Verwaiste Waschbären
«Für jede Handaufzucht braucht es eine Endstelle.»
Nirgendwo werden in Deutschland so viele Waschbären geschossen wie in Brandenburg. Die lokale Wildtierrettung «Notkleintiere e.V.» zieht aber auch verwaiste Welpen auf. Vereinsvorstand Sandra Giese erzählt von der schwierigen Mission.
Frau Giese, angenommen, jemand findet einen Wurf kleiner Waschbärwelpen in seinem Garten. Was passiert dann?
Als Allererstes versuchen wir eine sogenannte Rückführung. Dabei werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Waschbärmutter ihre Jungen abholt und zurück ins Nest bringt. In den meisten Fällen ist diese nämlich nur auf Nahrungssuche oder will einfach kurz ein bisschen Ruhe von den Rabauken. Waschbären sind meist tolle Mütter und holen ihre Welpen spätestens in der Nacht wieder ab. Sollten die Kleinen am nächsten Tag immer noch alleine und sogar kalt sein und laut schreien, dann ist der Mutter eventuell etwas zugestossen. Aber manchmal kommt die Mutter sogar nach einigen Tagen zurück. Bis dahin müssen die Welpen entsprechend vor Ort versorgt werden, aber das organisieren wir meistens irgendwie. Die Tiere müssen dann warm gehalten und mit Elektrolyten versorgt werden, aber immer so, dass die Mutter durch die Anwesenheit von Menschen nicht abgeschreckt wird und sie ihren Nachwuchs geschützt abtransportieren kann.
Und wenn die Mutter nicht zurückkommt?
Das kommt in seltenen Fällen leider vor. Waschbären werden ja auch oft Opfer von Verkehrsunfällen oder Krankheiten, dann sind die Jungen verwaist und würden sterben. Jäger und Tierärzte müssen die Jungtiere dann leider auch töten, was meiner Meinung nach völlig ungerechtfertigt ist. Waschbären sind Lebewesen, und ein solches grundlos zu töten, ist moralisch einfach untragbar. Da Waschbären nicht ausgewildert werden dürfen, brauchen wir für jeden Welpen eine geeignete und genehmigte Endstelle. Ist diese vorhanden, so dürfen wird die Welpen in Absprache mit dem Jagdausübungsberechtigten ausnahmsweise auch aufziehen. Voraussetzung ist aber, dass vorher eine Rückführung probiert wird oder die Mutter nachweislich tot ist.
Das ist sicher mit viel Aufwand verbunden.
Auf jeden Fall. Welpen, die die Augen noch geschlossen haben, brauchen wie menschliche Säuglinge alle paar Stunden geeignete Milch. Wir verwenden dafür spezielle Aufzuchtsmilch für Hunde- oder Katzenwelpen. Ausserdem lassen wir alle Waschbärwelpen gegen Staupe, Hepatitis und Parvovirose impfen. Sobald die Rabauken im Alter von sechs Wochen selbstständiger werden, brauchen sie frisches Futter, Klettermöglichkeiten und viel Beschäftigung. Sie gewöhnen sich sehr schnell an den Menschen als Ersatzmutter, und man übernimmt zwangsläufig auch deren Rolle. Das ist einerseits schön, andererseits ist es irgendwie auch traurig, dass die Tiere nie ein Leben in der freien Wildbahn haben können. Ein Wildtier aufzuziehen, nur damit es dann in Gefangenschaft lebt, ist irgendwie unbefriedigend.
Also würden Sie sich wünschen, dass sich etwas an der Gesetzeslage ändert?
Ja, da muss sich definitiv etwas tun! Waschbären haben einen schlechten Ruf, werden überall aktiv bejagt und von vielen Menschen regelrecht gehasst. Dabei gibt es effiziente Vergrämungsmethoden, um den Räuber fernzuhalten. Waschbären sind bei uns mittlerweile auch so häufig, dass man sie ganz sicher nicht mehr «loswird». Allein in Brandenburg wurden in der Saison 2019/2020 fast 37 000 Waschbären erlegt. Das kann nicht die Lösung sein! Durch das Abschiessen werden lediglich Reviere frei, die ziemlich bald wieder von anderen Individuen besetzt werden. Es müsste also definitiv ein Umdenken stattfinden, durch das ein Miteinander zwischen Mensch und Tier möglich ist.
Zur Person
Sandra Giese (hier mit einem Otter), 45, ist ausgebildete Falknerin und Tierheilpraktikerin, bereits seit 20 Jahren in der Wildtierrettung tätig und heute Vorstandsvorsitzende des Vereins «Notkleintiere e.V.». Der Verein hat seinen Sitz in Brandenburg, einem der dichtesten Verbreitungsgebiete des Waschbären in Deutschland. 200 Mal jährlich werden die Ehrenamtlichen zu einem Waschbäreinsatz gerufen, in den meisten Fällen infolge eines Verkehrsunfalls, oder zu einem kranken Tier. Dabei arbeiten sie eng mit Tiermedizinern, Jägern und anderen Fachpersonen zusammen.
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