Älteste berittene Einheit der Schweiz
Polizeiarbeit zu Pferd: Mit dem Reiterzug der Kantonspolizei Bern auf Patrouille
Der Reiterzug der Kantonspolizei Bern ist das älteste berittene Korps des Landes. Wie funktioniert Polizeiarbeit hoch zu Ross? Und was bringen die Tiere für Vorteile? Die TierWelt hat eine Patrouille durch die Stadt Bern begleitet.
Der Rosengarten lockt im Frühling mit Kirschblüten, im Sommer mit über 250 blühenden Rosenarten und das ganze Jahr über mit der pittoresken Aussicht auf die Berner Altstadt, die zum Unesco Weltkulturerbe zählt. Entsprechend gut und regelmässig besucht ist die Parkanlage – nicht nur von Touristinnen und Touristen aus aller Welt, sondern auch von Einheimischen.
Auch an einem grauen September-Tag, der weder durch schönes Wetter noch durch herbstliche Farbenpracht heraussticht, halten sich viele Leute im Rosengarten auf, machen Fotos und trinken einen Kaffee. Doch plötzlich liegt die Aufmerksamkeit der Anwesenden nicht mehr bei der Aussicht. Hufgeklapper ertönt, zwei Pferde nähern sich. Die Kleidung der darauf sitzenden Personen – einem Mann und einer Frau – verrät, dass es sich nicht um Freizeitreitende handelt: Die Reitenden tragen nicht nur Reiterhelme und -hosen, sondern auch blaue Uniformen, die mit Namenszügen und Logos versehen sind und darüber eine Sturzweste. Darauf macht ein einzelnes Wort in Grossbuchstaben in allen Sprachen klar, dass die Polizei im Rosengarten eingetroffen ist. Und sofort ist die Aussicht auf die denkmalgeschützte Altstadt nur noch das zweitinteressanteste Fotosujet in der bekannten Parkanlage.
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Für die Reitenden und ihre Pferde ist diese Aufmerksamkeit nichts Ungewöhnliches. Remo Jaggi und Stefanie Huber gehören zur berittenen Einheit der Kantonspolizei Bern, dem Reiterzug. Sie reiten die Pferde «Dreamdancer» und «Look at me». Im Rosengarten sind sie auf der heutigen Patrouille vorbeigekommen. Dabei übernehmen Jaggi und Huber dieselben Polizeiaufgaben, wie sie auch eine Fusspatrouille angeht: Personenkontrollen, Verkehrsüberwachung, Geländedurchsuchung, Präventionsarbeit.
Zwar habe jedes Einsatzmittel seine Vor- und Nachteile, erklärt Remo Jaggi, der seit der Jahrtausendwende zum Reiterzug gehört. «Gegenüber Fusspatrouillen ist der grosse Vorteil der berittenen Patrouille die bessere Sichtbarkeit und die Bürgernähe.» Von der erhöhten Position aus habe man einen besseren Überblick und komme schneller mit Menschen in Kontakt als zu Fuss. «Die Reaktionen der Bevölkerung sind durchwegs positiv. Zudem sind wir Reitenden für viele ein schönes Fotosujet.» Was sich nicht nur auf den Runden im Rosengarten, sondern auch danach zeigt: Jaggi und Huber verlassen die Parkanlage und reiten den Aargauerstalden hinunter Richtung Bärengraben – Blicke und Handys folgen ihnen aus jeder Richtung.
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Fussball- und Konzert-Einsätze
Der Reiterzug der Kantonspolizei Bern ist schweizweit das einzige berittene Korps, das seit über 100 Jahren besteht. Gegründet wurde die Einheit anlässlich der Landesausstellung von 1914, die in Bern stattfand. Seither ist sie ein fester Bestandteil der Kantonspolizei Bern. Rund 20 Polizistinnen und Polizisten gehören zur Einheit. Frauen sind dabei klar in der Mehrzahl: Nur zwei Männer sind dabei. «Momentan besteht das Problem, dass man keine männlichen Reiter mehr findet», erklärt Remo Jaggi, der privat Freiberger hält und reitet.
Voraussetzungen, um zum Reiterzug zu gehören, sind eine abgeschlossene Polizeiausbildung und das Reitbrevet von Swiss Equestrian, dem Schweizer Verband für Pferdesport. Doch ein generelles Nachwuchsproblem kennt der Reiterzug nicht.
Die eingesetzten Pferde – Freiberger oder Schweizer Warmblüter – sind ausschliesslich Stuten oder Wallache. Sie gehören nicht der Kantonspolizei selbst, sondern der Schweizer Armee oder dem Nationalen Pferdezentrum (NPZ), wo sie untergebracht und versorgt werden. Die Tiere sollten mutig sein und einen guten Charakter haben, erklärt Jaggi. «Durch das NPZ bekommen die Pferde eine sehr gute Ausbildung, welche uns ermöglicht, mit ihnen sämtliche Einsätze zu bestreiten.»
Denn Patrouillen durch Berns Sehenswürdigkeiten sind nicht die einzigen Tätigkeiten des Reiterzugs: Pro Jahr absolviert die berittene Einheit der Kantonspolizei Bern über 40 Einsätze. Dazu zählen nationale und internationale Fussballspiele der Berner Young Boys, Volksfeste wie die BEA oder auch Open Air- und Stadion-Konzerte. Im Sommer 2025 war der Reiterzug auch bei jedem Spiel der UEFA Women’s Euro, das in der Bundesstadt ausgetragen wurde, mit von der Partie.
Doch die Einsätze der berittenen Berner Kantonspolizei beschränken sich nicht nur auf die Stadtgrenzen Berns, wie Jaggi erklärt. «Die Reiter absolvieren zudem je nach Ressourcen Reiterpatrouillen im ganzen Kantonsgebiet.» Der Reiterzug verfüge über ein Zugfahrzeug und einen eigenen Pferdeanhänger. «Jedes Mitglied kann mit dem Pferdeanhänger fahren, und so können wir im ganzen Kanton und zum Teil sogar ausserkantonal, beispielsweise anlässlich des Besuchstages der Interkantonalen Polizeischule Hitzkirch im Kanton Luzern, eingesetzt werden.»
Regelmässige Pausen
Ein Patrouillen-Dienst des Reiterzugs dauert auch mal länger. «Der Einsatz kann gut über acht Stunden dauern, wobei nach drei Stunden immer eine Pause gemacht wird», erklärt Remo Jaggi. Die Pferde erhalten immer wieder Gelegenheit, zu grasen, aus einem der vielen Stadtberner Brunnen zu trinken oder sogar ab und zu in der Aare eine Abkühlung zu nehmen. «Zudem können sie sich immer mal wieder in einem Park, am Aareufer oder im Wald etwas vom ‹Strassenlärm› erholen.»
Für die Mitglieder des Reiterzugs stehen pro Jahr vier obligatorische, ganztägige Trainings an. Zudem gibt es wöchentliche Abend-Trainings, die jeweils eine Stunde dauern und je nach Dienstplan absolviert werden können.
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Wird es den Pferden mal zu viel, reagieren die Polizistinnen und Polizisten entsprechend. So geschieht dies auch auf der heutigen Patrouille: Mittlerweile vor dem Bärengraben angekommen und erneut von Menschentrubel umringt, reagieren die Pferde unterschiedlich: Während «Look at me» seelenruhig bleibt, beginnt «Dreamdancer» etwas zu tänzeln. Noch ein letztes Winken in die Runde, dann tritt der Reiterzug den Heimweg an – für heute.
Alt, aber nicht einzigartig Der Reiterzug der Kantonspolizei Bern ist zwar schweizweit die älteste, aber nicht die einzige berittene Einheit: Auch die Korps von St. Gallen und Genf verfügen über berittene Polizisten. In zahlreichen Ländern weltweit – darunter Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, die Niederlande, Kanada, die USA und viele mehr – sind berittene Einheiten ein fester Bestandteil bei der Polizei.
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