Auf Besuch im Igelzentrum Zürich
Igel sind stachelige Sympathieträger
Die letzten Igel verkriechen sich momentan in den Winterschlaf. Nicht für sämtliche stacheligen Vierbeiner verläuft die kalte Jahreszeit jedoch problemlos. Meist ist es der Mensch, der zur Gefahr wird, weshalb es sinnvoll ist, Igeln in Auffangstationen zu helfen. Für ein dauerhaftes Leben in Obhut der Menschen eigenen sich die Wildtiere jedoch ganz und gar nicht.
Quietschende Autopneus im Igelspital, oder war es eine Schuhsohle, die dieses Geräusch von sich gegeben hat? «Nein, das sind die Igeljungen, die nach ihrer Mutter schreien», klärt Nina Latteier auf. Die junge Frau studiert Tiermedizin und arbeitet nebenbei im Igelzentrum Zürich. Gerade ist sie mit ihrer Arbeitskollegin, der ausgebildeten Tierpflegerin Ann Bachmann, dabei, eine Igelmutter medizinisch zu behandeln. Als Erstes wird dem Igel ein Plastikröhrchen an die Nase gehalten. So wird eine Inhalationsnarkose verabreicht, damit sich das Tier nicht einkugelt und behandeln lässt. Sie wirkt nur wenige Minuten. Nun können sich die beiden Mitarbeiterinnen des Igelzentrums an die Arbeit machen. Dazu tragen sie Plastikhandschuhe als Schutz vor Krankheitserregern wie gewissen Bakterien, die auch auf den Menschen übertragen werden können, und ein klein wenig natürlich auch als Schutz vor den rund 7000 Stacheln, mit denen ein einheimischer Braunbrustigel ausgestattet ist.
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Die Igelmutter ist übersät mit Zecken. Ann Bachmann entfernt die Plagegeister mit einer grossen Pinzette und legt sie in ein mit purem Alkohol gefülltes Konfitüreglas. Dabei weist die Tierpflegerin auf eine unschön abrasierte Stelle im Stachelkleid der bereits wieder zur Kugel zusammengerollten Igelin hin. «Hier ist sie wohl leider unter einen Mäher gekommen.» Solche Blessuren, verursacht durch Rasenroboter oder Fadenmäher, kommen viel zu oft vor.
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Beinbrüche und Infusionen
Momentan werden jedoch relativ wenige Patienten mit Verletzungen von Mähern, dafür aber viele Igel mit Bisswunden eingeliefert. Auch Beinbrüche bekommen die Mitarbeiterinnen des Igelzentrums immer wieder zu sehen. Sind es geschlossene Brüche, wachsen diese meist von selbst wieder gut zusammen. Offene Brüche hingegen bedeuten nicht selten das Todesurteil, da die Knochen dann oft sehr stark verschoben sind und die Bruchstelle meist infiziert und stark vereitert ist. Auch Zaunnetze oder Fussballgoals können zur tödlichen Falle werden, wenn sich Igel mit ihren Stacheln darin verfangen und dann eventuell stranguliert werden. Viele Igel werden dem Zürcher Igelspital übergeben, da sie in einem geschwächten, abgemagerten Zustand aufgefunden werden, übersät mit äusseren Parasiten wie Flöhen, Zecken und Milben und im Körperinnern geplagt von Lungen- und Darmwürmern. Nachdem sie auf die Waage gelegt wurde, ist klar, dass auch die Igelmutter nicht das Idealgewicht eines ausgewachsenen Igels von etwa 900 bis 1500 Gramm erreicht hat und Kräftigung braucht, um den bald anstehenden Winterschlaf gut zu überstehen und vorher noch ihre Jungen aufzuziehen. Bis Jungigel selbstständig sind und ihre Mutter verlassen, dauert es sechs Wochen. «Bringt ein Jungigel 500 Gramm auf die Waage, kommt er durch den Winter», weiss Simon Steinemann, der Leiter des Igelzentrums. Viele der Spätlinge, die im September oder Oktober geboren werden, überleben den Winterschlaf nicht, da sie sich zu wenig Reserven anfressen konnten. Mit einer Spritze wird der Mutter noch eine Art Infusion, eine Elektrolytlösung verabreicht. Schon ist diese Patientin versorgt und kann zu ihren Jungen in die Plastikwanne zurück.
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Herbstsaison ist Hochsaison
Es raschelt und schmatzt aus allen Ecken. Die grünen Plasitkwannen auf Rollen stehen im grosszügigen Stallraum des Igelzentrums dicht an dicht. Jetzt im Herbst ist die Anzahl der eingelieferten stacheligen Patienten besonders hoch. «Heute sind insgesamt 23 Igel bei uns in Behandlung, der jüngste Patient ist vier Wochen alt», gibt Nina Latteier Auskunft.
«Bringt ein Jungigel 500 Gramm auf die Waage, kommt er durch den Winter.»
Simon Steineman, Leiter Igelzentrum
Manche Igel müssen nur einen Tag zur Überwachung ihres Zustandes im Igelspital verbringen. Andere werden auch mal sechs Wochen hierbehalten. «Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt rund drei Wochen», erklärt die angehende Veterinärin. Alle Igel haben ihr eigenes temporäres Zuhause, das mit etwas Zeitungspapier ausgelegt ist und einen Wasser- und Futternapf enthält. Zu fressen bekommen die Patienten nicht wie in der Natur Würmer, Käfer, Raupen sowie andere Kleinlebewesen, sondern nasses und trockenes Katzenfutter. «Dieses beschaffen wir selbst oder wir bekommen es gespendet, das Verhältnis ist etwa halbe-halbe», so Ann Bachmann. Würden mehrere Igel in einer Wanne gehalten, gäbe es nicht nur um das Futter erbitterten Streit, denn wild lebende Igel sind Einzelgänger und können nicht mit Artgenossen zusammengeführt werden.
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Die Mitarbeiterinnen des Igelzentrums wissen dies natürlich genau, denn sie verfügen über langjährige Erfahrung, was die stacheligen Vierbeiner betrifft. Die Zürcher Auffangstation besteht seit 1998. In den ersten Jahren waren die Igelfreunde noch am Zürichberg eingemietet, 2015 konnten sie das Igelspital dann in einer ganz neuen Genossenschaftsüberbauung in Oerlikon einrichten. Ihr Igelwissen geben die Experten jeweils in der wochentäglichen Telefonsprechstunde zwischen 16 und 18 Uhr weiter. Igelpatienten werden nur auf Voranmeldung aufgenommen. Damit der Ansturm an kranken und verletzten Igeln nicht grösser wird, setzt das Igelzentrum einen Fokus auf die Umweltbildung und die Sensibilisierung für die Lebenswelt der Igel. «Menschen mit ihrem Wirken stellen die grösste Gefahr für Igel dar», sagt Zentrumsleiter Simon Steinemann.
Am liebsten setzen Steinemann und seine Kollegen bei den Kindern an. Rund 100 Schulkassen und Kindergartengruppen besuchen das Igelzentrum jährlich und erfahren, was Igel während der Nacht treiben, wenn sie wach sind, und wo sie sich tagsüber und während der Wintermonate zum Schlafen verkriechen. In Laub- oder Asthaufen oder in diversen Unterschlüpfen in Gärten machen es sich Igel besonders gerne für ihr Nickerchen gemütlich. Im Oktober ziehen sich die Igel für den Winterschlaf zurück. Ihr Winterschlafplatz muss gut vor Regen, aber auch vor starkem Sonnenschein geschützt sein, denn fallen viele Sonnenstrahlen ein, wacht der Igel zu früh, also vor Ende März, wieder auf. Währen des Winterschlafs befindet sich sein Körper im Energiesparmodus – Herzfrequenz, Atmung und Temperatur sind stark heruntergefahren. Die Gefahr ist also gross, bei Gartenarbeiten die Stacheltiere nicht nur aufzuschrecken, sondern ernsthaft zu verletzen. Bei grösseren Abbruch- und Rodungsprojekten ist es deshalb sinnvoll, das betreffende Gebiet durch einen Igelspürhund absuchen zu lassen.
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Aussetzung so bald wie möglich
Ob der nächste Patient durch unvorsichtige Garten-arbeiten verletzt wurde, ist nicht geklärt. Seine eine Nasenhälfte wurde jedenfalls etwas in Mitleidenschaft gezogen, irgendein Fremdkörper scheint den Herrn beträchtlich zu stören. Und dass nun sein Näschen behandelt werden soll, stört ihn mindestens genauso. Die beiden Pflegerinnen haben mit dem Wildfang alle Hände voll zu tun. «Normalerweise kugelt sich ein Igel zur Abwehr sofort ein, sobald wir mit der Behandlung beginnen wollen, beissen tun die allerwenigsten Schützlinge», erklärt Ann Bachmann. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.
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Mit allen Mitteln wehrt sich der Igel dagegen, narkotisiert zu werden und die Nase gespült zu bekommen. Bei Kräften scheint er also zu sein. «Unser Ziel ist es, die Igel jeweils baldmöglichst wieder in die Freiheit zu entlassen», so Simon Steinemann. Wichtig ist, sie genau am Fundort wieder auszusetzen, denn Igel sind sehr ortstreu. Ist dies nicht möglich, und die Aussetzung erfolgt an einem dem Tier fremden Ort, muss der Igel erst einige Tage draussen in einem Gehege mit Schlaf- und Futterhaus gehalten werden. So kann er sich in Ruhe an die neue Umgebung gewöhnen. Ein genesener erwachsener Igel kann auch im Winter am Fundort wieder freigelassen werden. Er kennt sich in seinem Lebensraum so gut aus, dass er genau weiss, wo seine früheren Winterschlafplätze sind. Dennoch ist es sinnvoll, dem Igel ein Schlafhaus zur Verfügung zu stellen, also einen Hohlraum mit den Massen 30 auf 30 auf 30 Zentimeter, der rundum vor Witterung schützt.
Ab April erübrigt sich für ausgesetzte Igel die Suche nach einem Winterschlafplatz, in diesem Frühlingsmonat erwachen die Stacheltierchen nämlich aus dem Winterschlaf, und es beginnt die Paarungszeit. Auch für den einen oder anderen Gartenbesitzer ist es dann vorbei mit einem geruhsamen Schlaf, denn die Igel können mit ihren schnarchenden Werbegeräuschen ganz schön Radau machen.
Den Igeln Gutes tun
An heissen Sommertagen ist eine flache Schale mit Trinkwasser im Garten eine gute Idee. Milch sollte allerdings nicht gereicht werden, da Igel den Milchzucker nicht verdauen können, was zu massivem Durchfall führen kann. Wenig sinnvoll ist es, Igel zu füttern. Denn Katzenfutter und käufliche Igelfutter können, über längere Zeit verabreicht, gesundheitliche Schäden verursachen, bei mehreren Igeln, die denselben Futterplatz aufsuchen, ist das Infektionsrisiko erhöht, und es entsteht Stress wegen Futterneid. Wird im Herbst ein Igel regelmässig gefüttert, geht er oftmals nicht in den Winterschlaf, denn Igel überbrücken die futterlose Zeit jeweils mit dem Winterschlaf.
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Igel halten sich gerne in reich gegliederten und möglichst naturbelassenen Lebensräumen auf, wie sie sie in der Schweiz vor allem in urwüchsigen Gärten und Parks finden. Da sie Altgrasbestand und Totholzdickicht gerne als Versteck nutzen, sollte der Garten nicht zu aufgeräumt und, um ihre Beutetiere nicht zu dezimieren, sicher nicht mit Bioziden behandelt sein.
Igel können zwar schwimmen, aus Schwimmbecken oder Teichen mit senkrechten Rändern aber nicht mehr aussteigen. Ein Brett bietet eine gute Aussteigehilfe.
Uhus und Dachse sind die tierischen Hauptfeinde des Igels. Aber auch Hunde können mit ihren Bissen Igel verletzen. In der Nacht, wenn Igel aktiv sind, sollten sie deshalb angeleint sein.
Netze aller Art können für Igel zur tödlichen Falle werden. Vogelschutznetze sollten in Bodennähe immer besonders gut gespannt sein, damit sich Igel nicht darin verheddern können. Für die Umfriedung von Weiden sind Litzen- besser als Maschenzäune, und Fussballgoals sollten regelmässig kontrolliert werden.
Igel sind gerne gesehene Gäste in unseren Gärten, um sie nicht zu stören oder gar zu verletzen gilt es besonders vorsichtig zu sein. Nicht mit einer Gabel in Laub- oder Asthaufen hineinstechen. Motorsensen, Fadenmäher und dergleichen mit besonderer Vorsicht einsetzen und Rasenroboter zumindest nachts gar nicht nutzen. Einen Sturz überstehen die zur Kugel zusammengerollten Igel meist gut. Aus Lichtschächten können sie sich eigenständig aber nicht mehr befreien, weshalb diese abgedeckt werden sollten.
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Jedes Jahr sterben in der Schweiz zahlreiche Igel, weil sie unter die Räder kommen. Nachts gilt es also wachsam zu sein, ob sich ein Igel auf der Strasse befindet, sei es im Siedlungsgebiet oder auf dem Land. Einen Igel immer in seiner Laufrichtung von der Fahrbahn tragen und dabei die eigene Sicherheit nicht vergessen.
Die beiden Broschüren «Igelfreundlicher Garten» und «Gefährdung von Igeln durch Mähroboter – eine Studie» können gratis beim Igelzentrum bezogen werden.
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