Die rote Lampe über dem Schreibtisch mit den vier Monitoren blinkt. «Tiernotruf, wo genau ist der Notfallort?», meldet sich Melanie De Witte. Am anderen Ende des Telefons meldet sich eine aufgeregte Frau. Sie habe auf dem Weg zur Arbeit eine verletzte Katze entdeckt, die apathisch neben dem Weg liege. De Witte beruhigt die Frau und versichert, dass sich sofort jemand auf den Weg mache. Gleichzeitig entlockt sie der Anruferin wichtige Informationen, die sie über das Einsatzleitsystem auf dem Computer eintippt. Auf einer Karte sieht sie, welches Einsatzfahrzeug sich am nächsten beim Notfallort befindet und ob der Fahrer oder die Fahrerin verfügbar ist. Mit einem Mausklick schickt sie diesem alle nötigen Informationen aufs Handy.

Bei Patrick Huber meldet sich das Telefon mit einem kurzen Piepton. «Wir haben einen Einsatz», meldet der 32-Jährige und zieht sich die Jacke seiner Tierrettungs-Uniform an. Zügig, aber nicht überstürzt, steigt er in den bereitstehenden Rettungswagen vor dem Tierheim Pfötli in Winkel bei Zürich, wo auch die Stiftung Tierrettungsdienst ihren Sitz hat. Den Einsatzort schickt Patricks Handy direkt aufs Navi. So muss der Tierrettungsfahrer nicht nach dem Weg suchen, sondern kann sich auf der Anfahrt bereits mental auf den Einsatz vorbereiten. Handelt es sich bei der verletzten Katze um das Opfer eines Verkehrsunfalls? Lebt das Tier bei der Ankunft noch? Oder wird es bei der Bergung Zähne und Krallen einsetzen? Knapp 20 Minuten nach dem Eingang des Notrufs ist Patrick vor Ort.

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Dank Chip zurück zuhause

Auf dem Kiesweg neben einem Bach kniet eine Frau am Boden und streichelt eine reglose, getigerte Katze. Huber steckt sich ein Chiplesegerät und blaue Einweghandschuhe ein und gesellt sich zu der Melderin. «Grüezi, ich bin Patrick Huber von der Tierrettung», stellt er sich vor. «Sie lebt noch und schnurrt», antwortet die Frau sofort mit Blick auf die magere Katze, die vor ihr im Gras liegt. «Ich wollte sie nicht einfach so hier liegen lassen.» Deshalb habe sie die Polizei angerufen, diese habe sie an die Tierrettung verwiesen. «Hoffen wir mal, dass sie gechipt ist», antwortet Huber und schaltet das Chiplesegerät ein. Vorsichtig fährt er mit diesem entlang des Nackens der Katze, bis ein Piepton zu hören ist. Glück gehabt! Ein kurzer Blick in die Datenbank von ANIS – dem Register für gechipte Heimtiere – reicht, und Huber weiss, dass die Katze gleich nebenan wohnt. Er holt eine mit einem weichen Handtuch gepolsterte Transportbox und setzt die geschwächte, aber unverletzte Katze vorsichtig hinein. Danach macht er sich zu Fuss auf den Weg zur ermittelten Adresse des Tierhalters.

Der Mann, der die Tür öffnet, ist sichtlich erleichtert. Eigentlich wäre die Katzenklappe geschlossen gewesen, berichtet er, aber Katze Minka habe sich unbemerkt durch ein offenes Fenster davonstehlen können. Sie sei bereits 17 Jahre alt und habe in den letzten Wochen zunehmend gesundheitlich abgebaut. Daher habe er für den Nachmittag einen Termin beim Tierarzt gemacht, um die Katze erlösen zu lassen. Der Spaziergängerin und der Tierrettung sei er sehr dankbar, denn so könne er Minka nun auf ihrem letzten Weg noch begleiten und Abschied nehmen.

Einsätze wie dieser seien durchaus alltäglich, erzählt Patrick Huber zurück im Einsatzfahrzeug. Und trotzdem würde es ihn immer wieder berühren, wenn er Tier und Halter wieder vereinen könne. «Umso wichtiger ist es, wieder einmal zu betonen, dass man sein Haustier chippen und registrieren lassen sollte», sagt er. Ein Blick aufs Handy zeigt: Kein weiterer Einsatz – für den Moment. Doch das kann sich jederzeit ändern.

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Vom Leben und Sterben

In der Zentrale der Tierrettung sitzen sieben Mitarbeitende, die rund um die Uhr Anrufe besorgter Bürgerinnen und Bürger entgegennehmen. Dabei nutzen sie dasselbe Einsatzleitsystem wie Feuerwehr und Sanität. 2024 hat die Einsatzzentrale so 22'000 Anrufe bearbeitet und zusammen mit den mobilen Tierrettern7100 Einsätze absolviert.

Seit ihrer Gründung vor 33 Jahren hat sich die Tierrettung zu einer Organisation mit heute 60 Mitarbeitenden und 108 Freiwilligen entwickelt. Als solcher hat Patrick Huber 2014 angefangen, Einsätze zufahren. Der gelernte Schreiner war Sanitätswacht-meister im Militär und hat bei der Rettungssanität geschnuppert. Seit 2016 ist er bei der Stiftung fest als Tierrettungsfahrer angestellt. Dass er dabei auch mal an seine Grenzen stossen würde, ahnte Patrick Huber schnell. «Erst letztes Jahr hatten wir einen Fall, der selbst mir an die Nieren ging», berichtet er. Wenn bei einem Polizei- oder Feuerwehreinsatz Tiere mit im Spiel seien, werde die Tierrettung oft gleich von Anfang an mit einbezogen. So kam es auch dazu, dass Huber als einer der Ersten eine Wohnung betrat, in der ein Mann lag, der bereits seit Längerem verstorben sein musste. Seine drei Katzen hatten in ihrer Not bereits den Leichnam angefressen – ein Anblick, der auch dem routinierten Tierretter lange nicht aus dem Kopf ging. «Auch Tötungsdelikte und Suizide sind sicherlichExtremfälle, aber ich versuche, mich dann innerlich zu distanzieren und mich auf die betroffenen Tiere zu konzentrieren», so Huber. Ein internes Care-Team steht den Mitarbeitenden der Stiftung zur Verfügung, um belastende Erlebnisse im Gespräch zu verarbeiten.

Wenn Patrick Huber für ein geliebtes Haustier in manchen Fällen an seine physischen und mentalen Grenzen geht, ärgert es ihn umso mehr, wenn Menschen ihm ins Gesicht lügen. «Gerade bei ausgesetzten Tieren ist dies leider oft der Fall. Dann haben Anrufer angeblich ein Kaninchen ‹gefunden›, das ihnen aber selbst gehört und sie einfach günstig loswerden wollen», erzählt er.

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Sorgenkinder mit vier Pfoten

Doch bevor er sich weiter darüber Gedanken machen kann, meldet sich sein Handy. Ein Igel soll zum Tierarzt gebracht werden. Auch solche Fahrten fallen in das Einsatzspektrum der Tierrettung, insbesondere, wenn die Melder selbst nicht mobil sind. Nach knapp einer halben Stunde Fahrt kann Huber den Patienten vor Ort begutachten. Der Igel zieht gut sichtbar einen Fuss nach – ein klarer Fall für eine tiermedizinische Fachperson. Die Praxis kennt die Tierrettung bereits gut, entsprechend herzlich wird Huber empfangen. Später wird ein anderer Fahrer den Igel wieder abholen und zu einer Pflegestelle bringen, wo er bis zur vollständigen Genesung betreut und anschliessend wieder ausgewildert werden wird.

Inzwischen ist es Mittag geworden, und Patrick Huber freut sich auf eine kleine Pause in der Zentrale des Tierheims Pfötli. Hier kann er nach dem Essen das verbrauchte Material im Rettungswagen wieder auffüllen. Danach bleibt ihm noch kurz Zeit, eines seiner Sorgenkinder im Tierheim zu besuchen, in dem bis zu 250 Tiere vorübergehend ein Zuhause finden.

2024 waren darunter auch mehrere beschlagnahmte Hunde, so wie Rüde Charlie. Der Mischling wurde vor einigen Tagen durch die Hundefachgruppe der Tierrettung gesichert und ins Tierheim gebracht. Die Hundefachgruppe besteht aus zwölf Mitarbeitenden der Stiftung, die dank einer entsprechenden Spezialausbildung auch mit schwierigen Tieren umgehen können. Sie sind rund um die Uhr auf Pikett und werden zum Beispiel bei Polizeieinsätzen hinzugezogen, um einen Hund zügig und zuverlässig zu sichern.

«Beissvorfälle sind immer problematisch, sowohl für den Menschen als auch für die Tiere», sagt Huber. Entsprechend würden die Hundespezialisten auch immer zu zweit ausrücken, um sich gegenseitig bei der Sicherung eines Tieres unterstützen zu können.Hunde wie Charlie, die ohne Impfnachweis oder Chip mit Länderkennzeichnung in die Schweiz importiert wurden, müssen immer in Quarantäne, da Tollwut nicht ausgeschlossen werden kann – ein hoher Aufwand für die Tierpfleger, zum Wohle des Tieres und der Mitarbeitenden. Ist das Veterinäramt involviert, was bei Beschlagnahmungen immer der Fall ist, wird der Einsatz vom Amt bezahlt. 95 Prozent ihrer Kosten muss die Stiftung Tierrettungsdienst jedoch durch Spenden decken.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Patrick Hubers nächster Einsatz klingt weniger dramatisch: Ein junger Spatz, der aus dem Nest gefallen ist, soll abgeholt werden. «Erst einmal schauen wir uns die Situation vor Ort an», betont Huber. Denn oft können Jungvögel zurück ins Nest gesetzt werden, sofern es sich um sogenannte Nestlinge handelt. Nestlinge sind junge Vögel, die noch nackt oder erst spärlich befiedert sind, deren Augen noch geschlossen sind und die vollständig von den Eltern versorgt werden. Im Gegensatz dazu sind Ästlinge bereits ältere Jungvögel, die erste Flugversuche unternehmen und sich oft hüpfend auf dem Boden bewegen. Dabei machen sie zwar auch einen hilflosen Eindruck, werden aber weiterhin von den Eltern versorgt, die stets in der Nähe sind.

Der Einsatz führt Patrick Huber zu einem Firmengebäude im Zentrum Zürichs. In der edel wirkenden Eingangshalle wird er von einer Frau empfangen und zum Büro des Melders geführt. Der Mann im Anzug hält eine Kartonschachtel in der Hand, darin ein kleiner Spatz. Im Gespräch findet Huber heraus, dass der Mann den Vogel bereits vor zwei Tagen im Innenhof eingesammelt und mit nach Hause genommen habe. Im Internet habe er gelesen, dass man Jungvögel mit Rührei füttern könne, bis sie flügge seien. Huber nimmt den Karton entgegen und verabschiedet sich vom Melder. Zurück im Einsatzfahrzeug atmet er erst einmal tief durch. «Es ist unbegreiflich, wie viele Fehlinformationen immer noch im Umlauf sind», ärgert sich der Tierretter. «Bei dem Spatzen handelt es sich um einen Ästling, er hätte sicher vor Ort bleiben können, wo ihn die Elterntiere weiter versorgt hätten. Jetzt, zwei Tage später, ist diese Chance vertan. Und mit Rührei füttern? Auf keinen Fall!»

Einsätze wie dieser verdeutlichen, dass die meisten Tiere durch den Menschen zu Schaden kommen: Vögel fliegen gegen Scheiben, nutzen in der Natur entsorgten Müll als ungeeignetes Nistmaterial, werden gefüttert – und dies oft falsch, Wildtiere werden angefahren oder geraten in missliche Lagen. Für Patrick Huber ist dies der Hauptgrund, weshalb es Organisationen wie die Stiftung Tierrettungsdienst dringend braucht. «Es ist nur fair, wenn die Tiere durch uns wenigstens eine zweite Chance bekommen», sagt er.

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Jeder Tag ist anders

Mit dem Spatzen in der Kartonschachtel fährt Huber zur Wildvogel-Pflegestation in der Voliere am Mythenquai. Hier kümmern sich Tierpflegerin Elisabeth Schlumpf und ihr Team jährlich um bis zu 1800 gefiederte Patienten. Entsprechend laut ist es in den Räumlichkeiten – überall piepst, quakt und kräht es. Huber übergibt Schlumpf den kleinen Spatzen. «Die Aufzucht eines Jungvogels gehört immer in Expertenhände», betont Schlumpf. Sie ist daher froh, dass der Mann im Anzug nach zwei Tagen Selbstversuch doch noch ein Einsehen hatte. «Sonst hätte der Spatz wahrscheinlich nicht überlebt.»

Nach diesem Einsatz ist die Schicht von PatrickHuber zu Ende. Am nächsten Tag werden wieder einige Anrufe eingehen, denen er nachgehen wird. So brüten aktuell zahlreiche Stockenten auf Dachterrassen, da sie am Seeufer keine Ruhe mehr haben. Den Weg zum Wasser schaffen die Küken nicht alleine, sei es, weil gefährliche Strassen dazwischenliegen oder es schlicht keine Möglichkeit für die Tiere gibt, von dem erhöhten Nistplatz sicher nach unten zu kommen. Huber hofft, dass die Entenmutter geduldig genug sein wird und ihre Brut nicht aufgibt, bevor die Tierretter die Küken alle einsammeln können. Schon zu oft musste er zurückgelassene Entchen mit ins Tierheim nehmen, wo sie bereits auf kleine Artgenossen mit demselben Schicksal treffen. Einmal selbstständig, werden die Jungenten an geeigneten Stellen in die Freiheit entlassen. Bis dahin werden sie von Tierpflegern rund um die Uhr versorgt – oder wann immer möglich bei einem weiteren Einsatz einer Entenmutter «untergejubelt». Solche und andere Tricks lernte Huber im Laufe seiner Tätigkeit als Tierretter. Improvisieren gehört zu seinem Alltag, sei es bei der Rettung eines Hundes aus einem Pool oder beim Aufspüren einer angefahrenen Katze im Wald. Am Ende des Tages geht Huber stets mit dem guten Gefühl nach Hause, alles getan zu haben, um die tägliche tierische Not rund um Zürich und im Kanton etwas zu lindern.