Ob in Davos (GR) im Spätherbst eine Schneeflocke vom Himmel gefallen ist, kann Langlauf-Fans egal sein: Ihre Loipe im vorderen Flüelatal steht so oder so – dieses Jahr bereits seit dem 31. Oktober. Rund vier Kilometer lang ist sie, rund 20 000 Kubikmeter Schnee sind darauf verarbeitet. Sowohl Amateure als auch Profis drehen hier ihre Runden: Langlauf-Cracks aus zwölf verschiedenen Nationalteams nutzen die Steigungen und Abfahrten als frühe Trainingsmöglichkeit vor dem Saisonstart.

[IMG 2]

Vom 12. bis 14. Dezember dient die Davoser Loipe als Bühne für den FIS Langlauf Weltcup Davos Nordic, an der sich die weltbesten Langläuferinnen und Langläufer messen – auch, wenn noch kein Schnee gefallen sein sollte. Denn unter ihren Skiern befindet sich kein frischgefallener Neuschnee, sondern Kunstschnee aus der vergangenen Saison.

Möglich ist dies dank Snowfarming: Einem Prinzip, das in Davos bereits vor 15 Jahren als Experiment begonnen hatte und mittlerweile vom Wintersportort als «Erfolgsgeschichte» betitelt wird. Kunstschnee – auch technischer Schnee genannt – kann mit Kanonen auf Knopfdruck produziert werden. Um diesen in die nächste Saison zu retten, werden jeweils im Frühjahr rund 20 000 Kubikmeter Schnee zu einem grossen Haufen zusammengeführt und mit Sägemehl abgedeckt. Das schützt den Schnee vor Wärmeeinstrahlung und Witterungseinflüssen. Wenn es regnet, wird der Schnee unter dem Sägemehl-Kleid sogar gekühlt. So können bis zu 80 Prozent des Schneevolumens für die nächste Saison übersommert und im Herbst als Loipe aufbereitet werden. Ein früher Saisonstart ist, unabhängig von den gerade herrschenden Witterungsverhältnissen, gesichert.

Zunehmendes Interesse

Davos gehörte zwar zu den Pionieren, ist aber längst nicht mehr das einzige Skigebiet, welches auf Snowfarming setzt. Auch die Tschentenalp in Adelboden (BE), Engelberg (OW) oder Andermatt (UR) konservieren den Schnee von gestern. Weitere Orte könnten folgen: Laut einer Umfrage des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) steigt das Interesse an Snowfarming im deutschsprachigen Alpenraum und in Skandinavien. Etwa die Hälfte der Umfrageteilnehmenden, die bis anhin noch kein Snowfarming durchführen, spielen mit dem Gedanken, damit zu beginnen. Als wichtigste Beweggründe gaben die Befragten die Sicherstellung eines minimalen Schneesportangebots, die Gewährleistung eines pünktlichen Saisonstarts und die Kompensation von kürzeren Beschneiungszeiten im Herbst und Frühwinter an.

Doch nicht alle befragten Schneesportgebiete sehen Snowfarming als Option: 14 Prozent der Befragten stehen der Methode kritisch gegenüber. Gegen eine Einführung der Schneekonservierung spricht für manche zum Beispiel das Fehlen eines geeigneten Lagerungsplatzes. Anderen würde die Menge an übersommertem Schnee nicht für das gewünschte Angebot reichen. Auch bestehen Befürchtungen, dass der wirtschaftliche Nutzen – verglichen mit dem Aufwand – zu gering ist.

Riesiger Aufwand

Im Fall der vier Kilometer langen Davoser Loipe ist der Aufwand tatsächlich riesig, wie die SRF-Sendung «Einstein» letztes Jahr zeigte. Um die 20 000 Kubikmeter übersommerten Schnee in eine vier Kilometer lange Loipe zu verwandeln, sind Pistenraupen und Lastwagen nötig. In rund 1000 LKW-Ladungen wird der Schnee abtransportiert und zur Loipe präpariert. Diesen Aufwand rechtfertigen die Verantwortlichen in Davos mit der wirtschaftlichen Sicherheit.

[IMG 3]

Athleten aus verschiedenen Nationen werde so eine frühe Trainingsmöglichkeit geboten. Swiss-Ski-Sportlerinnen müssten dank Snowfarming nicht in den Norden fliegen, um zu trainieren – so werde CO2 gespart. Die Frage, ob man Snowfarming ökologisch betreiben kann, verneint Fabian Wolfsperger, Schneeforscher beim SLF, gegenüber SRF jedoch klar: «Bei diesen Fahrzeugen handelt es sich um Verbrennungsmotoren, welche CO2 verursachen. Das generiert einen Footprint.» Für die vier Kilometer lange Loipe würde das Schneedepot mit 20 000 Kubikmetern gerade so reichen. Längere Loipen oder Pisten zu präparieren, scheitere jedoch schnell am Platz und am Preis.

Damit bleibt festzuhalten: Snowfarming bietet Wintersportorten zwar gewisse Sicherheiten, hat aber seine Grenzen. Angesichts der steigenden Temperaturen in Berggebieten ist der Schnee von gestern keine Lösung für die Weihnachts-Skiferien von morgen. «Auch mit Snowfarming und Schneekanonen können Sie den Klimawandel nicht überlisten», sagte der deutsche Naturschützer Michael Finger 2022 in einer Fernsehsendung über Snowfarming im Allgäu. «Die Frage, was mit der wirtschaftlichen Grundlage passiert, wird sich in zehn oder 15 Jahren selbst stellen. Wenn die Temperaturen weiter steigen und die Niederschläge nicht als Schnee, sondern als Regen kommen, wird auch der beste Kunstschnee nichts helfen.»