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Wie kam es zu Ihrer Faszination für Aquarienpflanzen, Frau Wilstermann-Hildebrand?

Als ich mit zwölf mein erstes Aquariumerhielt, standen die Fische im Vordergrund. Im Laufe der Zeit entwickelte ich ein besonderes Interesse für Wasserpflanzen. Mein Gartenbau-Studium führte mich in die Botanik. Dafür zog ich in die Stadt Hannover, wo ich auch dem Arbeitskreis Wasser-pflanzen beitrat. Dort tauschte ich mich mit vielen Gleichgesinnten aus. So wurden Pflanzen allgemein rasch zu meinem Hauptthema. Schliesslich lernte ich sogar meinen Mann über die Aquarienpflanzen kennen. Er arbeitete als Produktionsleiter in einer Gärtnerei für Aquarienpflanzen.

Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihre Aquarien.

Unser Keller besteht praktisch aus Wasser! Wir hatten dort mal um die 140 Aquarien, heute sind es zwischen 80 und 90 grössere Becken.

Schwimmen bei Ihnen keine Fische?

Doch, denn ein richtiger Fischbesatz ist für Aquarienpflanzen sogar förderlich. Wir sind von westafrikanischen Zwergcichlidenbegeistert. Zudem ziehen wir Barben und Salmler nach. Für diese Freilaicher ist eine dichte Bepflanzung von Vorteil. In manchen Aquarien stehen die Pflanzen im Vordergrund. Wir pflegen unter anderem verschiedene seltene Arten von Wasserkelchen,Bucephalandra und Stängelpflanzen.

Bekommt ein schönes Pflanzenaquarium nur hin, wer Kohlenstoff oder CO2 zufügt, austariertes Licht und Wasserpflanzen-dünger bietet?

In meinem Buch behandle ich ausschliesslich Arten, die geringe Ansprüche an die Wasserqualität haben und auch ohne zusätzliche CO2-Düngung wachsen. Je nach Ausgangswasser und Fischbesatz kann aber eine Düngung bestimmter Mineralstoffe nötig sein.

Trotzdem ergeben sich oft Probleme mit dem Wasserpflanzenwachstum.

Voraussetzung ist, dass die grundsätzlichen Lebensansprüche der Pflanzen erfüllt werden. Je wärmer beispielsweise das Wasser, desto mehr Licht brauchen sie. Wenn das Verhältnis zwischen Fischmenge und Pflanzen passt, dann funktioniert ein Aquarium.

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Die CO2-Zugabe ist ein grosses Thema in der Aquaristik. Warum finden Sie, dass sie nicht notwendig ist?

Wenn eine Pflanze wachsen soll, braucht sie Grundbausteine, um ihre Masse aufbauen zu können. Dazu gehört CO2. Eine Aquarienpflanze, die begrenztes CO2 zur Verfügung hat, zeigt keine Mangelsymptome. Sie wächst einfach langsamer. Wer schnelles Pflanzenwachstum haben will, muss CO2 ins Aquarienwasser einbringen. Der Nährstoffbedarf der Wasserpflanzen steigt in dem Masse, in dem das CO2 das Wachstum puscht. Dies bedingt, dass Nährstoffe austariert vorhanden sind, also zugegeben werden. Lediglich CO2-Zuführung löst das Problem serbelnder Pflanzen nicht.

Dieses Problem wird mit einem Aquarienpflanzendünger behoben.

Durchaus, aber nicht jeder Dünger hilft in jedem Fall. Zu viel Eisenzugabe beispielsweise kann dazu führen, dass die übrige Nährstoffaufnahme von Wasserpflanzen behindert wird. Es muss ein passenderDünger mit dem benötigten Nährstoff eingesetzt werden.

Welchen Einfluss hat der Wasserwechsel auf das Pflanzenwachstum?

Mit jedem Wasserwechsel werden überschüssiges Nitrat und Phosphat entfernt, und es gelangen neue Mineralstoffe in das Becken. Mit Fischen im Aquarium, die täglich gefüttert werden, ist der Wasserwechsel sowieso unvermeidbar. Er ist wie ein Resetknopf. Mit dem Futter gelangen organische Substanzen wie Stärke, Eiweisse, Öle und Fette ins Becken, die zu 70 Prozent von den Fischen wieder ausgeschieden werden. Sie werden von Mikroorganismen umgesetzt und mineralisiert. Das führt zu Phosphat- und Stickstoffansammlungen. Bei einem Becken ohne Fische reicht in manchenFällen ein Wasserwechsel alle zwei bis drei Monate aus. Aquaristik heisst viel beobachten und dann entscheiden, was für das Aquarium richtig ist.

Was gibt es sonst noch für Fallstricke?

Wenn gut wachsende Stängelpflanzen wie etwa der Indische Wasserfreund und weitere Hygrophila-Arten plötzlich durch andere Arten ersetzt werden, fehlt ein wichtiger Nährstoffzehrer. Er stabilisiert das Aquarienmilieu, denn eine rasch wachsende Pflanzenmasse entfernt überschüssige Nährstoffe, so dass auch andere Arten gedeihen können. Der Rückschnitt und die Neupflanzung gut wachsender Stängelpflanzen sind wichtig für das Gleichgewicht im Becken. Ein Aquarium ist ein Ökosystem. Bedingungen verändern sich durch jede Pflanze, die entfernt oder neu eingebracht wird.

Muss der Bodengrund gereinigt werden, ist eine Bodenheizung förderlich?

Ein Bodengrund, der gut durchwurzelt ist, reinigt sich selbst. Tropische Wasserpflanzen brauchen eine Bodentemperatur von mindestens 22 °C. Für ein Aquarium in einer modernen, geheizten Wohnung ist eineBodenheizung nicht nötig. Sie kann aber durchaus das Wachstum der Pflanzen steigern. Die Frage ist, wofür das gut sein soll. Eine Bodenheizung schadet nicht, aber es braucht sie nicht.

Wie wichtig ist Strömung im Aquarium?

Die Pflanze nimmt Nährstoffe durch Diffusion auf. Es gibt Pflanzen, die Strömung mögen, aber ich kenne keine Stängel- oder Rosettenpflanze, welche Strömung braucht.

Wie wachsen Wasserpflanzen an den Naturstandorten?

Meist handelt es sich um Sumpfpflanzen, die eine gewisse Zeit des Jahres emers, also über dem Wasserspiegel, gedeihen. Mein Mann und ich haben in Malaysia, Singapur und Australien Wasserpflanzen nachgespürt. Wir interessierten uns besonders für Cryptocorynen- und Lagenandra-Arten.

Wie werden Wasserpflanzen gezogen?

Emers, weil die Pflanze so ein Stützgewebe entwickelt und besser transportiert werden kann. Sie wächst später ohne Problemeunter Wasser.