An der TerraExpo in Spreitenbach drängen sich zahlreiche Menschen um einen Stand. Ein junger Mann erklärt geduldig einem Vater mit seinem Sohn Details zur Haltung von Kornnattern. Vor ihm auf dem Tisch winden sich junge, farbige Schlängchen in Behältern, bestaunt von vielen Interessierten. Die TerraExpo ist die grösste Terraristikmesse der Schweiz, und der Schlangenexperte am Stand mit dem markanten Schild Suissecorns ist Michel Knuchel. Er ist ein erfolgreicher Züchter von Kornnatter-Morphen. Wie sieht es bei ihm zu Hause aus?

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In einem Einfamilienhaus in Herbetswil in der solothurnischen Region Thal bellt ein Border Collie kurz zur Begrüssung. Bald schon liegt Blue ruhig auf seiner Matte vor einem Terrarium im Wohnzimmer. Der Stachelschwanzwaran hinter der Scheibe äugt zu ihm herab. Bei Michel Knuchel und seiner Partnerin besetzen Tiere Logenplätze. Reptilien haben es ihnen besonders angetan. Im Wohnzimmer leben sie in sechs verschiedenen Terrarien. Und dann erst das Untergeschoss! Es ist voller Schlangen. Kornnattern sind Michel Knuchels Spezialgebiet. «Da ich die Winterzeit für meine Schlangen einleite, ist es jetzt hier kühl», sagt der 32-Jährige im November in einem Raum, an dessen Wänden entlang sich in drei Etagen aus PVC selbst hergestellte Terrarien ziehen. Die Temperaturabsenkung sei wichtig, damit im Frühling bei den verschiedenen Schlangenweibchen die Ovulation gleichzeitig eintrete. «Der Eisprung der Schlangen kann so optimal synchronisiert werden.»

«Es begann als Kind mit einem Film, in dem ich eine Anakonda sah.»

Michel Knuchel, Kornnatterspezialist, Herbetswil (SO)

Kornnattern haben ihr natürliches Verbreitungsgebiet im Osten der USA, von Florida bis in den Bundesstaat New York. Die klimatischen Bedingungen zwischen diesen weit auseinanderliegenden Gebieten sind unterschiedlich, doch eine Reduktion der Temperatur im Winter tritt in jedem Fall ein. Die Schlangen fallen nicht in eine eigentliche Winterstarre, reduzieren aber ihre Aktivitäten, verstecken und verhalten sich ruhig. Michel Knuchel sagt: «Die Art ist von Natur aus darauf eingestellt, deshalb ist es förderlich für die Gesundheit der Schlangen, die Temperatur zu senken und das Licht in den Terrarien zurückzunehmen.» Der Kornnatterspezialist streicht weitere Vorteile der Winterruhe heraus: «Man spart Strom, und in die Ferien fahren meine Freundin und ich, wenn unsere Reptilien ruhen.»

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Seit Kindheit mit Schlangen vertraut

Michel Knuchels Zuchttiere haben alle Namen. Besonders grosse Schlangen nimmt er mit einem Schlangenhaken aus dem Terrarium, nach anderen greift er direkt mit seiner Hand. Das Erstaunliche dabei: Die Reptilien reagieren nie mit Flucht- oder Aggressionsverhalten. «Eine Schlange, die beisst, ist unsicher.» Das hänge mit dem Verhalten des Schlangenhalters zusammen. «Wenn er bei jeder Bewegung der Schlange zurückschreckt, dann führt dies zu einem Lernprozess des Tieres. Es merkt: Wenn ich beisse, werde ich in Ruhe gelassen.» Ein solches Verhalten präge sich ein, könne aber mit Geduld abgewöhnt werden.

Seine Schlangen seien sich an Berührungen gewöhnt. «Sie wissen, dass ihnen nichts geschieht und sie bald darauf wieder in ihrer gewohnten Umgebung sind. Deshalb beissen sie nicht.» Der Spezialist betont: «Es sind Wildtiere, frisch geschlüpft haben sie alle die gleichen Instinkte, doch sie werden durch Erfahrungen geprägt.» Wenn die Kornnattern über Michel Knuchels Hände gleiten, lächelt er sanft. Seine Liebe zu und sein Interesse an den Reptilien haben sich früh entwickelt. Er erzählt: «Es begann, als ich im Alter von etwa sechs Jahren mit meinem Bruder zusammen von der besten Kollegin meiner Mutter gehütet wurde und wir dort in einem Film eine Anakonda sahen.» Als er daraufhin den Wunsch äusserte, eine Schlange zu halten, war seine Mutter wenig begeistert. «Schliesslich aber fanden meine Eltern, dass, wenn ich mich selbst um das Tier kümmere, ich eines halten dürfe.» Es wurde dann keine Anakonda, sondern eine Kornnatter.

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Dass der junge Mann so gelassen mit Schlangen hantiert, hat auch damit zu tun, dass er unter Tieren im Seeland aufwuchs und stets in der Natur spielte. Er erinnert sich: «Wir fingen Ringelnattern und Blindschleichen, sie gehörten einfach zu meiner Kindheit.» Er habe zusammen mit seinem Bruder und den beiden Schwestern extra Stellen im Garten eingerichtet, wo die Ringelnattern ihre Eier legen konnten. Heute ist Michel Knuchel beruflich im Zoofachhandel tätig. Seine Reptilienhaltung und Schlangenzucht betreibt er aus Passion.

Der Tierfreund streicht heraus, wie wichtig die Unterstützung durch seine Eltern für ihn damals gewesen sei und wie sehr er den Rat und die Hilfe des Züchters, bei welchem er seine erste Schlange kaufte, schätzte. Schon zwei Jahre später hat er zwei weitere wildfarbige Kornnattern erworben. Als das Internet schneller geworden sei, habe er entdeckt, dass es verschiedene Farbzuchten der Kornnattern gebe. Diese haben ihn dann vollends gepackt.

Begeisterung für Farbmorphen

Aktuell schlängeln sich bei Michel Knuchel 31 Zuchttiere durch die Terrarien. Im März, wenn für die Schlangen der Frühling einsetzt und die Weibchen ovulieren, setzt er die Männchen gezielt zu ihnen. «Wer bestimmte Mutationen der Kornnattern züchten will, muss Mendel kennen», betont er. Dank Kenntnissen der Vererbungslehre erhält der Experte mutierte Tiere mit klingenden Namen wie Coral Snow Sunkissed Tessea, Miami Honey, Palmetto und Abbotts Okeetee.

Michel Knuchel ist spezialisiert auf Kornnattern, die einen ausgedehnten, weissen Bauch und eine orange Rückenzeichnung haben. Sein Wunsch sei die Farbform Sunkissed Fire Striped Pied, eine Schlange mit intensivem gestreiftem Rotmuster. «Ich habe von der Genetik her eigentlich alle Tiere, welche die Zucht dieser Farbform möglich machen sollten, hatte aber noch nie das Glück, dass diese Morphe fiel.» Insgesamt hält Michel Knuchel zwölf Farbmorphen.

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«Ich begrenze die Anzahl Jungtiere», sagt der Schlangenfreund vor zahlreichen Behältern mit Jungschlangen. Die Paarungszeit dauere von März bis April, anschliessend würden die Eier gelegt, bis zu 30 pro Schlange. «Sie kleben zusammen, und ich gebe diesen Eierklumpen in einen Brutapparat. Dort schlüpfen die Jungen bei einer Bruttemperatur zwischen 26,5 und 27,8 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent nach 60 bis 85 Tagen. «Nach dem Schlupf ernähren sie sich eine Woche lang vom Eidotter, danach häuten sie sich», erklärt der Schlangenkenner. Etwa vier Tage später beginne er mit der Fütterung, die bei Jungen aus Babymäusen besteht.

Die erwachsenen Schlangen ernährt er alle drei bis vier Wochen mit ausgewachsenen Mäusen, die er tiefgefroren einkauft. «Manche Kornnattern schlingen sich um die tote Maus, andere packen direkt zu.» Er steht jeden Morgen eine Stunde früher auf und verschwindet in sein Schlangenzimmer. Dort kontrolliert er seine Tiere, wechselt Wasser in den Bassins und entfernt Kotballen. Abends erhält er telefonische und schriftliche Anfragen zu Kornnattern. Oder er bereitet sich für die nächste TerraExpo vor.

Dort prasseln dann wieder Fragen auf ihn ein. Warum die Kornnatter nicht fresse, welches Substrat sich im Terrarium eigne, wie es ausgestattet werden müsse wollen Interessierte wissen. «Genau deshalb gehe ich auch an die Messe. Sie ist insbesondere gut für Kontakte und Gespräche.» Er fahre am Wochenende oft durch die halbe Schweiz, um Leuten zu helfen, die Probleme mit ihren Tieren haben, sagt Michel Knuchel, während sich eine Kornnatter um seinen Arm windet, züngelt und neugierig mit dem Kopf seine Hand erkundet.

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KornnatterDie Kornnatter (Pantherophis guttatus) stammt aus Nordamerika und ist ein beliebtes Terrarientier. Über 750 verschiedene Farbformen dieser dämmerungsaktiven Schlange wurden herausgezüchtet. Als Substrat im Terrarium von etwa 120 x 60 x 90 cm für eine Schlange von 1,2 Meter Länge eignen sich Hobelspäne, Moos, Pinienrinde oder Humus. Den Grossteil ihres Lebens verbringt der Einzelgänger in einem Versteck unter einem Holzstück oder unter Laub. Es handelt sich um gute Kletterer, die in der Natur auch Vögel in Bäumen erbeuten. Fühlen sie sich bedroht, flüchten die ungiftigen Kornnattern meist. In der Natur wird eine Kornnatter kaum älter als ca. sieben Jahre. Bei Michel Knuchel lebt hingegen noch immer sein erstes Tier, das jetzt 22 Jahre alt ist! Ein Pendant der Kornnatter in der Schweiz ist die Äskulapnatter.