verbunden sind, dann fällt es allen kleinen Säugetieren einfacher, diese Lebensräume zu erreichen», erklärt die Biologin Madeleine Geiger. Hält der Maulwurf schliesslich Einzug im Garten, kann dies als Kompliment für die fleissige Gärtnerin oder den fleissigen Gärtner gewertet werden: «Dort, wo es dem Maulwurf gefällt, ist der Boden gut durchlüftet und reich an lebendiger Bodenfauna.» Auch wenn seine Anwesenheit nicht immer den ästhetischen Vorstellungen entsprechen mag – ökologisch ist sie ein Zeichen dafür, dass auch unter der Oberfläche alles in geordneten Bahnen verläuft.
Tipp
Legen Sie eine Karotte ans Eingangsloch. Wird an ihr geknabbert, ist es eine Schermaus; bleibt sie unberührt, handelt es sich um einen Maulwurf.
Wildtier entdeckt?
Melden Sie Ihre Wildtierbeobachtung, auch Maulwürfe und ihre Hügel, mit Fotos online auf den Webseiten stadtwildtiere.ch oder wildenachbarn.ch.
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