Tiere in der Bibel
Ochs und Esel an der Krippe
Ochs und Esel gehören ganz selbstverständlich zur Weihnachtskrippe. Wie es dazu kam, welche Rolle Tiere in der Bibel und im Leben Jesu spielen und was die Kirche mit ihnen gemacht hat, erklärt Pfarrerin Simone Fopp.
Wenn diese letzte «TierWelt» des Jahres 2025 am 24. Dezember im Briefkasten liegt, machen in Kirchen und unzähligen privaten Haushalten Weihnachtskrippen auf die Geburt Jesu aufmerksam. Mit Maria und Josef gehören auch Ochs und Esel zur Krippe mit dem Jesuskind, ob als Holz-, Wachs- oder Stofffiguren. Ebenso fehlen sie auf gemalten Krippenszenen seit Jahrhunderten nie. Kurios nur: In der Weihnachtsgeschichte, wie sie im Lukas-Evangelium im Neuen Testament steht, ist zwar erwähnt, dass Jesus in eine Futterkrippe gelegt wurde, doch von Ochs und Esel findet sich keine Spur.
Ob die beiden prominenten Tiere an der Weihnachtskrippe der alttestamentlichen Bibelstelle bei Jesaja entlehnt sind, wo der Prophet erwähnt, dass der Ochse seinen Besitzer kennt und der Esel die Krippe seines Herrn? Dieser Bezug findet sich bei den Kirchenvätern, christliche Autoren der ersten acht Jahrhunderte nach Jesu Geburt. «Es ist nicht belegt, dass die Krippendarstellung auf Jesaia zurückgeht», sagt Pfarrerin Simone Fopp. Die Theologin erläutert, dass wohl erst ab dem 4. Jahrhundert die Tradition entstand, Tiere an der Krippe darzustellen. «Dies leider auch in antijüdischer und polemischer Art, indem der Ochse als Symbol für das Volk Israel und der Esel für die Heiden gesehen wurde».
Simone Fopp ist reformierte Pfarrerin an der Heiliggeistkirche in Bern und hat in Theologie doktoriert. Sie schliesst Tiere in ihren Gebeten und Predigten mit ein und setzt sich mit ihrer Bedeutung im Christentum auseinander. «Ich war schon als Kind gerne in der Natur und im Zoo, konnte Tiere stundenlang beobachten und stellte fest, wie sehr sie und ihre Lebensräume miteinander verbunden sind.» Es sei herausfordernd, herauszufinden, wie die verschiedenen Tierarten kommunizieren, findet sie.
«Im Studium bin ich auf die Schöpfungsvergessenheit der Theologie aufmerksam geworden. In den letzten 200 Jahren hat man sich stark auf den Menschen konzentriert.» Das Tier sei verzweckt worden, der Nutzgedanke sei in den Vordergrund getreten. Simone Fopp weist darauf hin, dass in der Tradition der Bibel das Tier ein Recht auf eine nutzlose Existenz habe, so wie der Mensch auch. «In Psalm 104 wird das wunderbar beschrieben.» Dort steht beispielsweise in poetischen Worten vom Wasser, das sprudelt und dass «alle Tiere des Feldes trinken und der Wildesel seinen Durst lösche. Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.» Pfarrerin Fopp betont, dass alles, was lebt, Würde habe.
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Tier und Mensch lebten nahe beisammen
Wie könnte es bei Jesu Geburt im Stall zu Bethlehem ausgesehen haben? Spielten da Tiere eine Rolle? Historisch gesichert sei nichts. «Die Evangelien berichten, dass die Geburt in einer sehr prekären Situation stattgefunden hat», sagt Simone Fopp. Das knüpfe an die Tradition des Schutzes von Flüchtlingen und Armen des Alten Testaments an. «Mit der Schilderung der Geburt möchten die Evangelisten Lukas und Matthäus theologisch etwas über Jesus aussagen, nämlich, dass Gott den Menschen nahe ist, die kein Haus haben.» Es sei damals normal gewesen, dass Ochse, Esel und Hühner nahe bei den Menschen gelebt hätten, also quer durch Dörfer getrottet und getrippelt seien, vielleicht manchmal sogar Mensch und Tier im gleichen Raum genächtigt hätten, wie das heute in manchen Weltgegenden immer noch der Fall sei. «Lukas sagt mit der Weihnachtsgeschichte aus: Hier geschieht etwas Besonderes, Mensch und Tierfühlen sich wohl in Gottes Gegenwart. Zur Krippe mit dem Jesuskind kommen alle, Engel, Menschen, arme, reiche und Tiere.»
Nebst den domestizierten Tieren seien sicher auch wilde Tiere in der Heiligen Nacht zugegen gewesen, von der Maus über die Schleiereule bis zur Fledermaus. «Das Gebiet von Israel oder Palästina ist sehr reich an Tierarten, der Vogelzug führt über die Levante, das Gebiet zwischen der Türkei und Afrika», sagt Pfarrerin Simone Fopp. Es handle sich um einen wichtigen Tierlebensraum und um ein geologisch interessantes Gebiet, denn dort träfen die arabische und die afrikanische Platte aufeinander. Gedanken, die an Heiligabend während des Christnachtgottesdienstes oder der Christnachtmesse durch den Kopf gehen können.
Jesus wird in den Evangelien dargestellt als der, der kommt und Frieden eröffnet. Simone Fopp betont, dass zur Zeit der Geburt Jesu Menschen der wilden Natur viel mehr ausgesetzt waren. Sie mahnt, dass eine anthropozentrische Sicht der Tiere problematisch sei. «Früher war man den Wildtieren noch stärker ausgesetzt und musste sich auch schützen.»
Es seien nur wenige Äusserungen Jesu zu Tieren überliefert, etwa bei Lukas, wo das Gleichnis des Senfkorns beschrieben werde, das zu einem Baum wächst, in welchem die Vögel des Himmels wohnten und in seinen Zweigen nisteten. Simone Fopp erwähnt einen weiteren Text, den sie geheimnisvoll findet: «Im1. Kapitel bei Markus steht über Jesu Versuchung in der Wüste, dass er dort bei den Tieren und den Engeln war und ihm alle dienten.» Die Pfarrerin gibt zu bedenken, dass Jesus nur kurz lebte. «Ich kann mir vorstellen, dass in der Überlieferung vieles mündlich oder nonverbal geschah und nur Begegnungen Jesu mit Menschen festgehalten wurden.»
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Sprechende Esel und Brot bringende Raben
Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass Tiere im Alten Testament der Bibel, also lange vor Jesu Geburt, ganz selbstverständlich zum Menschen gehört haben. So wird beispielsweise im 2. Mosebuch, am Anfang der Bibel, ein Gesetz beschrieben, das festhält, dass der Sabbat, der Ruhetag, für Mensch und Tier gilt. Nebst Beschreibungen vom Leben der Menschen, das durchzogen war von Exil, Versagen, Freude, Arbeit, Liebe, Betrug und Träumen, findet sich im Alten Testament ganz selbstverständlich auch die Erzählung einer sprechenden Eselin und von Raben, die einem Menschen helfen. Die Eselin sah einen drohenden Engel und bewahrte so ihren Reiter. Der aber war verstockt, sah nichts und schlug das Tier. Am Ende werden ihm die Augen geöffnet, er sieht ein, dass er falsch gehandelt hat. Dem Propheten Elia geht in der Wüste die Nahrung aus, bis er plötzlich ein Krächzen vernimmt. Raben bringen ihm Brot.
Simone Fopp erwähnt auch den Tierfrieden, der beim Propheten Jesaja beschrieben wird und Künstler vieler Generationen zu Gemälden inspiriert hat. Lämmer und Wölfe, Kühe und Bären leben da in Eintracht. Die Theologin sagt: «Tiere töten einander nicht aus Arglist. Der Tierfrieden ist vielleicht Ausdruck der Sehnsucht, dass es ein gutes Miteinander geben kann.» Die zahlreichen Beschreibungen von Opfergaben im Alten Testament wiesen darauf hin, dass die Nutzung von Tieren, in welchen Heiliges vorhanden sei, in alttestamentlicher Zeit als Grenzüberschreitung wahrgenommen wurde. «Wenn ein Tier getötet wird, handelt es sich um etwas Lebendiges, das wir nicht geschaffen haben. Darum gibt man davon einen Teil Gott zurück.» Auch Erntedankfeste, die bis heute in der Kirche gefeiert würden, wiesen auf diese Tradition hin. «Religionsgeschichtlich ist die Opfergabe eine Achtung des Lebens.» Die Kirche habe viel Schuld an der schlechten Behandlung der Tiere, findet Pfarrerin Fopp. Sie fordert: «Wir müssen uns verändern!» Für sie ist klar, dass Tiere, ebenso wie wir Menschen, eine unsterbliche Seele haben. Ist der Gedanke zu kühn, Jesu Worte «Was ihr den geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» auch auf Tiere zu beziehen? Simone Fopp: «Ob der historische Jesus tatsächlich eine solche Beziehung zu Tieren gehabt hat, weiss man nicht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er sie übergangen hat. Darum ist diese Interpretation spannend und weiterführend.»
Dass ein Esel an Jesu Krippe gestanden hat, steht zwar nicht explizit in der Bibel, doch erzählt wird, wie die heilige Familie auf einem Esel flüchten musste und dass Jesus vor Ostern auf einem Esel nach Jerusalem geritten ist.
WeihnachtsgeschichteDie Weihnachtsgeschichte mit Jesu, der nach der Geburt in der Krippe lag, steht in der Bibel im neuen Testament bei Lukas 2. Auch bei Matthäus 1,18 findet sich eine Version, jedoch ohne Erwähnung der Krippe.
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