Ob bei Husten, Wunden oder nächtlicherUnruhe – schon seit Jahrtausenden nutzten unsere Vorfahren Pflanzenteile für ihreGesundheit. «Und es sind vor allem die ätherischen Öle und sekundären Pflanzenstoffe, die in den Pflanzen stecken und heilsame Wirkungen haben», weiss die ausgebildete Aromatherapeutin Sylvia Pusch aus dem Allgäu. Pflanzen produzieren ätherische Öle, um sich selbst vor Viren, Bakterien und Pilzen zu schützen. «Und diese biochemischen Inhaltsstoffe wie alpha- und beta-Terpene, Monoterpenole, Ester und Oxide schützen auch Mensch und Tier.» Je nach Gewächs, wirken sie antibakteriell, entzündungshemmend, schmerz-lindernd oder beruhigend.

Die 64-Jährige beschäftigt sich seit rund 20 Jahren beruflich mit der Heilkraft der Natur. «Und seit meiner Kindheit bin ich von Pferden fasziniert», sagt sie, «deshalb lag es nahe, dass ich diese beiden Leidenschaften kombiniere.» Zunächst testete sie viele ätherische Öle an ihrem eigenen Ross. Heute ist sie nicht nur Aromatherapeutin, sondern auch Pferde-Physiotherapeutin und unterstützt Rosshalter in allen Lebenslagen.Immer mit dabei: Ätherische Öle. In den kleinen Öl-Fläschchen, die es im Fachhandel zu kaufen gibt, stecken die Kraftmacher der Natur in hochdosierter Form. Wie Halter sie am Ross anwenden können, darüber hat Sylvia Pusch ein Buch geschrieben («Aromatherapie für Pferde», Eugen Ulmer 2025, 96 Seiten). Die wichtigsten Rezepte verrät sie im TierWelt-Interview:

Sechs Rezepte für die Aroma-Stall-Apotheke

1. Bei Unruhe oder Trauer

«Pferde sind hochsensible Tiere, die in der Regel direkt ihre Gefühlslage nach aussen tragen», weiss dieExpertin. Der Verlust eines Herdenfreundes, ein Stallwechsel oder Stress durch Turniertätigkeiten könne die Pferdeseele schnell durcheinanderbringen. Sylvia Pusch lässt nervöse Rösser an beruhigenden Ölen schnuppern und bietet zunächst zwei bis drei verschiedene Öle an, um herauszufinden, welche Vorlieben das Tier hat. «Pferde riechen nicht nur mit den Nüstern, sondern auch mit der Oberlippe. Beim Flehmen wird auch das Jacobsonsche Organ zum Schnuppern eingesetzt, das sich im hinteren Gaumen befindet», erklärt Sylvia Pusch, «auch deshalb riechen Rösser viel intensiver als wir Menschen. Auch bei ihnen werden Duftreize direkt ins limbische System transportiert – das ist das Emotionszentrum im Gehirn.» Deshalb hätten beruhigende Öle, wie Lavendel, Schafgarbe, Zeder, Kamille, Rosengeranie oder das als Schocköl bekannte Neroli einen sofortigen Effekt. «Man kann das Tier regelmässig an einem Tropfen auf dem Handrücken schnuppern lassen oder einen Filzgleiter beträufeln und im Stall oder Hänger platzieren.»

2. Bei Strahlfäule

Strahlfäule ist eine ernstzunehmende bakterielle Entzündung der Hufe. «Meist bemerken Halter bei der Pflege einen unangenehmen Geruch und weiche Stellen am Hufstrahl », sagt Sylvia Pusch. Ein ätherisches Öl, das in solchen Fällen pur aufgetragen werden darf, ist Teebaumöl. «Es wirkt stark antibakteriell, pilz- und entzündungshemmend», so die Expertin, «Halter sollten täglich einige Tropfen auf die betroffene Stelle träufeln, bis der Strahl wieder trocken, härter und die Infektion überstanden ist.»

3. Bei trockenen Hufen

Trockenes Wetter, heisse Temperaturen und sandige, steinige Böden begünstigen rissige Pferdehufe. «Eine regelmässige Hufpflege kann vorbeugen und speziell Lorbeeröl das Hufwachstum anregen», rät die Aromatherapeutin. Dazu 100 Milliliter Mandel- oder Sonnenblumenöl mit 15 Tropfen Lorbeeröl mischen und rund zwei Mal wöchentlich nach dem Säubern in die Hufe einmassieren.

4. Bei geschwollenen Beinen

Durch Hitze, Raufen oder Bewegungsmangel haben Pferde geschwollene Beine. «Dann helfen kühlende, abschwellende Öle wie Immortelle oder Pfefferminz – aber auch Rosmarin, was die Durchblutung anregt», sagt Sylvia Pusch. Um die Beine grossflächig einreiben zu können, greift sie auf 50 Milliliter Aloe Vera Gel zurück und mischt es mit 10 Tropfen Pfefferminz-, 8 Tropfen Immortelle- und 5 Tropfen Rosmarinöl.

5. Bei Hautproblemen und Stichen

Mücken, Bremsen und Milben sorgen bei Pferden häufig für Hautprobleme. Bei trockenen, juckenden Stellen rät Sylvia Pusch dazu, 50 Milliliter juckreizstillendes Nachtkerzenöl mit 15 Tropfen Lavendel-, 5 Tropfen Teebaum- und 8 Tropfen Kamillenöl zu mischen und die Stellen damit einzureiben. Bei feuchten Ekzemen sollte man hingegen nicht direkt mit Ölen arbeiten, sondern als Träger für dieselben ätherischen Öle ein neutrales Bioshampoo verwenden. «Bei akutenMückenstich-Schwellungen hilft es auch, ein bis zwei Tropfen beruhigendes Pfefferminzöl auf die betroffene Stelle aufzutragen.»

6. Bei Husten oder Schnupfen

Wie beim Menschen, gilt auch fürs Ross: Winterzeit ist Erkältungszeit. «Haltung in schlecht gelüfteten, geschlossenen Boxen, erhöht das Infektionsrisiko», weiss die Pferde-Liebhaberin, «klare Flüssigkeit, die aus den Nüstern austritt oder Husten, wenn Allergien ausgeschlossen werden können, sind Warnsignale.» Da diese Symptome auch auf Bronchitis hindeuten können, sollte immer ein Tierarzt zu Rate gezogen werden. Je früher die Ursache abgeklärt wird, desto besser lassen sich Komplikationen verhindern. «Handelt es sich tatsächlich um eine Erkältung, kann eine Sprühlotion mit Cajeput- und Fichtennadelöl dabei unterstützen, die Atemwege freizumachen.» Dazu 90 Milliliter Wasser mit 10 Milliliter unvergälltemAlkohol (Ethanol), 15 Tropfen Cajeputöl und 5 Tropfen Fichtennadelöl mischen. Vor der Anwendung schütteln und dann ein Mal täglich in die Box sprühen.

Worauf sollte man achten? Ätherische Öle: Sie werden über die Atemwege und über die Haut aufgenommen. Die Angabe der lateinischen Namen, des Herkunftslandes und der verwendeten Pflanzenteile (z. B. Rinde, Zweige, Blüten,Nadeln) sind ebenso wie das «Bio»-Siegel Qualitätsmerkmale beim Kauf ätherischer Öle.

Die Anwendung: Ausser in den genannten Beispielen sollten die Öle in der physischen Anwendung nicht unverdünnt angewendet werden. Als Träger bieten sich Feuchtigkeit spendendes Mandelöl, Juckreiz stillendes Nachtkerzenöl oder Aloe Vera Gel an. Zur Sprüh-Anwendung eignen sich auch Pflanzenwässer (Hydrolate), die bei der Gewinnung ätherischer Öle entstehen.

Fertige Produkte: Immer mehr Anbieter bieten auch spezielle Salben, Öle und Shampoos mit ätherischen Ölen für Pferde an (z. B. CavaDea von Primaveralife).

Vorsicht: Lieber verzichten sollten ungeübte Anwender auf Wintergrün und heisse Öle wie Majoran, Zimt oder Thymian – weil sie allesamt schnell überdosiert sind.

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«Aromatherapie für Pferde»Eugen Ulmer Verlag, 2025, 96 Seiten