Emotional wertvoll
Pferdehaarschmuck: Das Pferd am Arm
Die 46-jährige Stefanie Schiess fertigt Schmuck aus Pferdehaar – viele ihrer Kunden sind Pferdebesitzer und für einige ist es das letzte Erinnerungsstück an ihren Vierbeiner. Schiess hat keinen direkten Kontakt zu Pferden und doch versteht sie die Faszination.
Stefanie Schiess streckt ihren linken Arm hoch, in den Fingerspitzen eingeklemmt ein langes, blondes Pferdehaar. Es schimmert im Sonnenlicht. Mit der rechten Hand greift sich Schiess weitere Haare und hebt sie neben dem ersten in die Höhe. Ihr Blick gleitet den Strähnen entlang – das kürzeste Haar ist der Massstab. «Zwölf», murmelt sie konzentriert vor sich hin, während sie die Haare zählt. Gekonnt wickelt sie das eine Ende der Strähne um den Zeigefinger der linken Hand und verknotet es. Dasselbe am anderen Ende. Diese Strähne wird zu einem Schmuckstück verarbeitet – eines mit emotionaler Bedeutung. Zu ihren Kundinnen und Kunden gehören Reiter, aber auch Menschen, die den Schmuck einfach schön finden. Dennoch stammt ein Grossteil der Haare, die sie verarbeitet, von verstorbenen Pferden. «Ich mache daraus Erinnerungsstücke für ihre Besitzerinnen und Besitzer», erklärt sie.
Auf einem kleinen Holzsockel vor ihr auf dem Tisch liegen ihre Kreationen: Armbänder, Colliers, Schlüsselanhänger – schlicht oder mit Edelsteinen und Silberkügelchen verziert, zu einem Fischgrätenzopf oder aufwändig viereckig geflochten. Sie sind Stefanie Schiess’ Leidenschaft. «Jedes Stück ist ein Unikat», denn die Pferdehaare hätten unterschiedliche Farben, Dicken und liessen sich deshalb immer etwas anders verarbeiten, sagt sie.
Auf dem Moltontuch beginnt die spezielle Flechttechnik. So reibt sie die flache Hand über die Strähne und den Molton. Wie in einem Strudel dreht sich die Strähne und «verzwirnt» sich dabei. Normalerweise formt sie zwölf Zwirne, die sie dann mit einer ganz speziellen Technik viereckig flechtet. Bei diesen Schweifhaaren reicht es nur für acht Zwirne à zwölf Haaren, der Rest ist zu kurz. Stefanie Schiess arbeitet mit dem, was sie hat, und macht das Beste daraus. Deshalb entscheidet sie sich dafür, die Zwirne zu halbieren und mit 16 Zwirnen zu arbeiten – so ist der Strang genügend dick.
Ohne Nähe ganz nah am Pferd
Manchmal senden ihr die Kunden buchstäblich die allerletzten Haare ihres verstorbenen Lieblings. Dieser Verantwortung sei sie sich bewusst. «Beim Flechten fühle ich die Pferde und ihre Menschen», sagt sie. Was für viele nach «gspürsch mi, fühlsch mi» klingt, schätzt ihre Kundschaft. «Einige meiner Kunden nehmen den Schmuck mit Tränen in den Augen entgegen», erzählt Stefanie Schiess.
Sie hat zwar selbst keine Pferde, hegte aber schon immer eine Faszination für die Tiere. Der Weg zum Pferdehaarschmuck begann vor über 13 Jahren, als sie ihrem Patenkind ein Armband schenkte – und von der Idee nicht mehr loskam. Sie absolvierte einen Kurs, begann für Freunde zu flechten und wagte auf Antrieb der Familie den Schritt in die Selbstständigkeit. Heute bietet sie ihre Arbeiten über ihre Website an. Fixe Preise und Modelle gebe es da nicht. Die Kunden melden sich per Mail oder Telefon, und Stefanie Schiess bespricht mit ihnen die Wünsche und das Design. Danach schicken ihr die Kunden die ungewaschenen oder gewaschenen Haare per Post – gereinigt werden die Haare nur mit mildem Shampoo, welches keine Rückstände hinterlässt.
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Mühevolle Kleinarbeit
Die Armbänder sind also nicht nur emotional wertvoll, sondern umfassen viele Arbeitsstunden. Einstrangige Armbänder hat Stefanie Schiess in zwei bis drei Stunden geflochten und designt. Komplexere Modelle mit mehreren Strängen können schon mal einen ganzen Arbeitstag füllen. Wie an einer Werkbank spannt sie die Haarsträhne im Schraubstock ein. Sie teilt die sechzehn Zwirne in der Mitte und dann nochmals. Nun beginnt sie zu flechten. Die Strähne von rechts aussen wird in die zweite Mitte links gebracht und unter den anderen Strähnen durchgezogen. So entsteht am Schluss ein viereckiger Strang – dieser ist robuster und reissfester als ein normaler Zopf. Das fertige Stück erinnert in der Haptik etwas an die farbigen, eckigen Plastikarmbänder – denn das straff geflochtene Pferdehaar fühlt sich in der Hand an wie Kunststoff. Optisch ist es aber weit entfernt von diesen. Je nach Anzahl Haaren und Wunsch flicht Stefanie Schiess mehrere Stränge und kombiniert sie mit Silberkügelchen oder Edelsteinen zu einem Schmuckstück.
Die Wahl der Verzierungen ist ebenso feinfühlig wie die Flechtarbeit. In einer Kiste mit kleinen, glitzernden Schmuckelementen sucht sie das passende Stück aus kleinen gewellten Ringen, silbrigen Perlen und Silberstücken mit Ornamenten. «Scht», macht es, wenn sie eine Perle in der Plastikkiste bewegt. Sie greift sich eine und fährt mit dem Pferdehaarstrang hindurch, wie mit einem Faden durch das Nadelöhr. Diese scheint zu gross zu sein, die Perle rutscht hin und her. Sie greift sich eine mit kleinerem Loch – diesmal passt’s. Die ehemalige Polizistin ist heute Mentorin und macht als Hobby im Nebenerwerb Pferdehaarschmuck. «Es ist meine Leidenschaft. Ich habe mich Hals über Kopf in dieses Handwerk verliebt», sagt sie.
Viel Konkurrenz
Die Nachfrage ist unterschiedlich. Schiess besucht Messen und Pferdesportturniere in der Region, verzichtet aber bewusst auf anonyme Massenfertigung. Im Netz gibt es auch Anbieter, die unpersönlich arbeiten: Gewünschte Design wählen, Haare einschicken, zahlen – und fertig ist das Armband. Stefanie Schiess aber pflegt den Austausch mit ihrer Kundschaft. Als eine Kundin ihr Armband im Stall beschädigte, reparierte sie es kurzerhand.
Nach fast zwei Stunden hält Schiess das Schmuckstück in den Händen. Zwei geschwungene Ringlein und eine Perle zieren das geflochtene Armband. Sie steckt das Ende des Strangs in eine Endkappe. Ihr Blick gleitet dem Armband entlang. Sie hebt es mit der Hand hoch, kneift die Augen zusammen. Danach löst sie die Hülse und zwackt einen Millimeter am linken Ende ab. Da sehe sie noch etwas Sekundenkleber. «Ich bin eben eine Tüpflischisserin», sagt Stefanie Schiess. Zurück in die Hülse und Sekundenkleber dran – ein fertiges Erinnerungsstück, von Hand gemacht.
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