Niemand will ins Meer, wenn sie da sind. Alle wollen sie im Zoo sehen. Ihr Aquarium im Vivarium des Zoo Basel ist ein Anziehungspunkt. Quallen faszinieren. Schwerelos ziehen die Medusen durch das Wasser. Was wollen sie? Wie ernähren sie sich? Wie pflanzen sie sich fort?

Rahel Lavater hat Antworten. Die Tierpflegerin arbeitet seit 30 Jahren mit Quallen. Sie ist verantwortlich für den Fischdienst Nummer 1 im Vivarium des Zoo Basel. In dieser Funktion betreut sie auch das viel bewunderte Ohrenquallen-Aquarium und zieht die durchsichtigen Märchenwesen sogar nach.

Im Besucherraum des Vivariums ist es still und dunkel. Wie anders sieht es da hinter den Kulissen aus! Dort wabert feucht-heisse, nach Salz riechende Luft. Geruchlich ein Hauch von Ferienstimmung, optisch und akustisch eher wie in einem Maschinenraum. Es surrt, vibriert, rauscht, blubbert, tropft. Leitungen führen der Decke entlang, neonhelles Licht blinkt auf, rundherum Bassins, in Zwischengängen befinden sich Aquarien, auf Seitenmauern stehen Becken. Darin flitzen Fische, leuchten grüne Wasserpflanzen, Wasser spritzt durch Filterkugeln, -watte und -matten.

Die Welt hinter den Kulissen der Meeres- und Flussausschnitte im Basler Vivarium ist komplex und technisch. Nur so gelingt die anspruchsvolle Haltung und Zucht so vieler verschiedener Meeres- und Süsswasserbewohner wie beispielsweise auch von Quallen. Ihre Haltung und Vermehrung ist eine Königsdisziplin. In der Schweiz sind sie nur im Vivarium des Zoo Basel zu sehen.

Rahel Lavater steht im Dienstraum des Vivariums vor einem so genannten Quallenkreisel. Darin treiben verschieden grosse Ohrenquallen. Die Tierpflegerin streicht heraus: «Die Entwicklung dieses Haltungssystems stellt einen Quantensprung in der Pflege von Quallen dar.» Bereits als sie vor knapp 30 Jahren im Vivarium ihre Arbeit aufgenommen habe, seien hier nämlich Quallen gehalten worden. «Wir pflegten sie damals in ganz normalen 300-Liter-Aquarien», erinnert sich Rahel Lavater. Quallen können sich absinken lassen, können aufsteigen, aber die Richtung beeinflussen sie nur minimal. Sie lassen sich im Meer von Strömungen treiben. Das wurde in Aquarien zum Problem. «Sie blieben in Ecken stecken oder wurden vom Filter angesogen», erzählt die Quallenspezialistin.

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Revolution in der Quallenhaltung

Ab etwa 2011 seien die Quallenkreisel aus Acrylplatten entwickelt worden, dies dank weltweiten Kontakten. In einem herkömmlichen Aquarium befindet sich ein durchsichtiges, mit Löchern versehenes Rund. Durch die kleinen Löcher strömt von aussen gleichmässig zeitweise mit Plankton angereichertes Wasser ein. Die Quallen treiben darin in der Strömung rund herum wie im Meer. «Sie ruhen nie aus. Ihr Lebensraum ist das offene Wasser, nichts darf sie am Schweben hindern», erklärt Rahel Lavater, während sie die geheimnisvollen Lebewesen beobachtet. «Ihr Anblick erfüllt mich mit Ehrfurcht, und ich empfinde grosse Freude.» Seit sie mit Quallen arbeite, beeindrucke sie die Tatsache, dass diese Tiere seit dem Präkambrium, also vor etwa 500 bis 650 Millionen Jahren, die Erde besiedeln, schwärmt die Aquarianerin.

Rahel Lavater füttert die Quallen zum Beispiel mit Salinenkrebschen. In umfunktionierten Petflaschen sprudeln Ansätze mit diesen Kleinstlebewesen; Luft sorgt für Bewegung in den Minigewässern. Auch junge Rädertierchen – 0,1 bis 0,5 Millimeter lange vierzellige Tiere – gehören zum Nahrungsspektrum der Quallen. Ob im Wasser arktischer Regionen oder um heisse Quellen, Rädertierchen überleben immer.

Die Quallen nehmen ihre Nahrung mit den Tentakeln auf und führen sie zur Mundöffnung, die aus dem Magenstiel in der Mitte des Schirmes hinunter wächst. Ausscheidungen sehe man aufgrund der Durchsichtigkeit der Quallen sehr gut, sagt Rahel Lavater.

Auch wenn Quallen wirken, als lebten sie von nichts anderem als Wasser und Strömung: Es sind Raubtiere, die fangen, fressen und verdauen, und sie werden gefressen. Im Zoo Basel erhalten sie in ihren Kreiselaquarien Filterung, Licht, Strömung, Kühlung und Nahrung. Fressfeinde wie Meeresschildkröten fehlen.

Rahel Lavater wechselt das Wasser alle 14 Tage teilweise. Sie weist auf die besonderen Bedürfnisse der Ohrenquallen hin. «Die Salinität beträgt bei ihnen36 Promille, normalerweise arbeiten wir bei Meerwasserlebewesen mit 35 Promille». Bei der Salinität handelt es sich um die Gesamtheit aller gelösten Salze. Die Ohrenquallen werden bei einer Wassertemperatur von 15 °C gehalten.

Rahel Lavater sagt: «Quallen pulsieren und steuern damit, ob sie näher der Wasseroberfläche, in mittleren oder tieferen Schichten schweben.» Wenn Quallen am Meer massenweise an der Oberfläche auftreten, kann das mit der Wassertemperatur, mit plötzlich auftretenden Winden und Strömungen oder mit Nahrungsvorkommen zusammenhängen. So schwierig Quallen im Zoo zu halten sind, in der Natur werden sie aufgrund extremer Veränderungen eher häufiger. Dass sie verschiedene Erdzeitalter überdauerten, kommt nicht von ungefähr: Sie sind anpassungsfähig und auch ihre Nahrung ist robust.

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Larve, Polyp, Qualle

Als sich Rahel Lavater einst am Roten Meer in Ägypten aufhielt und dort im Wasser eine grosse Ansammlung von Ohrenquallen entdeckte, nahm sie sofort ihre Taucherbrille und den Schnorchel und stieg ins Nass. Sie war die Einzige, die sich ins Meer getraute. «Es war unglaublich faszinierend, die Ohrenquallen um mich zu sehen.» Quallen gehören zu den Nesseltieren. Wer sie nicht kennt, geht besser nicht ins Wasser, wenn sie in Strandnähe treiben. Während Ohrenquallen harmlos sind, gibt es auch Arten, die äusserst schmerzhafte Hautschäden hinterlassen oder solche, die ein Nervengift produzieren, welches tödlich sein kann.

Ohrenquallen leben kosmopolitisch. «Unsere Bestände stammen von Entnahmen vor vielen Jahren bei Banyuls-sur-Mer in Frankreich», sagt Rahel Lavater und zeigt auf ein auf einem Sims stehendes Gefäss, ähnlich einem Einmachglas. Darin befinden sich Lavasteine mit kleinen Punkten darauf. «Das sind die Polypen, die festsitzende Form der Qualle», erklärt Rahel Lavater. Die Ohrenquallen sind zweigeschlechtlich. In der Natur scheiden sie Eier und Spermien aus, die im Wasser aufeinandertreffen. Daraus entsteht die Planula-Larve, die Larvenform von Nesseltieren. Rahel Lavater: «Nach einiger Zeit suchen sich die Larven einen porösen Untergrund. Sie setzen sich fest und warten als Polypen auf günstige Bedingungen.» Entwickelt sich ein Polyp, wachsen aus ihm knopfartige Gebilde, bis er zur Ephyra-Larve wird, die sich zur Qualle wandelt.

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Im Basler Zoo-Aquarium vermehrt Rahel Lavater die Ohrenquallen durch Strobilation, eine ungeschlechtliche Vermehrung. Ein Polyp teilt sich in mehrere Segmente, woraus neue Quallen entstehen. «Das ist in der Quallenhaltung und -zucht etwas vom Anspruchsvollsten», betont die Tierpflegerin. Sie versuche, die Strobilation durch die Erwärmung des Wassers auf 28 °C auszulösen. «Wenn ein Polyp strobiliert, verändert er sich. Er wird schlank, länglich und bräunlich.» Polypen könnten während vielen Jahren in diesem Stadium verharren. «Sie warten, bis die Bedingungen stimmen. Haben sich Quallen einmal gebildet, können sie nicht wie ein Fisch mit einem Netz herausgefangen und versetzt werden. «Ich gebe sie unter Wasser in ein kleines Becken und versetze sie so, sonst sterben sie ab», sagt die Meerwasseraquarianerin. Im Vivarium des Zoo Basel werden hinter den Kulissen weitere Quallenarten gehalten, so beispielsweise die Wurzelmund- und Mangrovenquallen. Es ist ein eigenes Universum mit 47 Schau- und über 100 Reserveaquarien. «Hier leben alle Geschöpfe, die mich seit Jahrzehnten begeistern», schwärmt Rahel Lavater.