Kaum ist der Dezember da, taucht er in Feinkostläden, Fischhandlungen und sogar in so mancher Badewanne auf: der Karpfen. Sein Auftritt ist saisonal – punktgenau zur Weihnachtszeit. Abgesehen davon führt er ein Schattendasein auf unseren Speiseplänen. Das war nicht immer so. Im Mittelalter galt der Karpfen als besonders wertvolles Nutztier. Vor allem in Klöstern wurde er gezüchtet, denn in der Fastenzeit war Fleisch verboten, Fisch aber erlaubt. Die Mönche legten dafür eigens Teiche an, in denen die robusten Tiere problemlos wuchsen. Sie waren anspruchslos, frassen Pflanzenreste, Insektenlarven und Algen – und liessen sich über Wochen lebend halten. Der Karpfen wurde so zum Inbegriff des «Fleischs aus dem Wasser». Er gilt als nachhaltiger Fisch: Er wächst langsam, lebt nicht in Massentierhaltung und kommt ohne grosse Mengen an Futterzusätzen oder Medikamenten aus. Zudem lässt er sich regional produzieren – im Gegenteil zu importiertem Lachs oder Pangasius.

Brauchtum in Polen

Dass der Karpfen ausgerechnet am 24. Dezember serviert wird, hat ebenfalls mit der kirchlichen Fastentradition zu tun. Bis in die 1960er-Jahre galt der Heilige Abend vielerorts als Fasttag. Fleisch war tabu, Fisch aber erlaubt. So wurde der «Karpfen blau» – in Essigwasser gegart und mit Petersilienkartoffeln serviert – zum festlichen Hauptgericht.

In Polen gehört der Weihnachtskarpfen bis heute zum festen Brauchtum. Dort wird er oft lebend gekauft und in der Badewanne zwischengehalten – zur Freude vieler Kinder und zum Schrecken mancher Eltern. Aus dem Brauch entwickelte sich auch ein kurioses Detail: Eine Karpfenschuppe, in der Geldbörse aufbewahrt, soll im neuen Jahr Wohlstand bringen.

Comeback dank modernen Zuchtformen

Doch so traditionsreich der Fisch ist – beliebt ist er nicht bei allen. Sein fettiges Fleisch, der oft leicht «modrige» Geschmack und vor allem die vielen Gräten haben ihm ein Imageproblem eingebracht. Dabei lassen sich diese Nachteile mit der richtigen Haltung und Zubereitung oft vermeiden. Moderne Zuchtformen wie der Spiegelkarpfen enthalten weniger Gräten, und filetiert, paniert oder geräuchert, gewinnt der Karpfen zunehmend Freunde in der kreativen Küche. Als Burger, asiatisch mariniert oder als Fischsuppe erlebt er mancherorts ein echtes Comeback – jenseits des Weihnachtssterns.