Eine uralte Freundschaft
Was die Geschichte der Haustiere über die Menschheit erzählt
Die Zähmung des ersten Wolfes durch den Steinzeitmenschen markierte den Beginn einer unzertrennlichen Freundschaft. Durch die Domestikation von Wildtieren haben die Menschen nicht nur ganz neue Tierarten hervorgebracht, sondern auch ihre eigene Geschichte verändert.
Suchten Wölfe die Nähe der Menschen oder war es andersherum? Gelehrte aus aller Welt rätseln noch heute darüber, wie es zur Zähmung der ersten Wildtiere kam. Sicher ist, dass sie bereits in der Altsteinzeit stattfand, als Menschen noch als Jäger und Sammler den grossen Wildtieren folgten. Die Archäologie geht davon aus, dass Menschen Jungwölfe bei sich aufnahmen, sobald sie über die Mittel verfügten, ihnen etwas von der Jagdbeute abzugeben. Mitgefühl soll dabei eine grosse Rolle gespielt haben. Denn Wölfe sind den Menschen mit ihren Familienstrukturen so ähnlich wie kaum ein anderes Tier. Gezähmte junge Wölfe fügten sich problemlos in eine Gruppe von Menschen ein und sahen diese bald als ihr neues Rudel an. Wie lange es dauerte, bis sie auch als erwachsene Wölfe freiwillig blieben, weiss niemand so genau. Sicher ist, dass sich diese Zähmung für die Menschen auszahlte. Denn die feine Nase der Vierbeiner erwies sich als grosse Hilfe auf Beutezügen. Als Wachtiere warnten Wölfe frühzeitig vor Eindringlingen ins Lager, was den Stämmen einen weiteren Vorteil verschaffte. Sahen die Menschen diesen grossen Nutzen voraus und begannen deshalb aus einem Effizienzgedanken heraus, Jungtiere aus den Rudeln zu stehlen?
«Es gibt wahnsinnig viele Theorien, wie die Domestikation im Einzelfall abgelaufen ist», weiss Archäologin Sabine Deschler-Erb. In der Forschung habe man sich darauf geeinigt, dass es vermutlich eine emotionale Sache gewesen sei. Hilflose Welpen hätten wohl schon damals die Herzen der Menschen berührt, weshalb sie aufgenommen und über Generationen gezähmt worden seien. «Das ist unser aktueller Stand des Unwissens, wie man so schön sagt», meint Deschler-Erb schmunzelnd. Ob künftig Hinweise gefunden werden, die für eine andere These sprechen, wird sich zeigen. «Aber man muss diese Knochen zuerst finden», gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. «Ausserdem ist es enorm schwierig, abzugrenzen, was noch zu einem Wolf gehörte und was schon ein Hund war.» An der Universität Basel, wo Sabine Deschler-Erb lehrt und forscht, gibt es eine der wenigen Archäozoologie-Abteilungen der Schweiz, die solche Vergleiche von Auge macht. «Alle sprechen von Gentechnik, doch damit kann man von einer Ausgrabung vielleicht 20 bis 30 Prozent auswerten.» Der Rest werde mit anderen Knochen verglichen, um sie einer Tierart zuzuordnen. Eine Methode, die man schon im 19. Jahrhundert angewendet habe. Bis heute liege eine genetische Untersuchung oft gar nicht im Budget einer Ausgrabung. Um das Alter der Fundstücke zu erfahren, erfolgt auch die Datierung zunächst über den archäologischen Kontext – etwa über zugehörige Werkzeuge oder Keramik. Nur, wenn das nicht möglich ist, kommen die teureren Radiokarbon-Datierungen zum Einsatz.
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Die ältesten Knochen von Schweizer Fundstellen, die Hunden zugeordnet werden, sind mindestens 12'000 Jahre alt. Spätestens zu dieser Zeit lebten hier domestizierte Hunde an der Seite des Menschen. «Wo und wann die Domestizierung genau begann, weiss man nicht», so Deschler-Erb. «Es kann auch sein, dass sie an verschiedenen Orten stattgefunden hat.»
Lebende Vorräte
Besser Bescheid weiss man über den Beginn der Nutztierhaltung, wie wir sie noch heute kennen. Diese kam parallel zur Landwirtschaft auf, was durch archäologische Ausgrabungen gut belegt werden kann. Im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes – also vom heutigen Jordanien über die Türkei bis an den Persischen Golf – fanden Forschungsgruppen Überreste domestizierter Schafe und Ziegen, die vermutlich über 10'000 Jahre alt sind. Wenige Jahrhunderte später folgten in derselben Region die wohl ersten Domestikationen des Wildschweins und Wildrindes. Anfangs dienten sie ausschliesslich als Fleischlieferanten. Über die Jahrtausende erkannten die sesshaft gewordenen Menschen jedoch, dass Tiere auch lebend von grossem Nutzen waren. Obwohl Erwachsene damals meist laktoseintolerant waren, konnten sie mit Tiermilch viele Säuglinge vor dem Hungertod bewahren. Über viele Generationen hinweg gewöhnten sich die Mägen der Menschen an die Milch, was ihnen einen grossen Vorteil verschaffte.
Von dieser neuen Lebensweise mit lebendigen Vorräten erfuhren die Mitteleuropäer erst viel später. Das Wissen darüber verbreitete sich nur allmählich über den europäischen Kontinent und gelangte vermutlich vor etwa 7000 Jahren über den Balkan in die Schweiz. So fand mit Ausnahme der Hühner und Pferde bereits die ganze Palette der bis heute üblichen Nutztiere ihren Weg in unsere Siedlungen – wobei es keinerlei Hinweise gibt, dass es in der Jungsteinzeit so etwas wie Ställe überhaupt schon gab. Archäologen vermuten deshalb, dass Bauernfamilien ihre Tiere zuweilen in den Wohnhäusern hielten. Das aus heutiger Sicht naheliegendste Nutztier für eine solche Haltung liess jedoch am längsten auf sich warten. Die domestizierten Nachfahren der asiatischen Bankivahühner fanden nach dem heutigen Wissensstand erst ab dem 5. Jahrhundert vor der Zeitenwende den Weg in die Schweiz.
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Pferde hingegen lebten hier bereits in der Altsteinzeit – damals allerdings noch als Wildtiere, die gejagt wurden. Mit der Verwaldung nach der letzten Eiszeit schwand der Lebensraum für das Wildpferd in Mitteleuropa. Die Domestikation fand in Regionen statt, die für die Pferde ideale Lebensräume aufwiesen: allen voran das südliche Russland zwischen den Flüssen Wolga und Don. Schätzungen zufolge begann die erste Zähmung von Wildpferden vor über 4000 Jahren. Wenig später sind in Mitteleuropa bereits die ersten Knochen der domestizierten Rösser zu finden.
Kein Getreide ohne Miezen
Bis sich der Hauskatzen-Trend in die Schweiz ausgebreitet hatte, dauerte es um einiges länger. In der Jungsteinzeit, als sich hier die Haltung von Rindern, Schweinen, Ziegen und Schafen zu etablieren begann, gab es noch weit und breit keine domestizierten Katzen. Ganz im Gegenteil zum Vorderen Orient, wo die Landwirtschaft ihren Ursprung hat. Dort waren die effizienten Schädlingsvertilger schon früh hoch angesehen und beschützten die Getreidevorräte zuverlässig vor unerwünschten Nagetieren – und das von ganz allein. «Man geht davon aus, dass sich die Katze selbst domestiziert hat», so Barbara Stopp, die ebenfalls als Archäozoologin an der Universität Basel tätig ist. Alles begann mit der Falbkatze, die im Fruchtbaren Halbmond bis heute heimisch ist. Angelockt von den Getreidespeichern dürfte sich das Wildtier von sich aus den Menschen genähert haben. In Mitteleuropa wäre das undenkbar gewesen. «Die Europäische Wildkatze gehört zu einer der wenigen Kleinkatzenarten, die absolut nicht zähm- oder domestizierbar ist», erklärt Stopp. «Die Falbkatzen hingegen hatten keine Menschenscheu.» So wussten sie die Vorteile der sesshaften Menschen für sich zu nutzen, gewöhnten sich an ihre Nähe und wurden zutraulicher.
Wie beliebt die Mäusejäger schon bald waren, zeigt, dass sie vor über 10'000 Jahren bei der Besiedlung von Zypern mitverfrachtet wurden. «Das ist der älteste Nachweis, dass man Katzen absichtlich transportiert hat», so Stopp. Ob es sich dabei um gezähmte Falbkatzen handelte oder bereits gezielt gezüchtete Hauskatzen, sei schwierig zu beantworten. «An den Knochen sieht man den Unterschied eben leider nicht», erläutert die Archäozoologin. Weshalb gezielte Züchtungen so lange auf sich warten liessen, erklärt Stopp folgendermassen: «Es gab keinen Grund, sie zu verändern. Denn für die Jagd auf Nagetiere waren sie schlicht perfekt.»
Bis heute gelten Hauskatzen im Vergleich zu Hunden als weniger stark domestiziert. Unterschiede bei den Knochen sieht man erst seit der Erfindung der modernen Rassen. Und davon war man bei der Besiedlung von Zypern noch weit entfernt. Der einzige Hinweis, dass Katzen damals schon als eine Art Haustiere im heutigen Sinne angesehen wurden, ist der Fund eines Grabes, in dem ein Mensch zusammen mit einer Katze bestattet wurde. «Deshalb geht man davon aus, dass Katzen damals bereits als Haustiere gehalten wurden», erklärt die Archäozoologin.
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Spätestens im antiken Ägypten – ergo ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. – wurden Hauskatzen dann richtig populär. Belege dafür sind die Tausenden von Katzenmumien, die man in Gräbern gefunden hat. «So viele Wildkatzen zu zähmen, wäre zu aufwändig gewesen, deshalb geht man von domestizierten Tieren aus», erklärt Barbara Stopp. Zudem gebe es aus dieser Zeit erste Darstellungen von Katzen, die unter einem Stuhl sitzen und Fisch verzehren. «Das bedeutet, dass sie dann sicher mit den Menschen im Haus lebten.» Doch damit nicht genug: Die alten Ägypter verehrten die Tiere regelrecht und glaubten an eine Katzengöttin namens Bastet. Diese galt als überaus freundlich und stand für positive Dinge wie die Liebe, Fruchtbarkeit und Feierlichkeiten.
Harziger Start in Europa
In Mitteleuropa verbreiteten sich domestizierte Katzen erst mit der Ausdehnung des Römischen Reiches. Bis dahin hatten die Menschen auf andere Methoden gesetzt, um ihre Getreidespeicher vor Nagetieren zu schützen. «Hunde, Frettchen und Mauswiesel kann man auf Mäuse und Ratten abrichten», erklärt Stopp. Auch Schlangen seien in Getreidespeichern gerne gesehen worden. «Deshalb hat man Katzen hier nicht gebraucht und das Interesse an diesen Exoten war klein.»
Bis ins Mittelalter hatten sich die Hauskatzen in Europa letztlich doch flächendeckend verbreitet. Zahlreiche Bilder aus dieser Zeit erzählen die Geschichte von Katzen, die in Gutshäusern lebten und am Familienleben teilhatten. Währenddessen erreichte der Prozess ihrer Domestikation die nächste Stufe. «Im Mittelalter wurden gezielt andere Fellmuster gezüchtet», weiss Barbara Stopp. Da die Felle oft für Kleider verwendet wurden, vermutet sie modische Beweggründe dahinter. «Vorher hatten Katzen noch immer die typisch gestreifte Wildfärbung ihrer Vorfahren.»
Anzeichen einer Domestizierung
Physische Veränderungen:
Reduzierung des Gebisses und von Hörnern
Auftreten von Hängeohren
Steilere Stirn
Abnahme der Gehirnmasse (bis zu einem Drittel)
Verhaltensweisen:
Reduzierte Aggressivität
Weniger gut entwickeltes Flucht- und Verteidigungsverhalten
Gesteigerte Fortpflanzungsrate, teilweise bis zur vollständigen Aufgabe der Saisonalität der Fortpflanzung
Weniger stark ausgeprägtes Brutpflegeverhalten
Die wachsende Katzenpopulation führte zu einer ambivalenten Haltung ihnen gegenüber: Einerseits war man froh um die effektiven Schädlingsbekämpfer. Andererseits missfiel ihre unabhängige Lebensweise der mächtigen Kirche. Dieses Misstrauen ging so weit, dass vor allem schwarze Katzen in einer Zeitperiode des Spätmittelalters mit Hexerei in Verbindung gebracht wurden. «Es gibt Nachweise, dass man Katzen spezifisch getötet hat – nicht alle, aber vor allem Streuner», erzählt Stopp. Viele Fachleute sehen in der damaligen Dezimierung von Katzen gar einen Zusammenhang mit dem späteren Ausbruch der Pest. Denn die verheerende Krankheit wurde von Flöhen übertragen, die auf Ratten lebten. Und je weniger Katzen es gab, desto stärker verbreiteten sich die Nagetiere.
Die Schosshündchen der Römer
Hunde blieben glücklicherweise von solchen Hetzjagden verschont und wurden stattdessen rund um den Globus als wertvolle Freunde und Helfer geschätzt. Schon früh begannen Menschen, die Vierbeiner gezielt für bestimmte Aufgaben zu züchten. Neben Wach-, Jagd- und Hütehunden gehörten dazu schon bald auch Schosshunde, die hauptsächlich der Gesellschaft dienten. «Die Römer hatten bereits das ganze Grössenspektrum», erläutert Sabine Deschler-Erb. «Der kleinste Hund, der in der römischen Kolonie Augusta Raurica gefunden wurde, war gerade mal 20 cm gross.»
Auch bei Rindern, Schweinen und anderen Nutztieren kamen die Römer den heutigen Massstäben schon sehr nahe. In einer früheren Phase der Domestikation wurden Nutztiere im Vergleich zu ihren wilden Vorfahren immer kleiner. «Einerseits war die Haltung so einfacher und andererseits gab es oft nicht genügend Futter», weiss die Archäozoologin. «Der Tiefpunkt des Hausrindes war bei einem Meter Widerristhöhe.» Erst zur Zeit der Römer nahmen die Nutztiere wieder an Grösse zu. «Sie fütterten den Rindern absichtlich proteinreiche Nahrung, weil sie starke Zugtiere brauchten.» Geschlachtet wurden die Arbeitstiere erst, wenn sie alt und verbraucht waren. Das entsprechend zähe Fleisch sei nicht besonders gefragt gewesen, weiss Deschler-Erb. «Schweinefleisch war viel beliebter, weil man gerne saftiges und fettiges Fleisch hatte.» Auch Singvögel und Fisch seien in Hülle und Fülle verspeist worden. Hunde, Katzen und Pferde hingegen galten schon damals als Spezialfall. «Bei den Kelten wurden Pferde noch gegessen», so die Wissenschaftlerin. «Bei den Römern jedoch war das Fleisch tabu, weil die Pferde für den Krieg so wichtig waren.» Und das änderte sich kaum bis in die napoleonischen Kriege. Erst um das 18. Jahrhundert herum machten französische Tierärzte Werbung für Pferdefleisch, um eine damalige Hungersnot zu bekämpfen. «Sie haben Pferdefleischbankette veranstaltet, um die Leute davon zu überzeugen, dass es gutes Fleisch ist», erzählt Deschler-Erb. «Man sagt, das sei der Grund, weshalb es in der französischsprechenden Region bis heute verbreiteter ist, Pferde zu essen.»
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Bei Hunden und Katzen geht man davon aus, dass sie in Mitteleuropa nie eine grosse Rolle als Schlachttiere gespielt hatten. Wenn, dann wurden sie wohl höchstens während Hungersnöten als Notration verzehrt. In manchen Teilen der Welt werden sie jedoch bis heute gegessen – wenn auch nicht immer wissentlich. «Ein Kollege der Archäozoologin aus Genf bestellte vor Jahren einmal einen Hasenbraten in einem Restaurant», erzählt Deschler-Erb. «Auf seinem Teller fand er jedoch einen Knochen, den er klar einer Katze zuordnen konnte.» Ihr Kollege sei nicht sonderlich schockiert gewesen, habe aber den Kellner darauf hingewiesen, dass das Menü falsch deklariert gewesen sei. So peinlich dies dem Kellner gewesen sein dürfte, so sinnbildlich die Geschichte: Welche Tiere wir essen und welche nicht, entscheide letztlich die kulturelle Prägung, meint Deschler-Erb. «Diejenigen, die wir als Bezugstiere bezeichnen, landen nicht auf unseren Tellern.»
Heimtiere der Moderne
Wie schnell sich die Beziehung zu unseren Haustieren im Laufe der Zeit verändern kann, zeigt auch ein Beispiel aus dem Archiv des Schweizer Fernsehens. In einer Folge der Sendung «Blick ins Tierreich» aus dem Jahr 1961 macht der Moderator Werbung dafür, wie zahm Igel und Stinktiere sein können, wenn sie von Hand aufgezogen wurden. Acht Jahre später wurde in derselben Fernsehsendung vor solchen Vermenschlichungen gewarnt. «Tiere, die von Menschen aufgezogen wurden, werden irreversibel auf den Menschen geprägt», heisst es dann plötzlich. Die Vermenschlichung müsse in jeder Form bekämpft werden, wie der Sprecher der Tiersendung betonte. Denn diese führe entweder zur Tierquälerei oder zur Verhätschelung, die nur einen Spezialfall von Tierquälerei darstelle. Während den letzten Worten zeigte die Filmsequenz eine Frau, die ihr Schosshündchen mit vermeintlichen Pralinen fütterte.
Dass Schokolade tödlich für Hunde sein kann, gehört heute glücklicherweise zum Allgemeinwissen. Doch andere Arten der Vermenschlichung haben sich seit den 60er-Jahren kaum verändert. Denn mit dem Aufschwung der privaten Kleintierhaltung wuchs der Markt für Heimtier-Accessoires stark an. 1982 besass bereits mehr als jeder vierte Schweizer Haushalt mindestens einen Hund oder eine Katze. Die meisten dieser Haustiere wurden nicht mehr zum Zweck der Jagd oder Schädlingsbekämpfung, sondern als Familienmitglied gehalten. Heute sind es bereits rund 40 Prozent der Schweizer Haushalte, die mindestens ein Heimtier besitzen. Zugenommen hat in den letzten Jahrzehnten auch die Haltung von Terrarientieren, wobei diese in der Regel gar nicht domestiziert sind.
Entdomestizierung
Domestikation bedeutet Zähmung und oft gezielte Züchtung. Doch manchmal läuft es auch andersherum und gezähmte Tiere werden wieder wild. Hier drei prominente Beispiele: Die wild lebenden Mustangs in Nordamerika sind allesamt Nachfahrenon domestizierten Pferden spanischer Konquistadoren. Die Wildpferde der Wolga-Don-Region, von denen unsere heutigen Pferde vermutlich abstammen, sind allesamt ausgestorben.
Auch der Dingo ist eine Tierart, die es ohne den Eingriff des Menschen nie gegeben hätte. Er stammt von in Australien verwilderten Hunden ab, hat sich aber zu einer vom Menschen unabhängigen, eigenständigen Rasse gemausert.
Die Betizu-Rasse ist eine verwilderte Rinderart, die in bewaldeten Gebieten des Baskenlandes lebt. In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Anstrengungen unternommen, die fast vergessene Tierart vor dem Aussterben zu bewahren.
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Dass Domestikation ein fortlaufender Prozess ist, hat schon die Geschichte der Hauskatze bewiesen. Dass es auch sehr schnell gehen kann, weiss man aus Studien mit Füchsen. «Sie gehören zu den Arten, die sich selbst domestizieren», erklärt Archäozoologin Barbara Stopp. «Wenn Füchse sich an das Leben in Städten anpassen, bekommen sie bereits erste Domestikationsmerkmale.» Dazu gehören in erster Linie verkürzte Schnauzen, da sich das Gebiss der veränderten Nahrung anpasst. Ende der 50er-Jahre starteten russische Biologen den Versuch, Füchse gezielt zu domestizieren. Innerhalb weniger Jahrzehnte, in denen die Tiere auf zahme Verhaltensweisen selektiert wurden, zeigten sich bereits physische Veränderungen. «Es ging sehr schnell, bis der Schwanz nach oben zeigte, sich Schlappohren und eine kürzere Schnauze bildeten», so Stopp.
Wären Füchse also nicht der naheliegendere Ausgangspunkt gewesen für die erste Zähmung einer Tierart durch den Menschen? Vermutlich sei die Domestizierung von Wölfen tatsächlich nicht gerade einfacher gewesen, meint Archäozoologin Barbara Stopp. «Entscheidend war aber sein Sozialverhalten, das dem Menschen so ähnlich ist.» Ein weiteres Indiz also für die These, dass Mensch und Wolf sich vor Tausenden von Jahren auf emotionaler Ebene begegneten. So ganz zufällig dürfte es also nicht gewesen sein, dass ausgerechnet der Hund der beste Freund des Menschen wurde.
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