Kleider: Konsumwahn mit Folgen
Kampf gegen Kleiderberge: Kommt jetzt die Recycling-Gebühr für Mode?
Immer mehr, immer schneller, immer günstiger: «Fast Fashion» befeuert Modetrends zu niedrigen Preisen. Doch für dieses Geschäftsmodell zahlt die Umwelt einen hohen Preis. Handeln statt zuwarten, fordern diverse Organisationen.
Der alte fusselige Pullover hat seinen Zenit überschritten und macht nicht einmal mehr in den eigenen vier Wänden eine Falle. Ein Ersatz muss her. Besser heute als morgen. Und schon beginnt das Scrollen durch die Online-Kataloge grosser Modeimperien. Ein Mausklick und ein würdiger Nachfolger ist erkoren. Weil er so schmissig und der Preis unschlagbar ist, landet er gleich in zwei farblich unterschiedlichen Ausführungen im digitalen Warenkorb. Und diese T-Shirts links unten am Screen: Ein wahres Schnäppchen in zeitlosem Design! Mit grossem Preisabschlag im Dreierpack. Und schon sind fünf Artikel im Warenkorb.
Die Versuchungen, die Garderobe in diesen mitunter tristen Zeiten etwas aufzuhübschen und frischen Wind in den Kleiderschrank zu bringen, sind zahlreich. Ihnen stattzugeben, ist zutiefst menschlich. Problematisch: Dank smarten Algorithmen werden Begehrlichkeiten in Sekundenschnelle aufs Neue befeuert. Der Jäger- und Sammlerinstinkt ist geweckt, die Kreditkarte sitzt locker, aus einem Einzelauftrag wird ein Bestell-Tsunami.
Massenware zu Spottpreisen
Die Schweiz kämpft heute nicht nur mit schmelzenden Gletschern, sondern auch mit einer Kleiderschwemme: Bis zu 22 Kilogramm Kleider kauft eine Person durchschnittlich pro Jahr. Das ist doppelt so viel, wie vor einem Jahrzehnt. Wir kaufen mehr Kleidung und geben weniger dafür aus. Dank oder wegen Fast Fashion – einer Produktionsmethode, die auf schnelle Produktion zu Billigstpreisen ausgerichtet ist. Auch im übrigen Europa werden die Kleiderberge mit jedem Tag höher: Auf unserem Kontinent hat eine Person im Durchschnitt 120 Kleidungsstücke im Schrank, 60 neue kommen pro Jahr hinzu. Meist aus Ländern wie Indien oder Bangladesch, wo die Produktion besonders günstig ist. Doch auch die grossen Modeimperien sorgen dafür, dass der Konsum rasant weiterwächst: Mit Kollektionen, welche alle drei Wochen erneuert, immer günstiger, aber auch qualitativ minderwertiger werden.
Fast Fashion hinterlässt bereits ganz am Anfang der Produktionsketten Spuren, die für Mensch und Umwelt fatal sind: Mit dem grossflächigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln soll die Baumwolle schneller wachsen und Schädlingen das Leben schwer gemacht werden. Ganz zu schweigen vom grossen Wasserverbrauch, der für die Herstellung eines Kleidungsstücks notwendig ist: Die über 2700 Liter, welche für die Produktion eines T-Shirts erforderlich sind, entsprechen dem, was ein Mensch innert drei Jahren trinkt. Auch die billigen Farben und giftigen Chemikalien, die bei der Herstellung zum Einsatz gelangen, sind für die Umwelt eine schwere Bürde. Ebenso die langen Transportwege von Asien bis nach Europa.
Doch der übermässige Kleiderkonsum hat noch viel weitreichendere Folgen. Dies wollte ein Bündnis von 13 Organisation, die sich für soziale Gerechtigkeit und verantwortungsvollen Konsum engagieren, im September 2025 mit einer Aktion auf dem Berner Bundesplatz demonstrieren: Sie stapelten fünf Tonnen Altkleider zu einem gigantischen Berg und forderten vom Bundesrat und Parlament Massnahmen gegen die Fast-Fashion-Industrie.
Textiles Matterhorn
«Mit dem kometenhaften Aufstieg von Billigplattformen wie Shein und Temu ist der weltweite Modekonsum regelrecht explodiert», gaben die Initianten dieser Aktion zu bedenken. In der Schweiz würden pro Jahr rund 100'000 Tonnen Kleidung im Abfall landen oder in ärmere Länder exportiert, nachdem sie lediglich ein paar Mal getragen worden seien. Das Bündnis pocht auf einen Systemwechsel in der Modebranche und fordert eine Kreislaufwirtschaft, in welcher Qualität, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit nicht auf der Strecke bleiben, eine Abgabe auf neue Kleidung und Schuhe und eine gezielte Förderung von Reparatur und Wiederverkauf. Die Organisation Public Eye will die Modeindustrie selbst in die Pflicht nehmen und macht sich für einen Schweizer Modefonds stark. Händler, Hersteller und Importeure sollen für jedes neue Kleidungsstück in diesen Fonds einzahlen, so der Vorschlag. Es gilt: Je nachhaltiger die Kleidung, desto geringer der Beitrag. Aus dem Fonds sollen Reparaturen, Secondhand- und Recycling-Initiativen gefördert werden. Die Textilbranche selbst spricht sich für Selbstregulierung aus: Unter dem Namen «Fabric Loop» arbeitet der Industrieverband Swiss Textiles derzeit an einem freiwilligen System mit einem vorgezogenen Recyclingbeitrag. Ab 2027 sollen damit Sammlung, Recycling und andere Elemente der Kreislaufwirtschaft gefördert werden. Das Problem: Noch sind lediglich kleinere Firmen mit an Bord, die grossen Player haben zu dieser Lösung noch nicht Ja gesagt.
Grössere Transparenz
Ein Blick über die Grenze zeigt: Auch andere Länder ringen nach Lösungen, um Fast Fashion einzudämmen. Die EU plant, einen digitale Produktpass einzuführen. Er soll nicht nur mehr Transparenz über Herkunft, Materialien und ökologischen Fussabdruck schaffen, sondern auch Reparaturen erleichtern und der Recyclingindustrie bessere Informationen liefern. Denn die Fast-Fashion-Erzeugnisse lassen sich ausgesprochen schlecht trennen und wiederverwerten: Sie bestehen oft aus synthetischen Fasern, die mit Baumwolle vermischt werden. Weltweit werden derzeit weniger als ein Prozent aller Kleidungen zu neuen Textilien recycelt. Vor allem aus zwei Gründen: Fasern aus Mischgeweben zu trennen und in gleichwertige Materialien umzuwandeln ist einerseits technologisch anspruchsvoll. Andererseits sind viele Recyclingverfahren noch nicht wirtschaftlich genug, um mit der schnellen Produktion von neuen, billigen Kleidungsstücken mitzuhalten. Viele Altkleider nehmen deshalb ein unrühmliches Ende: Sie landen entweder direkt im Abfall bzw. den Müllverbrennungsanlagen, werden zu minderwertigen Produkten wie Putzlappen verarbeitet oder ins Ausland exportiert. Dort überfluten sie lokale Märkte und verursachen weitere Umweltprobleme. Denn70 Prozent der in Kleidung verwendeten Fasern sind synthetisch und biologisch nicht abbaubar. Sie bleiben auf riesigen Müllhalden als Mikroplastikfasern in der Umwelt liegen, gelangen früher oder später in die menschliche Nahrungskette oder verschmutzen die Luft, wenn sie verbrannt werden.
Qualität vor Quantität
Fashion Revolution Schweiz, eine Organisation, die über die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Mode informieren will, sieht auf mehreren Ebenen Handlungsbedarf: Unternehmen müssten langlebigere Produkte herstellen und Recyclingtechnologien weiterentwickeln. Weiter brauche es Regularien für Textilproduktion und Abfallmanagement. Doch die Organisation spielt den Ball auch den Konsumentinnen und Konsumenten zu: Weniger, aber bewusst einkaufen, Kleidung länger nutzen und alternative Modelle wie Secondhand oder Upcycling fördern, lauten dieEmpfehlungen der Organisation gegen den Textilrausch.
Kleiderkonsum mit gutem Gewissen
Reduzieren: Weniger zu kaufen ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern hilft auch, Geld und Zeit zu sparen.
Richtig pflegen: Keinen Tumbler verwenden, auf die Waschtemperatur achten. Die meisten Waschmittel waschen bereits bei 20 bis 30 Grad absolut sauber.
Reparieren: Wenn ein Kleidungsstück kaputtgeht, muss es nicht gleich weggeworfen werden. Besser: Reparatur-Cafés aufsuchen oder selbst flicken.
Lebensdauer verlängern: Kleidung aus zweiter Hand kaufen und die Kleider so lange wie möglich tragen.
Achtsam einkaufen: Auf nachhaltige Materialen bzw. Labels achten.
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