Es ist ein glühend heisser Spätsommertag am Bodensee. Schnaubend steht Criollo-Wallach Milan bis zu den Schultern im kühlen Seewasser und mampft eine Karotte. Neben ihm taucht plantschend der blonde Schopf seiner Besitzerin Sarah Hagenauer (37) auf. «Wir beide sind richtige Wasserratten», sagt die Berufsschullehrerin aus dem deutschen Radolfzell lachend. Und an heissen Tagen schaut so manch ein Passant verdutzt drein, wenn er Ross und Halterin beim gemeinsamen Plantschen entdeckt.

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Liebe auf den zweiten Blick

Doch Milan war nicht immer so zahm. Gerade einmal neun Monate alt war Sarah Hagenauer, als sie zum ersten Mal auf einem Pferd sass. «Mein Vater hat mich angesteckt, ich bin ein Pferdemädchen, seit ich denken kann», sagt sie. Von ihm habe sie nicht nur Reiten, Fell- und Stallpflege gelernt, sondern auch, auf ihr Bauchgefühl im Umgang mit den Tieren zu hören. Nachdem ihr geliebter Tinker Frisco, der sie 16 Jahre durch Teenager-Liebeskummer und Erwachsenwerden begleitet hatte, eingeschläfert werden musste, suchte sie 2018 nach einem neuen Begleiter. In Mengen-Beuren an der Donau wird sie in der HS-Corral Zucht fündig, die sich auf reinrassige Criollos spezialisiert hat. Milan ist damals eines von zehn Fohlen, das hier wild in der Herde mit wenig Menschenkontakt seine ersten zwölf Monate verbracht hat. «Er war der schüchternste von allen, hat ständig Schutz bei seiner Mutter gesucht», erinnert sich Sarah Hagenauer. Aber genau diesen kleinen Kerl kann sie tagelang nicht mehr aus den Augen lassen. Sein Züchter hält ihn für unzähmbar ohne Profi-Unterstützung. Aber Sarah Hagenauer beschliesst: «Diese Herausforderung nehme ich an!»

Mit ihm zurück am Bodensee sitzt sie monatelang geduldig in seiner Box und auf der Weide, wartet bis Milan von sich aus Kontakt sucht, vorsichtig an ihr schnuppert, sie anstupst. Irgendwann lässt sie ihn am Halfter riechen, zieht es ihm ohne Druck und Zwang behutsam an. «Nach drei Jahren sass ich zum ersten Mal auf ihm», sagt sie, «diese Zeit hat er gebraucht.» Und die schenkt sie ihm achtsam und voller Liebe. «Ich wollte ja einen Freund, keine Reitmaschine!» Oft wandern die beiden in dieser Zeit Seite an Seite durch die hügelige Hegau-Landschaft mit ihren erloschenen Vulkankegeln, Burgruinen und Weitblicken auf die Schweizer Alpen und den Bodensee. «Wir haben ausserdem viel trainiert», sagt sie. Aber nicht nur Aufsteigen und Absteigen, dass er sich an die Reiterin auf seinem Rücken gewöhnt, sondern auch viel Bodenarbeit und Gelassenheitstraining mit Alltagsgegenständen wie Bällen, raschelnden Planen oder Regenschirmen –«damit er keine Angst mehr hat, wenn jemand einen solchen aufspannt», sagt sie.

Vertrauen statt Zwang

Von anderen Reitern hört sie immer wieder: «Jetzt setzt dich doch durch, dein Pferd nimmt dich nicht ernst.» Aber sie vertraut weiter auf ihr Bauchgefühl und ist sicher: «Nur die Antwort, die mir das Pferd gibt, ist wichtig, um mit ihm eine Freundschaft zu führen.» Ob in ihrem Beruf als Deutsch- und Ethik-Lehrerin oder im Umgang mit dem Criollo, sie folgt einem Leitsatz: «Kein pädagogisches Konzept dieser Welt ersetzt das Fühlen.» Wenn sie merke, dass ein Schüler gleich zu weinen beginnt, erwarte sie keine grammatikalisch differenzierte Antwort, sondern biete ihm an, sich kurz den Kummer von der Seele zu spazieren, um später weiterzusprechen. «So handhabe ich es auch mit Milan. Wenn ich merke, dass er müde ist, verlange ich keinen Sprint, sondern gehe auf sein Pausen-Bedürfnis ein.» Fast ausnahmslos täglich ist Hagenauer bei ihrem Ross – und geniesst es auch, ohne im Sattel zu sitzen. Der oft von Alltagshektik bestimmte Satz: «Ich muss noch in den Stall» macht sie traurig, wie sie sagt: «Für mich ist es der pure Luxus, im Hier und Jetzt Zeit mit meinem besten Freund verbringen zu dürfen – auch bei Schneesturm und Sommerhitze!»

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Abenteuer auf Augenhöhe

Ein weiteres Jahr später ist es geschafft: Sarah Hagenauer galoppiert endlich auf Milan durch ihre Heimat. Aber auch wenn sie heute rund zwei Mal wöchentlich auf ihm reitet, sind ihnen die Ausflüge «Seite an Seite» geblieben: Während die 37-Jährige Velo fährt oder inlinert, galoppiert der achtjährige Wallach heute oft völlig frei von Zaumzeug neben ihr her. Unterwegs naschen sie zusammen wilde Mirabellen, Brombeeren und heruntergefallene Äpfel. Und immer öfter machen sie auch mehrtägige Reitwanderungen durch die nahen Schweizer Alpen, am Rhein entlang oder durch die fichtengesäumten Hänge des Südschwarzwaldes. Sie schlafen dann zusammen unter Sternschnuppen, beobachten Störche und Rehe, erleben unzählige Abenteuer. «Und wenn Milan mag, kühlen wir uns eben in einem See ab», sagt Sarah Hagenauer lachend, «für Pferde recht ungewöhnlich, ist er eines Tages einfach hereinstolziert, als wäre es das Normalste der Welt.»

Auf Instagram teilt sie ihre Erlebnisse mit «Milan das Abenteuerrössle» (@milanroessle) mit etwas über 50 000 Followern. «Dein Pferd benimmt sich wie ein Hund» ist ein häufiger Kommentar. «Für mich ist es ein Familienmitglied, wie für viele andere Menschen der Hund», sagt Hagenauer. Und es hört auch so gut wie ein Hund – z. B. auf «bleib stehen», «warten» oder «komm». Und wenn Milan sich – nicht angehalftert – doch einmal erschreckt und abhaut? «Dann kommt er bald zurück zu mir», sagt Sarah Hagenauer, «Pferde sind Fluchttiere, sie suchen dann die Sicherheit, und die gebe ich Milan als erster und einziger Mensch, dem er je vertraut hat!» Feste Pläne macht sie nie – «auch nicht für Mehrtages-Trips», sagt sie, «Milan bestimmt, ob er in den Transportanhänger will oder nicht. Ich zwinge ihn zu nichts. Hätte ich ein verlässliches Fortbewegungsmittel gewollt, hätte ich mir ein Motorrad gekauft.» Beim Ausmisten, Striegeln und Kuscheln kommt sie zur Ruhe, lässt den Stress aus dem Lehrerinnenalltag hinter sich. «Das muss ich auch, denn Milan merkt sofort, wenn ich gestresst komme, legt die Ohren an und verzieht sich ans andere Ende der Weide.» Dass sie auch heute noch oft nebeneinanderher wandern, sorgt bei Passanten immer wieder für Verwunderung. «Sie fragen dann, ob mein Pferd krank sei», sagt sie und fügt lachend hinzu: «Meine etwas scherzhaft gemeinte Lieblingsantwort: Wer sein Pferd mit Liebe überhäuft, der läuft!» Der grösste Irrtum in der Pferdeerziehung für sie: «sein Pferd zu bestrafen und so zu behandeln, dass es sich mir unterwerfen muss, damit ich es kontrollieren kann», sagt Hagenauer, «unsere Aufgabe als Halter ist es, ihre Bedürfnisse zu erkennen und sie in ihrem Tun zu unterstützen, dann habe ich die Kontrolle über Freiwilligkeit, welche mir das Pferd schenkt.» Beziehungen würden nicht durch harte Erziehung, sondern durch Verbindung entstehen. «Ist das Pferd mit mir verbunden, dann hat es den Willen, mir zu folgen. Wenn ich nur erziehe, gehorcht das Pferd, weil es eben muss!» Ein Ross zu haben, das alles, was es macht, gerne macht – das sei ein Geschenk und all die Zeit, Mühe und Geduld wert gewesen.

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