Dass Walter Gloor in Hüniken (SO) einst Truten anschaffte, hatte einen praktischen Grund. «Sie picken alle Brennnesseln weg», sagt der Geflügelzüchter. Sein Blick schweift zu einem Trupp weiss-schwarzer Truten, der sich gerade anschickt, in der üppigen Vegetation eines ausgetrockneten Bachlaufs zu verschwinden. «Sie finden hier immer etwas», murmelt der 78-Jährige. Er habe sofort Freude an diesen Tieren gehabt, setzt er nach.

Den Brennnesseln gingen die imposanten Hühnervögel auf dem Grundstück von Walter und Beatrice Gloor erstmals 1979 an den Kragen. Bis heute ist das so geblieben, denn Truten gehörten fortan ununterbrochen zum Bestand der beiden Geflügelliebhaber.

«Nur langsam, man darf nicht hektisch sein», sagt Walter Gloor, als er seinen Truten folgt. Die insgesamt 13 Tiere haben einen ausgetrockneten Bachlauf durchquert und stolzieren jetzt auf einer angrenzendenWiese im Schatten eines Kirschbaums im Gras umher. Ihr Auslauf ist so gross wie eine Kuhweide. «Truten brauchen Platz, sonst zerstören sie die Grasnarbe», sagt Walter Gloor. Der Züchter rät, einem Truthahn mit drei Hennen mindestens 200 Quadratmeter Land zur Verfügung zu stellen.

Das Grundstück der Gloors in Hüniken ist interessant gegliedert. Der Bach mit Hecke bildet einen Sichtschutz. Dahinter tut sich nochmals eine Weide auf. Im unteren Teil befinden sich zahlreiche Häuschen mit Gehegen zur Zucht von Zwerghühnern der RassenChabo und Zwerg-Cochin, das Spezialgebiet vonBeatrice Gloor. Die Truten teilen sich den grossen Auslauf mit Hühnern der Rassen Altsteirer und Sulmtaler, Walter Gloors Lieblingen. «Sie vertragen sich ohne Probleme», berichtet der Trutenfreund.

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Tücken der Trutenzucht

«Wir liessen uns hier mit dem Ziel nieder, unsere Nahrung möglichst selbst anzubauen oder zu züchten», erzählt der ehemalige Bauernsohn Walter Gloor. Nach der Anschaffung der ersten Truten wuchs das Interesse an der Rassenzucht. So hielten sie nach den ersten Masttruten die Rasse Bronze. Ab 2004 sind es Cröllwitzer Truten, die im Garten der Gloors herumstolzieren. Walter Gloor erklärt, was es mit den Namen auf sich hat: «Die Cröllwitzer Truten sind ein Farbenschlag und gehören zu den Deutschen Landputen. Es handelt sich um eine leichtere, elegantere Rasse. Andere Farbenschläge in dieser Kategorie sind Narragansett, Blau, Kupfer, Rot und Gelb.» Im Vergleich dazu seien Bronze, Weiss, Schwarzflügel, Bourbon und Schwarz Farbenschläge mit höheremGewicht. Hier wird auf Massigkeit geachtet. Alle gehören aber zu den Deutschen Puten. Walter und Beatrice Gloor sind Spezialisten für Geflügel und engagieren sich im Verband Rassegeflügel Schweiz. Gloors Truten haben eine weisse Grundbefiederung; die Federn sind schwarz gesäumt. Der Oberrücken der Hähne ist oft schwarz. Die Brustzeichnung sollte schuppenartig wirken. Das habe er durch Auslese der Zuchttiere nach etwa sechs Jahren Zucht erreicht, sagt Walter Gloor. Er streicht weiter heraus: «Cröllwitzer sollten im Schwanz zweischwarze Querbänder haben. Bei meinen Tieren ist das meist so», fügt er mit einem Schmunzeln hinzu.

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Die Rasse gefalle, alle seine Nachzuchten seienbereits vergeben. Junge Cröllwitzer sind zuerst weiss und färben erst nach zwei Monaten langsam um. Der ehemalige Geflügelrichter verrät, worauf er bei der Bewertung von Truten weiter acht gab: «Die Rückenlinie muss gerade sein, das Verhältnis von Standhöhe zum Körper sollte stimmen.»

In diesem Jahr hat Walter Gloor mit einem Paargezüchtet. Er sagt: «Die ersten sechs hellbraun gesprenkelten Eier gab ich in die Brutmaschine.» Fünf Küken seien nach einer Brutzeit von 28 Tagen und bei einer Bruttemperatur von 38,7 °C geschlüpft. Trutenküken sind Nestflüchter. Es sei nicht einfach, sie aufzubringen. «Sie sind empfindlich gegenüber Kälte und Nässe», sagt der Züchter. Darum hält er sie zuerst drinnen undgewährt ihnen Unterschlupf unter einer Wärmelampe, wo es etwa 36 °C warm ist. Und noch etwas Wesentliches erwähnt der Spezialist: «Bei Küken in der Kunstbrut setzte ich ein Hühnerküken dazu, denn es lehrt die Truten, nach dem Futter zu picken.» Oder aber, verrät Walter Gloor, man nehme sich die Zeit und tippe mit einem Bleistift vor den Trutenküken das Futter an. Das Initialerlebnis des Pickens muss ihnen beigebracht werden.

Walter Gloors Truten erhielten auch die Gelegenheit, selbst Küken aufzuziehen. Der Züchter verrät: «Die Trutenhenne brütet erst fest ab acht bis zehn Eiern.» Nachdem er also die ersten Eier zur Kunstbrut wegnahm, legte das Weibchen weiter. «Es bebrütete anschliessend acht Eier fest.» Eine Tücke bei der natürlichen Trutenbrut sei, dass manche Weibchen nicht mehr vom Nest gingen. «Als Züchter muss man darauf achten, dass das Weibchen mindestens alle zwei bis drei Tage zur Futteraufnahme das Nest verlässt. Wenn nicht, muss man es dazu nötigen.» Bei Walter Gloors Trutenweibchen verlief alles ohne Intervention, sechs Eier kamen schliesslich zum Schlupf unter der brütenden Mutter. «Bei Brutbeginn wiegt das Weibchen 5 Kilo, wenn die Küken geschlüpft sind noch 2,5 Kilo», sagt Walter Gloor. Die Brut sei kräftezehrend für das Weibchen.

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Domestizierte Truten brüten im Stall. «Sie benötigen lediglich flache Körbe oder Kisten, darin legen sie ihre Eier», sagt der Cröllwitzer-Züchter und betont, dass die Truten mehrere solcher Nistgelegenheiten zur Auswahl haben sollten. Dass sie ihre Eier nicht in ein richtiges Nest legen, ist normal, denn schliesslich brüten auch die Wildtruten lediglich in einer Erdmulde. «Unsere Henne brütete unter der Sitzstange auf einem Tablar», erinnert sich Walter Gloor. Er habe den Hahn zeit-weise in einem Käfig daneben gehalten. Der Züchter erklärt warum. «Da die Henne brütend auf dem Nest sass, sah der Hahn dies als Aufforderung zum Kopulieren an.» Hähne sitzen zum Paaren auf, wenn sich die Henne duckt. Hätte Walter Gloor der Sache freien Lauf gelassen, wären die Eier versehentlich durch den Hahn in seinem Eifer zertreten worden. «Wird ein Hahn mit drei Hennen gehalten, stellt sich dieses Problem nicht», sagt Walter Gloor.

Checkliste Trutenhaltung- Fuchs- und mardersicheres Schutzhaus mit Luftzufuhr
- Pro Tier ca. 50 Quadratmeter Auslauf
- 1 Hahn, 2 Hennen, ca. 200 Quadratmeter Auslauf
- Zaunhöhe: Mindestens 3 Meter, fliegen als Jungtiere, sind standorttreu. Später sind sie hauptsächlich zu Fuss unterwegs.
- Gute Strukturen im Auslauf mit Bäumen, Sträuchern
- Futter: Gras, Kräuter, Topinambur, Brennnesseln, Grundfutter für Hühner, Alleinfutterpellets sowie Weizen. Im Auslauf nehmen Truten zudem Heuschrecken und andere Insekten auf. Stetiger Zugang zu frischem Wasser.
- Lebenserwartung: 15 Jahre und mehr
- Gewicht Cröllwitzer: Hahn bis 8 Kilo, Henne bis 5 Kilo
- Gewicht Wildtruten: Hahn bis 10 Kilo, Henne bis 4 Kilo, Standhöhe fast 1 Meter

Ein Kavalier auf Werbetour

Die Henne mit den Jungen behielt Walter Gloor noch einige Zeit im Stall. Er sagt: «Es kommt auf das Wetter an, ist es schön, dann lasse ich die Familie schon früher mal nach draussen, jedoch zuerst nur in den Hof.» Erst, wenn sich die Küken daran gewöhnt hätten, könnten sie im ganzen Garten herumstolzieren. Normalerweise führe eine Trutenhenne ihre Küken während drei Monaten. «Dann bleibt der Trupp nicht mehr so schön beisammen, der Nachwuchs geht dann eigene Wege.» Ende Juli sind die Jungen praktisch so gross wie die Altvögel. Trutenweibchen legen meist Ende Februar, Anfang März Eier, so auch bei Walter Gloor in diesem Jahr. Die Geschlechtsunterschiede beginnen sich im Alter von fünf Monaten langsamabzuzeichnen.

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Der Hahn auf Walter Gloors Geflügelwiese plustert sich auf, stolziert gravitätisch mit seinen gespornten Läufen zwischen Henne und Nachwuchs. Nichts im Vergleich zu seinen Bemühungen während der Brutzeit im Frühling. Dann schreitet er mit hängenden, den Boden berührenden Schwingen und abstehenden, zitternden Federn im Zeitlupentempo auf der Wiese herum, schlägt den Schwanz zu einem Rad. Die nackte Haut am Halsansatz ist von roten Karunkeln besetzt, der Hals leuchtet rot und blau, fleischige Kehllappen baumeln. Aus dem Innern der Federkugel in Ekstase dringen dunkle grollende Laute, die in ein Zischen übergehen und in einem plötzlich ausgestossenen, lauten typischen Truthahn-Blubbern enden. Dabei schnellt der Kopf vor und zurück. Die geschwulstartige Masse am Oberschnabel wabert wild hin und her, auf und ab. Kurz darauf schreitet der Kavalier wieder würdevoll mit leicht nach hinten geneigtem Hals umher; das Spiel beginnt erneut. Er schindet mit dieser Prozedur Eindruck beim weiblichen Geschlecht.

Die bemerkenswerten Lautäusserungen werden durch den 2004 in Costa Rica verstorbenen US-amerikanischen Ornithologen und Buchautor Alexander Skutch in Grzimeks Tierleben als «Gobbel-obbel-obbel» beschrieben. Er leitet ab, dass diese eigentümlichen Lautäusserungen dem grössten aller Hühnervögel in den USA wohl den Spitznamen «Gobbler» eingebracht haben.

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Ende Juli hat Walter Gloors Truthahn gerade etwas von seiner Pracht eingebüsst. Der Züchter merkt an: «Er hat einige Schwanzfedern verloren, ein normaler Prozess, sie wachsen innerhalb von drei bis vier Wochen nach.» Noch nie habe er einen Truthahn beobachtet, der beim Fressen in seinen schwabbeligen Stirnanhang pickte, sagt Walter Gloor. Er erwähnt, dass sich das Gekröse – so nennt er die eindrückliche, fleischige Hautverzierung an Hals und Kopf des Truthahns – im Herbst zurückbilde und zieht den Vergleich zum Bankivahuhn, der Wildform des Haushuhns. «Auch bei den Bankivas bildet sich der Kamm zurück.»

Walter Gloor findet, dass bei Truten die Verbindung zur Wildform mehr durchdrückt als bei Hühnern. Die Trutenhenne scharrt mal hier unter einem Busch, pickt ein Insekt aus dem Gras, sammelt ihre Jungschar um sich, bleibt dabei aber immer wachsam. Sie schaut mit ihrem Köpfchen schräg in den Himmel, stets auf der Hut vor Raubvögeln, die kreisen. «Sieht sie etwas, das sie ängstigt, gibt sie Warnlaute von sich, die ganze Schar flüchtet sofort unter das Gebüsch», sagt Walter Gloor.

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Wie Truten domestiziert wurden

Dass die Truten gerne in dichte Vegetation verschwinden, kommt nicht von ungefähr, denn ursprünglich handelt es sich um Waldbewohner. Wildtruten in Nordamerika bevorzugen lichte Wälder. Bei Gefahr flattern sie in die Vegetationsinseln. Dass der Züchter findet, sie trügen mehr wilde Gene in sich als Hühner, rührt vielleicht daher, dass der Beginn der Domestikation des Huhns weiter zurück liegt als diejenige der Truten. Die Haustierwerdung des Huhns setzte vor etwa 3600 Jahren ein – die Forschung ist sich nicht einig, manchmal wird sogar von 10 000 Jahren gesprochen. Vermutlich begannen die Mayas, eine historischeZivilisation Mittelamerikas, vor etwa 2000 Jahren, Wildtruten zu halten. Nach der Entdeckung Amerikas durch die Europäer, also vor etwa 530 Jahren, wurden Truten nach Europa gebracht.

Die Französin Dr. Aurélie Manin von der Universität von York in Grossbritannien hat zum Domestikationsprozess des Truthuhns geforscht und dabei Überreste von 55 Truten untersucht, die im Zeitraum von 300 bis 1500 nach Christus gelebt haben. Die Funde stammen aus Zentralmexiko bis ins Gebiet von Nord-Costa-Rica, also aus den Einflusszonen der Mayas.

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Erbgutvergleiche zeigen, dass heutige Haustruten in Europa von mexikanischen Vorfahren abstammen. Das lässt den Schluss zu, dass europäische Eroberer bereits auf domestizierte Truten zurückgriffen, als sie das Geflügel nach Europa brachten. Es scheint nun aber, dass die Mayas Truten nicht in erster Linie der Ernährung wegen hielten, sondern viel eher zu kultischen Zwecken. Die Archäozoologin fand im Hausmüll kaum Trutenknochen, dafür aber in ehemaligen Tempelanlagen. Manin konnte nachweisen, dass sie auch gehandelt wurden, denn sie fand Knochen in Gebieten, wo sie natürlicherweise nicht vorkommen. Die Erkenntnisse beschrieb Manin in ihrer Arbeit «Understanding Turkey Management in the Mimbres Valley of Southwestern New Mexico».

Es scheint, dass Indigene anderer Regionen Amerikas Truten kaum domestizierten, sondern sie als Wildtiere jagten. Federn wurden für Schmuck und Kleider benutzt.

In Europa wurde der Domestikationsprozess der Truten fortgesetzt. Walter Gloor bezeichnet Deutschland als heute wichtigstes Land in der Trutenzucht. Nicht von ungefähr gilt in der Rassegeflügelzucht die Deutsche Pute mit ihren Farbenschlägen als Massstab. In Deutschland werden Truten auch Puten genannt.

Das PfauentruthuhnDas Pfauentruthuhn (Meleagris ocellata) aus Nord-Guatemala, Belize und von der mexikanischen Halbinsel Yucatan ist die zweite Art und wird selten gehalten. Sie wurde nicht domestiziert. Der Schweizer Charles Cordier (1897 – 1994) lieferte 1938 zwölf Pfauentruthühner von Guatemala per Schiff nach Frankreich an den französischen Aristokraten Dr. Jean Delacour in Schloss Clères in der Normandie. 1946 reiste Cordier erneut nach Guatemala, diesmal mit seiner Schweizer Frau Emy. Er suchte erneut im Regenwald nach Gelegen der Pfauentruthühner, nahm Eier aus und schob sie brütenden Hühnern unter. In der Zwischenzeit entwickelte er einen mit Kerosin betriebenen Kunstbrüter. Aus 41 Eiern schlüpften 31 Küken, welche Cordiers mit hartgekochtem Ei fütterten und aufzogen. Die gut eingewöhnten Vögel wurden von den Tierfängern auf einem Segelschiff vom Karibikhafen Guatemalas, Puerto Barrios, nach New York gebracht, wo sie vom Bronx Zoo übernommen wurden. Sie galten als zoologische Sensation, welche am 31. März 1947 auch im Daily Mirror beschrieben wurde.Wilde Truten brüten immer draussen.
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Wilde Truten brüten immer draussen

Vor der Ankunft der Europäer auf dem nordamerikanischen Kontinent lebten dort Truten in grosser Dichte, etwa 80 Individuen pro Quadratkilometer. Somit haben in Nordamerika wohl mehrere zehn Millionen wilde Truten gelebt. Ende der 1940er-Jahre schrumpfte der Bestand auf etwas über 100 000 zusammen, dies wegen zügelloser Bejagung und Lebensraumverlusts. Die verbliebenen Vögel zogen sich in Sumpfwälder und Berggebiete zurück. Dank Schutzmassnahmen und der Landflucht der Bevölkerung nahm der Bestand wieder zu, so dass heute von ungefähr fünf Millionen Individuen ausgegangen werden kann.

Um Wildtruten zu beobachten, ist keine Reise auf den nordamerikanischen Kontinent notwendig. Sie werden im Wildpark Roggenhausen westlich von Aarau gepflegt. Marco Mazzotti sagt: «Wir halten aktuell zwei Hähne und vier Hennen mit vier Jungen in einem Freigehege.» Dabei handelt es sich um eine fuchssicher umzäunte Anlage mit grasbewachsenem Hügel mit Sträuchern und Bäumen sowie einem Stall. DieBeschreibungen des Verhaltens der Wildtruthühner durch den Tierpfleger streichen den Unterschied zu den Cröllwitzer Puten von Walter Gloor rasch heraus. «Sie bleiben immer draussen und verbringen die Nacht auf Bäumen oder Asthaufen», sagt Marco Mazzotti. 

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Zum Brüten ziehe sich die Henne unter Asthaufen zurück und lege die Eier in eine Erdmulde. «Sie brüten immer draussen unter freiem Himmel.» Es wäre praktischer, sie in einem Stall halten zu können, doch sie liessen sich nicht so einfach hineintreiben. Oft würden mehrere Hennen ins gleiche Nest legen. Manchmal bebrüteten auch mehrere Hennen ein Gelege. «Sie sitzen sehr fest, trotzdem gelingt es Krähen manchmal, Eier oder gar Küken zu stibitzen», erzählt der Tierpfleger. Krähen und schlechtes Wetter schmälern denn auch hauptsächlich den Zuchterfolg in Roggenhausen, dem einzigen Wildpark oder Zoo in der Schweiz, der Wildtruten zeigt.

WildtruthühnerDas Wildtruthuhn (Meleagris gallopavo) ist in sechs Unterarten vom Süden Kanadas bis nach Mexiko verbreitet: M. silvestris (östliche USA/Kanada), M. osceola (Florida), M. intermedia (Rio Grande, USA und Nord-Mexiko, östlich Golf von Mexiko), M. merriami (südwestliche USA), M. mexicana (Pazifische Küstenregion Nordamerikas), Nominatform M. gallopavo gallopavo (Süd-Mexiko). In früherer zoologischer Literatur wurden für das Wildtruthuhn keine Unterarten angegeben.

Während der Balzzeit gebe es durchaus mal kleinere Kämpfe unter den beiden Hähnen. Von Wildtruten ist bekannt, dass sich der unterlegende Hahn auf den Boden duckt und vom Sieger in Drohhaltung umrundet, aber nicht mehr angegriffen wird. Truten gehen keine dauerhaften Bindungen ein. Aber Hähne fühlen sich verantwortlich für Hennen. Richtig nahe kommt der Tierpfleger den Wildtruten nur, wenn sie brüten. «Sie ducken sich und meinen, dass man sie unter dem Asthaufen nicht sieht.» Die Wildtruten im Roggenhausen bei Aarau sind sehr wachsam. «Sehen sie einen Raubvogel, warnen sie mit ‘tuk, tuk, tuk’, und schon sind alle sehr aufmerksam.» Es komme auch vor, dass ein Tier den Zaun überfliege. 

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«Sie sind zu Fuss unterwegs, können aber auch kurze Distanzen im Flug bewältigen.» Marco Mazzotti reicht den Wildtruten ein Grundfutter für Hühner, Alleinfutterpellets sowie Weizen. «Sie picken während des Tages auch viel Gras», erzählt der stellvertretende Wildparkleiter. Schliesslich finden auch die wilden Truten Nordamerikas ihregesamte Nahrung auf dem Boden. In der Natur gehören Eicheln, Kastanien, Wildkirschen, Erdbeeren, Bucheckern und Nüsse zu ihrer Nahrung. Während Wildtruten zwei Jahre bis zur Geschlechtsreife brauchen, dauert es bei domestizierten Truten nur ein Jahr. Wildtruten-Hähne und wenige Weibchen haben zudem einen bis zu 25 Zentimeter langen borstenartigenFederbusch an der Brust.

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Auch Walter Gloors Cröllwitzer Truten picken emsig auf der Weide. Dort finden sie nebst Brennnesseln und Brombeeren auch Heuschrecken und Raupen unddecken so ihr Bedürfnis nach animalischer Kost gleich selbst im Auslauf. Doch anders als ihre wilden Verwandten ziehen sie sich gerne für die Nacht in den Stallzurück, den Walter Gloor dann abschliesst. Ein sicherer Schutz vor Marder und Fuchs.

«Es sind keine Frühaufsteher», sagt er. Sie trippelten so ab 8.30 Uhr auf die Weide. Seine Tiere kommen nahe zu ihm heran, besonders, wenn er ihnen beispiels-weise eine Topinambur-Pflanze reicht. Eifrig picken sie nach den Blättern, so dass bald schon nur noch der Stängel daliegt. Wenn Beatrice Gloor am Morgen mit Körnern ihre Hühner füttert, dann will auch der Truthahn davon. Manchmal wird er gar aufdringlich. Er ist sich halt Beachtung gewohnt. Welcher Vogel sonst hat denn eine solch imposante Erscheinung?

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«Beschäftigung ist wichtig für Truten»

Der Geflügelveterinär Dr. Pascal Furer sagt, unter welchen Krankheiten Truten leiden und erklärt, wie sie unter Mastbedingungen gehalten werden. Trutenmast bildet eine leicht zunehmende Nische der Schweizer Landwirtschaft. 

Interview: Lars Lepperhoff

Was fasziniert Sie an Truten, Herr Furer?

Es sind spezielle Vögel. Am besten gefällt mir dasunglaublich nuancenreiche, schillernde Gefieder. Der nackte Kopf ist farblich etwas Besonderes.

Welche Trutenrassen züchten Sie?

Ich züchtete jahrelang bronzefarbige Truten. Einige Jahre hielt ich auch Euganeische Truten. Das ist eine leichtere Form aus den euganeischen Hügeln imVeneto in Italien.

Schlachteten Sie überzählige Truten?

Ja, für den Eigengebrauch in der Familie. Das Fleisch war aber nicht zart, sondern hartfaserig. Dies ist genetisch bedingt. Bei Masttruten ist das anders, sie wurden betreffend Fleischqualität selektioniert.

Zur PersonDr. Pascal Furer aus Courtelary (BE) ist Fachtierarzt für Bestandesmedizin des Bereichs Geflügel und Mitglied der Schweizerischen Vereinigung fürGeflügelmedizin. Er leitet die Clinique du Vieux-Château in St-Imier (BE), züchtet Hühner, Perlhühner und Truten und ist Präsident des schweizerischen New-Hampshire Klubs.
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Wie gut eingeführt ist Trutenfleisch in der Schweiz?

Es gibt keine Tradition dafür wie beispielsweise in den USA oder in Deutschland. Deshalb gibt es auch nur wenige Mästereien.

Sind die Eier von Truten essbar?

Truteneier können wie Hühnereier gegessen werden. Allerdings ist die Eihaut dicker und schwer zerreissbar. Wir nutzten sie in unserer Familie insbesondere als Spiegeleier.

Wie ist der Ablauf der Trutenzucht und -mast in der Schweiz?

Es gibt keine Elterntierzucht, denn der Markt ist zu klein. Truten werden oft künstlich besamt. Das geht nur in grossen, spezialisierten Betrieben. Darum werden die Eier importiert und hier ausgebrütet. Manche Betriebe ziehen die Küken bis zur sechsten Lebens-woche auf und geben sie für die Mast weiter, andere machen die ganze Aufzucht.

Sind Mastputen männlich oder weiblich?

Die Geschlechter werden getrennt gemästet, denn die Bedürfnisse und Verhaltensweisen sind unterschiedlich. Männchen wachsen schneller und werdenschwerer.

Wie hoch sind die Besatzdichten in der Schweizer Trutenmast?

Von der ersten bis zur sechsten Lebenswoche sind pro Quadratmeter 32 Kilo Truten erlaubt. Ab der Mast-phase, also ab der siebten Lebenswoche, wird pro Quadratmeter ein Kilogewicht von 36,5 angegeben. Das entspricht bei einem Mastendgewicht von bis zu 20 Kilo bei den Hähnen und bis zu 10 Kilo bei den Hennen1,8 Hähne oder 3,6 Hennen pro Quadratmeter.

Welche Probleme können auftreten?

Truten können Aggressionen gegeneinander entwickeln, wenn sie in dichtem Bestand in Hallen ohne Beschäftigung gehalten werden.

Was wird getan, um Truten in einem Mastbetrieb zu beschäftigen?

In der Schweiz erhalten über 80 Prozent der Truten Auslauf in einem geschützten Bereich oder auf einer Weide. Beschäftigung wie Strohballen, Stangen zum Aufbaumen und Einstreu hilft, Aggressionen zu unterbinden. Truten benötigen Grit zum Picken für ihre Verdauung, denn sie haben einen Muskelmagen. Truten picken auch gerne Gras. Die Haltung auf Wechsel-weiden ist ideal.

Wie lange dauert es, bis Truten ihr Schlachtgewicht erreicht haben und wie werden sie getötet?

Bei Hennen etwa 16 Wochen, bei Hähnen22 Wochen. Sie werden elektrisch betäubt.

Unter welchen Krankheiten können Truten leiden?

Die Schwarzkopfkrankheit oder Histomonose kann zum Problem werden. Dabei handelt es sich um einen Parasiten, für den Hühner ein Reservoir bilden. Der Zyklus ist kompliziert, denn derParasit hält sich auch in Regenwürmern auf. Ist er einmal im Boden, wird es schwierig, ihnunter Kontrolle zu bringen. Früher konnte das Problem medikamentös behandelt werden, doch das Medikament wurde in der ganzen EU verboten. Weitere Probleme können Mykoplasmen bilden, ein Bakterium, das Gelenkentzündungen verursacht und zu Lahmheiten, Atemwegsproblemen und einemgeschwollenen Kopf führen kann. Auch Pasteurellose ist ein Bakterium, das gefährlich werden kann.Kokzidien sind Parasiten und artspezifisch, also verschieden bei Truten und Hühnern. Truten könnendarunter leiden. Von Vogelmilben werden Truten,anders als Hühner, selten befallen.

Müssen Truten auch entwurmt werden?

Ja, wegen der Histomonose, entweder mit einem Mittel in Pulverform, welches ins Futter gemischt wird, oder über Trinkwasser.

Sie haben als Veterinär eine Fachausbildung für Geflügel. Spielten Truten da eine Rolle?

Ich behandle hauptsächlich Tiere von Hobbyhaltern, und da gibt es nicht mehr viele. Trutenmastbetriebe werden von Vertragstierärzten der Fleischkonzerne betreut. In der Fachausbildung ging es um Mast- und Legehühner, kaum um Truten.

Ist die Truten- mit der Hühnerhaltung vergleichbar?

Nein, es ist überhaupt nicht das Gleiche. Ich kenneviele Leute, die denken, dass Truten einfach grössere Hühner sind. Das stimmt nicht. Truten haben eine ganz andere Biologie, völlig andere Ansprüche undBedürfnisse.

Facts- Der Inlandanteil an Trutenfleisch beträgt 10 bis 15 Prozent, der Rest wird importiert.
- Während in der Schweiz auf einem Quadratmeter 1,8 Hähne mit einem Gewicht von 20 Kilo erlaubt sind, sind es in Deutschland 3.
- 1997 erreichte die Trutenmast in der Schweiz den Höchststand mit 184 000 Tieren. 2008 gab es noch 54 000 Truten in der Schweiz. Seither steigt die Anzahl wieder leicht, so dass 2019 75 100 Truten gehalten wurden.
-  Gemäss Aviforum liegt beim Geflügel der Anteil an Truten bei 1,9 Prozent 
-  Es gibt in Europa nur zwei Zuchtfirmen, die Elterntiere halten. Die Zucht der Grosselterntiere findet in den USA und in England statt.