Nirwana rundet den Hals und blickt zu Boden. Ihre Hinterbeine rutschen ganz langsam den steilen, matschigen Hang hinunter. Hinter ihr knackt es. Ernst Rytz umschlingt einen Holzstamm mit einer Kette und befestigt ihn an der Waage. So heisst die Stange, welche Nirwana hinter sich über den Boden schleift. Die zehnjährige Stute schnaubt. Sie ist konzentriert bei der Sache. Der 65-Jährige steht links neben ihr und nimmt die Leitseile auf. Die Stute marschiert los. Ernst Rytz ist gelernter Werkzeugmacher und Landwirt in Pension. Wenn er arbeitet, dann mit seinen Pferden. Von einer baselländischen Gemeinde hat er einen Auftrag für Waldarbeit, die er nicht mit der Maschine, sondern mit seinem Hafermotor erledigt.

Das Waldstück liegt am Nordwesthang, ist steil und matschig. «Ein Forwarder würde den Boden kaputtmachen und ein riesiges Desaster hinterlassen», sagt der Landwirt. Seine Freibergerstute ist mit ihren rund 500 Kilogramm nicht nur leichter, sondern verteilt den Druck auf den Boden ganz anders. Maschinen beschädigen die Bodenstruktur linear über eine grosse Fläche hinweg. Nirwana hinterlässt hingegen nur ihre zwanzig bis dreissig Zentimeter grossen Hufspuren und verdichtet den Boden nur punktuell. In den Hufabdrücken sammle sich Wasser, erklärt der Landwirt. So könnten Böden, die per Pferd bearbeitet wurden, neunmal mehr Wasser speichern als solche die maschinell bearbeitet wurden. Zudem erodiere der Boden weniger schnell, führt er aus. «Natürlich ist die Arbeit mit Pferd langsamer und nicht im grossen Stil wirtschaftlich», sagt Rytz. Da sei er nicht verblendet. Aber es sei sein Weg, etwas für die Umwelt und für zukünftige Generationen zu tun. «Hüst», sagt Rytz. Die Stute biegt links ab und umzirkelt einen Baumstumpf. Mit ihren sechzehn Pferdestärken – so viele PS hat ein Pferd effektiv – zieht sie den langen Baumstamm den Hang hinunter. Der 65-Jährige bremst sie. Nirwana verkürzt ihren Schritt und springt mit einem kurzen Satz über eine kleine Furche auf den Mergelweg. «Hier muss ich aufpassen, dass der Baumstamm nicht einsteckt», sagt Rytz. Das Pferd dürfe niemals mit der Ladung kollidieren und im besten Fall werde dessen Bewegungsfluss nie unterbrochen. Zuhause hat er noch zwei andere Pferde, eine Stute und einen Wallach – auch diese setzt er bei Arbeitseinsätzen ein. Keines seiner Pferde trägt Scheuklappen, weil sie mitdenken müssten, erklärt er.

Ein altes Kulturgut

In Europa gehörte das Pferd bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten Arbeitstieren. Obwohl erste Hinweise auf die Domestikation des Wildpferdes auf 4000 Jahre vor Christus datiert sind, ackerte das Pferd erst seit 1200 nach Christus auf den Feldern. Der Ochse war in vielen Regionen das wichtigste Arbeits- und Zugtier. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Pferd in Europa gesellschaftlich wichtiger – es wurde gezüchtet und gehandelt. Mit der landwirtschaftlichen Revolution kamen Traktoren und Erntemaschinen auf. Das Pferd verschwand in unseren Breitengraden von den Äckern. Zwischen 1955 und 1975 verdreifachte sich die Zahl der Traktoren, während sich die Zahl der Pferde im selben Zeitraum fast drittelte.

Ernst Rytz ist mit den Rennpferden des Nachbarn aufgewachsen und spannte vor siebzehn Jahren sein erstes Pferd vor die Egge. Auf seinem Pachtbetrieb pflügte und säte er und setzte die Pferde dort ein, wo es wirtschaftlich Sinn machte.

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Keine Schlaftabletten

Sein Wissen eignete er sich in der IG Arbeitspferde an. Dort traf er auf erfahrene Landwirtinnen und Landwirte, die noch wirklich mit Pferden arbeiteten und ihr über Generationen gesammeltes Wissen weitergaben. «So habe ich von Beginn an hautnah miterlebt, wie Pferde arbeiten», sagt er. Zehn Jahre lang war er Präsident des Vereins und für die Ausbildungen und Kurse zuständig. Ernst Rytz setzt auf Freiberger: «Sie eignen sich am besten, denn sie haben eine kurze Erholungszeit und werden bei der Arbeit zufrieden.» Freiberger sind die einzige Schweizer Pferderasse und gehören zu den leichten Zugpferden. Sie sind kräftig und gute Futterverwerter, ideale Bedingungen für ein Arbeitspferd. «Für die Arbeit eignen sich aber alle Pferde – solang sie den Willen haben», ergänzt Rytz. Charakterlich bevorzugt er neugierige, interessierte Pferde, «keine Schlaftabletten», fasst er kurz und knapp zusammen.

Die Säumerin

Auch seine Frau greift tatkräftig zu den Leitseilen und zum Führstrick. «Sie säumt in den Alpen», erzählt er. Unter Säumen wird der Transport per Lasttier verstanden. Säumer waren früher meist mit ihrem Ross oder Maultier in unwegsamem Gelände über die Passstrassen der Alpen unterwegs. Monika Rytz transportiert etwa Kunstbeuten (vom Menschen gefertigte Nistkästen) für Wildbienen im Naturschutzgelände. Mit der trittsicheren Nirwana, welche die siebzig bis achtzig Kilogramm trägt, ist sie dabei im vor- bis hochalpinen Berggebiet unterwegs. «Die Alternative dazu wäre ein Helikoptertransport, der auf jede Art und Weise ressourcen intensiver ist», erklärt Ernst Rytz.

Weisse Atemwolken steigen durch den Wald, als Nirwana erneut den Hang hochklettert. Die Hinterhand ist angespannt – eine Furche zieht sich darüber. Ihre Oberschenkelmuskeln sind ausgeprägt. Sie stapft Richtung geschlagenes Holz. Kurz vorher wendet Rytz die Stute in einem grossen schönen Bogen. «Bei der Arbeit mit Pferden muss ich mich ins Tier hineinversetzen und vorausschauen. Sonst kommen wir beide in die Bredouille», erklärt er. Wichtig sei es, die Energie seines Tiers in den sechs bis achtstündigen Arbeitseinsätzen richtig einzuschätzen.

Domestikation verpflichtet zur Arbeit

Im Bereich der Arbeitspferde gebe es noch viel Potenzial, erklärt Rytz. In der Schweiz lebten über 100'000 Pferde und nur cirka 1500 würden im Arbeitsbereich eingesetzt. Er führt aus: «Wir domestizierten das Pferd und sind nun auch dafür verantwortlich, dass es ausgelastet ist.» Die Ausbildung beginne er idealerweise bei jungen Pferden und als Erstes mit dem Longieren. Anschliessend führt er das Pferd bei einfachen landwirtschaftlichen Arbeiten, wie Wiesenfegen im Paareinsatz mit einem erfahrenen Pferd. Erst mit der Zeit wandert er hinter das Pferd und «fährt» es. Das Liebste an seiner Arbeit sei, dass er bei jedem Arbeitseinsatz die Lorbeeren seiner Ausbildung ernte. «Es ist traumhaft, zu sehen, welche Leistung meine Pferde erbringen, ohne auch nur eine Schweissperle zu vergiessen», schwärmt er.

Arbeiten mit sechzehn Pferdestärken

Wer mit seinem Pferd beginnen möchte, Äcker zu pflügen oder Felder zu eggen, meldet sich am besten zu einem Einsteigerkurs der IG Arbeitspferde (igarbeitspferde.ch) an. Die IG veranstaltet regelmässig Kurse und Weiterbildungen. Sie ist auch Ansprechpartner, wenn Behörden oder Organisationen den Bedarf nach Arbeitspferden erkennen. «Wenn es bei Arbeitseinsätzen Bedingungen gibt, aus denen wir lernen können, machen wir daraus teilweise auch gleich einen Ausbildungstag», erklärt Ernst Rytz.

Die nächsten Kurse «Schaffe met Ross» finden vom 17. bis 18. April und 24. bis 25. April 2026 statt.