Die Kämpfe unter Rehböcken sind im Mai besonders intensiv. Darauf folgt die Brunftzeit im Juli und August. Die Böcke geben ihre Reviere auf und folgen den Ricken. Dieses Treiben gehört zum Brunftspiel. Erst wenn eine Rehgeiss aufnahmebereit ist, verlangsamt sie ihre Schritte und lässt den Bock aufschliessen. Meist kommt es zu zwei nacheinander folgenden Begattungen.

Die Rehgeiss ist während gut drei Tagen aufnahmebereit. Ihre Kitze, die sie im Mai gesetzt hat, sind zwar noch auf ihre Mutter angewiesen, werden aber während dieser Zeit alleine gelassen. Der Bock bleibt nahe bei der Ricke.

Wenn die Begattung im Hochsommer stattfindet und die Kitze im Mai gesetzt werden, ergibt sich daraus eine Tragzeit von neun bis zehn Monaten. Kann es sein, dass das Reh eine solch lange Tragzeit hat, wohingegen die viel grössere Rothirschkuh während nur acht Monaten schwanger ist? Diese Frage beschäftigte Fachkreise lange, insbesondere auch, weil bei im Herbst auf der Jagd geschossenen Rehen, die anschliessend zerlegt wurden, keine Keimlinge gefunden wurden – eigentlich eigenartig, wenn davon ausgegangen wird, dass die Befruchtung im Hochsommer stattgefunden hat. Im Spätherbst gibt es aber nochmals eine Brunftzeit. Findet die eigentliche Paarung erst dann statt?

Embryonalentwicklung in Zeitlupe

Des Rätsels Lösung ist die Keimruhe. Noch während der Keimesentwicklung tritt die Keimruhe auf, so dass die Entwicklung monatelang unterbrochen wird. Es wird somit zwischen Vortragzeit, in welcher der Keimling ruht, und der verlängerten Tragzeit, in welcher er sich entwickelt, unterschieden. Das Reh ist die einzige Hirschart, welche diese Fähigkeit besitzt.

Aber keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt Ricken, die im Hochsommer nicht aufnehmen und im November und Dezember nochmals in Brunft geraten und gedeckt werden. Bei ihnen beginnt sich der Embryo sofort zu entwickeln.

Forschende der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) um Professorin Susanne Ulbrich fanden heraus, was während der Keimruhe tatsächlich abläuft. Demnach teilen sich die embryonalen Zellen während der Diapause – eine Form der Unterbrechung der Entwicklung – weiterhin, wenn auch sehr langsam. Dies scheint eine Folge molekularer Vorgänge im Embryo zu sein. In der Uterusflüssigkeit fanden die Forschenden Signalstoffe, welche die Teilungsgeschwindigkeit regulieren könnten. Wenn sich gegen Ende der Diapause die Konzentration bestimmter Aminosäuren in der Uterusflüssigkeit ändert, setzt die Rate der Zellteilung mit normaler Geschwindigkeit ein.

Das werfe ein neues Licht auf die Fortpflanzungsbiologie im Allgemeinen, findet Professorin Ulbrich. Wie kommt es bei Säugetieren zu einer Schwangerschaft oder Trächtigkeit? Bei Mensch und Rind können sich beispielsweise Embryonen oft nicht in der Gebärmutter einnisten und sterben.

Für eine erfolgreiche Schwangerschaft bedürfe es einer engen zeitlichen Abstimmung. Der Embryo müsse sich zum richtigen Zeitpunkt durch entsprechende molekulare Signale bemerkbar machen und den Zyklus der Mutter unterbrechen. «Diese Interaktion zwischen Embryo und Mutter wollen wir besser verstehen», erklärt die ETH-Professorin. Dafür sei das Reh als Modell ideal. Dessen Embryonalentwicklung laufe in Zeitlupe ab. «Dadurch können wir die einzelnen Schritte besser zeitlich auflösen.»

Keimruhe ist ein seltenes Phänomen bei Säugetieren, das ansonsten noch beim Dachs und anderen Marderartigen vorkommt. Bei Pflanzen des gemässigten Klimas hingegen ist die Keimruhe oder Dormanz ausgereifter Samen die Regel. Sie bewirkt, dass der Keimling unter optimalen Bedingungen zu wachsen beginnt, also im Frühling.