Wer zu denjenigen gehört, die ihre Liebe zum Skisport noch nicht aufgegeben haben, kennt den Schmerz: Immer häufiger findet man sich auf schmalen Pisten wieder, die sich durch grüne-braune Landschaften schlängeln. Kunstschnee macht es möglich. Da kommen nicht nur Gewissensbisse auf, sondern auch Fragen: Gibt es wirklich keine vergleichbaren Wintersportarten, die auch ohne weisse Unterlage funktionieren? Auch Beschneiungsanlagen kommen irgendwann an ihre Grenzen. Laut neuesten Berechnungen der ETH Zürich wird die durchschnittliche Nullgradgrenze bis 2050 um etwa 300 weitere Meter ansteigen. Vor allem tief gelegene Skigebiete haben deshalb längst damit begonnen, ihre finanzielle Abhängigkeit vom Wintertourismus in den Sommer zu verlagern. Doch wie viel bleibt den Skibegeisterten dann noch für die kalte Jahreszeit?

Die dem Skifahren ähnlichste Sportart, die ohne Schnee funktioniert, ist wohl Grasski. Im kleinen Luzerner Skigebiet Marbachegg hat sich dieser Nischensport bereits in den 70er-Jahren etabliert. Seither ist er etwas in Vergessenheit geraten. Erst in den letzten Jahren habe der sommerliche Skisport wieder an Interesse gewonnen, erzählt Walter Schacher, Präsident des Grasskiclubs Escholzmatt-Marbach. «Dazu gehören vor allem Kader und Junioren-Gruppen aus dem alpinen Skisport, die versuchen, Grasski in ihr Trainingsprogramm einzu-bauen», erzählt er. «Da fallen sehr teure Kosten für das Training auf Gletschern oder in belgischen Schneesporthallen weg», ist Schacher überzeugt. Zudem gebe es immer mehr interessierte Turnvereine oder andere sportliche Gruppen, die einen Schnupperkurs buchen, weil sie Grasski einmal ausprobieren wollen.

Jeweils von Juni bis Oktober bietet der Grasskiclub solche Schnupperkurse an. Donnerstags haben die Fortgeschrittenen und Abenteuerlustigen die Möglichkeit, frei zu fahren. Die Sportart auf den Winter und den Frühling auszudehnen, scheint jedoch derzeit kein Thema zu sein. «Grasski wird wohl immer eine Randsportart bleiben», gibt sich Walter Schacher defensiv. «An ein Verdrängen des Skisportes kann und soll auch nicht gedacht werden.»

Infrastruktur wird ganzjährig genutzt

Die ernüchternde Bilanz aus Marbach deckt sich mit den Einschätzungen anderer Skigebiete, die weiter auf den klassischen Skitourismus setzen. «Grasskifahren war bisher noch kein Thema», heisst es zum Beispiel aus Adelboden-Lenk (BE), wo nur wenige Pisten auf über 2000 Metern über Meer liegen. «Selbstverständlich sind wir uns der Herausforderungen der klimatischen Veränderungen sehr bewusst und sie dominieren unsere strategische Ausrichtung der nächsten Jahre und Jahrzehnte», betont die Kommunikationsverantwortliche Stefanie Inniger. «Kurz- und mittelfristig ist es aber so, dass das Wintersportgeschäft, das bei uns rund 80 bis 90 Prozent des gesamten Jahresumsatzes ausmacht, Priorität hat.»

Ähnlich klingt es bei den Brunni-Bahnen in Engelberg (OW). Der höchste Skilift knackt zwar ebenfalls die 2000er-Marke, allerdings liegt das ganze Schneesportgebiet an einem Sonnenhang. «Wir glauben fest daran, dass wir unseren Skibetrieb noch mindestens 10 bis 15 Jahre aufrechterhalten können», sagt der Geschäftsführer Roman Barmettler. «Allerdings investieren wir nur noch in Infrastruktur, die im Sommer und Winter genutzt werden kann.» Ein gutes Beispiel sei die Rodelbahn, die ihre Tore auch schon über eine schneearme Weihnachtszeit geöffnet hatte. «Das wurde sehr geschätzt von den Gästen», so Barmettler. Ob Grasski bei ihnen jemals ein Thema werden könnte, sei aktuell schwierig zu sagen. «Vielleicht ist es noch etwas zu früh, darüber nachzudenken.»

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Was ist Grasski genau?

Grasski ist eine Sportart, die statt auf Skiern und Schnee auf Gras ausgeübt wird. Die Grasski sind ähnlich wie ein Raupenfahrzeug. Die Rollenelemente sind an Gurten befestigt und laufen auf einer Schiene. Das restliche Material (Skischuhe, Skistöcke und Schutzausrüstung) ist dasselbe wie im Winter.

Gibt es technische Unterschiede?

Man kann nicht so schnell bremsen und muss normalerweise in den Gegenhang fahren, um Geschwindigkeit zu verlieren. Ausserdem ist es wichtig, zentral auf den Skiern zu stehen. Gute Skifahrer, Inline-Skater, Schlittschuh- oder Rollschuhläufer haben jedoch keine Probleme, die Grasskitechnik umzusetzen.

Ist Grasski gefährlicher als alpines Skifahren?

Der Grasskiclub Marbachegg antwortet hier mit einem klaren Nein. Beim Wegrutschen auf Gras könne es leichte Verbrennungen geben, ähnlich jenen von Stürzen im Winter auf klarem Eis. Es gebe jedoch praktisch keine Bänderverletzungen im Knie. Häufiger seien Brüche (zum Beispiel am Handgelenk) oder Schulterverletzungen.

Welche Hänge eignen sich für Grasski?

Es sollte eine schön gleichmässige Wiese sein ohne Löcher und Steine. Zu steil ist gefährlich, weil die Skier sehr schnell werden. Zu flach ist jedoch auch nicht ideal. Idealerweise ist die Wiese trocken, da sonst Schäden in der Grasnarbe entstehen können, die jedoch üblicherweise schnell verheilen.