Zeitzeugen von Jahrhunderten
Die Eichen von Wildenstein im Baselland
Eine alte Eiche lässt niemanden unberührt. Auf demWildenstein im Kanton Baselland hat ein ganzer Eichenhain überdauert. Eine Exkursion in eine mittelalterlicheKulturlandschaft unter knorrigen Eichen. Sie bieten einer Vielzahl von Lebewesen Wohnraum.
Eine Frau spricht in ihr Mobiltelefon und kreuzt einen Mann mit Regenjacke und Wanderschuhen. Über ihnen breiten sich die Äste einer Eiche aus. Als sie zu keimen begann, gab es nur sockenartige Schuhe, Botschaften über Distanzen wurden mit Höhenfeuern übermittelt. Die Menschen hier wussten nichts von der Existenz des amerikanischen Kontinents, der Buchdruck war gerade eben erfunden, die katholische Kirche war allein bestimmend.
Die Eichen von Wildenstein im Baselland haben schon viel gesehen – und werden voraussichtlich noch manches erleben. Eichen können gut 1000 Jahre alt werden. In Wildenstein keimten sie, als die Schweiz in ihrer heutigen Form noch nicht existierte. Was wird sein, wenn sie ihr Lebensende erreichen? Nur ein Hauch ist da im Vergleich ein Menschenleben.
Yannick Bucher hält sich regelmässig im Eichenhain von Wildenstein oberhalb des Baselländer Dorfs Bubendorf auf. Der Geowissenschaftler beschäftigt sich als leitender Ranger des Naturschutzdienstes Baselland intensiv mit den Baum-Methusalems. «Wir wissen von dendrochronologischen Untersuchungen, dass die älteste Eiche hier im Jahr 1488 zehn Jahre alt war», sagt der Naturkenner unter dem knorrigen Baum. Auf der borkigen Rinde wuchern Flechten und Moose, Äste ragen waagrecht vom schräg emporwachsenden Stamm ab. Die untersten Zweige neigen sich zur Erde, so dass die sich im Herbst gelblich verfärbenden gelappten Blätter greifbar sind. «Die Bäume sind in jeder Jahreszeit schön», schwärmt Yannick Bucher. Er erzählt von den eindrücklichen Baumsilhouetten im Winter und hat bereits den Frühling im Blick. «Die Eichen treiben dann zu unterschiedlichen Zeiten ihre hellgrünen Blätter aus.»
[IMG 2]
Abseits der Baumriesen ragen dünne, etwa einen Meter hohe Stämmchen empor, von einem Holzgestell geschützt. «Junge Eichen, die selbst gekeimt sind», sagt Yannick Bucher und fügt an: «Wir schützen sie vorfegenden Rehböcken.» Er weist darauf hin, dass schon die Eichen, die 1478 mit dem Keimen begannen, nicht zufällig wuchsen, sondern angepflanzt wurden und stellt klar: «Beim Eichenhain von Wildenstein handelt es sich um eine mittelalterliche Kulturlandschaft.» Das werde teilweise durch die Anordnung und Wuchsform der Bäume deutlich. Manche wachsen in Reihen, was nicht mehr auffällt, weil sie so urwüchsig sind.
Der Standort in Wildenstein, auf dem Jurakalk, sei eigentlich typisch für Buchen, findet Yannick Bucher. «Im Bereich der Eichen wird nicht gedüngt. Sie brauchen kargen Boden», betont der Ranger. Die Felder um Wildenstein werden durch den Biolandwirt betreut, der den zum Schloss gehörenden Hof bewirtschaftet. Er mäht das Gras um die Eichen nur einmal jährlich im September.
[IMG 3]
Szenerie wie auf einem alten Stich
Der Eichenhain von Wildenstein liegt auf dem Tafeljura, etwa 500 Meter über dem Meeresspiegel. Das Schloss Wildenstein wird in der zweiten Hälfte des13. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt. Wer von Bubendorf den Weg unter die Füsse nimmt und auf dem Hügel angelangt ist, findet sich in einer mittelalterlichen, ruhigen Kulturlandschaft wieder. So ähnlich muss sie bereits vor hunderten von Jahren ausgesehen haben. Yannick Bucher erläutert: «Der Eichenwald diente als Viehweide, die Tiere frassen Laub von den Ästen. So blieb der Hain licht.» Im Herbst seien Schweine hindurchgetrieben worden. Sie ernährten sich von den heruntergefallenen Eicheln. Die Bezeichnung Eichen-Witwald weist auf Weidewald hin. Früher wurden alle verfügbaren Flächen beweidet.
Solche Landschaften sind von alten Stichen und Gemälden bekannt. In Wildenstein ist diese historische Szenerie noch erhalten. Yannick Bucher erklärt: «An den meisten Orten wurden Eichen aus wirtschaftlichen Gründen gefällt. Die Besitzer von Schloss Wildenstein waren gut gestellt. So blieben die etwa 80 Eichen bis heute erhalten.» 1994 ging das Schlossgut Wildenstein aus Privatbesitz der Familie Vischer an den Kanton Basel-Landschaft über, 1997 stellte dieser das Gebiet unter Schutz.
[IMG 4]
Damit die Geschichte des Eichenwaldes weitergehe, würden junge Eichen gezogen. «Am besten ist die natürliche Verjüngung», erklärt der Eichenliebhaber. Manchmal würden Eichen aber auch gezogen und im Alter von ungefähr vier Jahren gesetzt. «Die Pfahlwurzel darf nicht beschädigt werden, denn der Baum kann sie kein zweites Mal bilden.» Als vor etwa 200 Jahren die Eichenhaine nicht mehr beweidet wurden, wurden keine jungen Bäume mehr gezogen. «Diese Eichen-Generation fehlt», sagt Yannick Bucher.
Mehrfamilienhaus Eiche
So wie in einem Hochhaus zahlreiche Menschen leben, bietet die Eiche einer Vielzahl an Lebewesen eine Heimat. Yannick Bucher spricht von etwa 1000 Tier- und Pflanzenarten, die auf einer alten Eiche siedeln. «Alleine an den Eichenborken im Witwald von Wildenstein wurden 140 Flechtenarten identifiziert, insgesamt im Gebiet 200», sagt der Naturkundler. Das sei ein Drittel aller in der Schweiz heimischen Arten, manche würde es nur hier geben. Er fügt an: «Die Eiche entfaltet ihre ökologische Bedeutung ab 150 Jahren, am höchsten aber ist sie dann, wenn sie abstirbt.». Bucher erwähnt die zahlreichen Totholzorganismen, die sich im Eichenholz entfalten.
Ein interessantes Detail: Yannick Bucher sagt, dass die meisten alten Eichen innen hohl seien. «Für seine Stabilität braucht ein Baum zehn Prozent des Durchmessers.» So entstehen Lebensräume für Hirschkäfer, den Grossen Eichenbock und den Eremiten, zwei weitere seltene Käferarten.
[IMG 5]
Eine Eiche stirbt langsam. Yannick Bucher steht vor einem dicken, kargen Stamm, der vereinzelt noch austreibt. Der grösste Teil ist von Efeu überwuchert, rund herum ranken Hagebutten, Weiss- und Schwarzdornäste rascheln im Wind, die seltene Elsbeere wächst direkt neben dem Eichenstamm in die Höhe. In diesen Vegetationsinseln hüpfen Neuntöter durch das Geäst, Gartenrotschwanzmännchen singen im Frühling, sechs Spechtarten hämmern am modrigen Holz.
In jeder Etage wohnt jemand. Vom Kellergeschoss, also im Wurzelreich, wo die lichtscheuen Gesellen wie Blindrüssler hausen, bis zu den oberen Etagen, wo der farbige und wachsame Eichelhäher Eicheln stibitzt oder der Waldkauz in einer Baumhöhle den Tag verdöst.
[IMG 6]
In luftiger Höhe bilden sich in der Borke kleine Wasserdepots, so genannte Dendrotelme. Hier stillen Vögel in sicherer Höhe ihren Durst, Schwebfliegenlarven harren auf ihre Metamorphose, ohne vor Fischen flüchten zu müssen. Eichhörnchen hingegen erkunden jede Etage. Hörnchen und Häher sind denn auch verantwortlich für die Verbreitung der Charakterbäume. Obwohl sie ein gutes Gedächtnis haben, finden sie nicht jede der als Wintervorrat vergrabenen Eicheln. Yannick Bucher vermutet, dass am Ende weniger als einer von 1000 Eichenkeimlingen gross wird. Eichenwälder dominierten einst weite Teile des Schweizer Mittellands. Das Holz wird bis heute gebraucht. Was in 500 Jahren wuchs, ist in wenigen Minuten gefällt. In Wildenstein aber sind die Zeitzeugen geschützt. Der Spaziergang durch den Eichenhain bleibt ein Erlebnis, als wäre man durch ein altes Gemälde in eine mittelalterliche Szenerie gefallen.
Ausflug in den Eichenhain von WildensteinVon der Bushaltestelle «Bubendorf Steingasse» (Bus Nr. 70 oder 71 vom Bahnhof Liestal aus) führt ein gut ausgeschilderter Fussweg in etwa einer halben Stunde zum Schloss Wildenstein aufwärts. Die Wege im Eichenhain dürfen nicht verlassen werden. Sie führen mitten hindurch. In Wildenstein gedeihen Trauben- und Stieleichen, die auch miteinander hybridisieren. Wildenstein ist Teil der Gemeinde Bubendorf (BL).
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren