Schon auf den ersten Blick wirkt Alma kraftvoll und elegant zugleich. Ihr Hals ist muskulös und rund geschwungen, die Mähne trägt sie kurz, nur der Schopf fällt ihr ins Gesicht. Darunter blitzen grosse, dunkle Augen hervor, neugierig und aufmerksam, die Ohren keck aufgestellt. Die PRE-Stute blickt ihren Besitzer Corrado Goggia an und schnüffelt an seiner Hand. Alma ist eine eindrückliche Erscheinung. «Ihre Halbschwester ist noch grösser. Sie steht in Spanien und bestreitet dort Morphologieprüfungen», kommentiert der 59-jährige Corrado Goggia. Mit seiner Frau Andrea Domig züchtet er Pura Raza Españolas, kurz PRE, in der Schweiz.

Auch Almas Rücken ist muskulös, ihr Körperbau quadratisch, die Hinterhand stark ausgeprägt – typische Merkmale eines Barockpferdes. «Barockpferde sind kompakt gebaut und eignen sich für die klassische Reitweise», erklärt die 57-jährige Andrea Domig. Als Barockpferde werden heute eher kleinere, runde und kompakte Pferde bezeichnet, die oft eine natürlich aufgerichtete Haltung zeigen und sich deshalb besonders für die klassische Reitkunst eignen, die aus derselben Epoche stammt.

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Die Pferde Habsburgs

Zu den barocken Rassen zählen unter anderem Knabstrupper, Friesen, Lipizzaner, Lusitanos (PSL) und Andalusier (PRE). Der Pura Raza Española gilt alsUrsprung aller barocken Rassen und dieser geht auf das Berberpferd aus Nordafrika zurück. Die barocken Pferderassen haben sich jedoch stark verändert – meist handelt es sich heute um Zuchtlinien mit Pferden im barocken Typ. Als eigentlicher Zuchtherr des Barockpferdes gilt der Habsburger Philipp II. (1527–1598). Dessen Grossvater und Namensvetter Philipp I. hatte Johanna von Kastilien geheiratet und regierte ab 1506 als erster Habsburger ein Weltreich.

Philipp II. trat in der zweiten Generation in seine Fussstapfen und herrschte über Teile des heutigen Italiens, die spanischen Niederlande, Spanien, sowie ab 1580 auch über Portugal und damit über sämtliche Kolonien der beiden iberischen Länder. Unter seiner Regentschaft erreichte Spaniens Macht ihren Höhepunkt. Historikerinnen und Historiker sprechen vom Goldenen Zeitalter der Habsburger, dem sogenannten Siglo de Oro, welches bis ins späte 17. Jahrhundert andauerte. Doch was hat dieses Goldene Zeitalter mit Pferden zu tun? Pferde waren damals allgegenwärtig. Während heute ein Leben ohne Pferde selbstverständlich ist, wäre es in jener Zeit unvorstellbar gewesen. Sie zogen Kutschen, pflügten die Felder und trabten unter dem Hinterteil des Herrschers.

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Ein edles Ross fürs Königreich

Für Philipp II. war es inakzeptabel, ein Pferd zu reiten, das auch jedermann hätte besitzen können. Sein Königreich sollte durch ein edles Ross repräsentiert werden, eines, das Feinde auf dem Schlachtfeld einschüchterte, am Hof elegant tänzelte und den Herrscher würdevoll trug. Das Pferd sollte seine Macht und damit die Macht Spaniens verkörpern. Wo heutige Machthaber mit Paraden aus Panzern und Kampfflugzeugen Eindruck schinden, dienten damals Pferde als sicht-bares Symbol politischer und militärischer Stärke. Mit diesem Anspruch begründete Philipp II. eine eigene Pferdezucht. Seinen Vorstellungen nach sollten die Tiere spektakuläre Sprünge beherrschen.

Damit begann nicht nur die Geschichte der Barockpferde, sondern auch jene der barocken Reitweise. Reiten galt als Kunstform. Gefragt war eine perfekte Versammlung bei minimaler Zügeleinwirkung: Das Pferd verlagert dabei sein Gewicht auf die Hinterhand, spannt die Bauchmuskulatur an und rundet den Hals. Zu den Kernelementen und zur Crème de la Crème der Hohen Schule gehörten und gehören die Levade, das klassische «Steigen» des Pferdes, sowie die Kapriole. Bei Letzterer springt das Pferd mit allen vier Beinen vom Boden ab und schlägt in der Luft aus. Die barocke Reiterei diente sowohl der Repräsentation als auch der Kriegstaktik – Levade und Kapriole ermöglichten es, Gegner auf dem Schlachtfeld niederzutrampeln.

Höfische Reitkunst

An der Spanischen Hofreitschule in Wien werden jene Sprünge bis heute von den weissen Lipizzanern gezeigt. Deshalb gelten sie als die klassischen Barockpferde schlechthin. Auch ihre Geschichte ist eng mit den Habsburgern und den iberischen Pferderassen verknüpft. Im 16. Jahrhundert gründete der Habsburger Erzherzog Karl II. von Innerösterreich ein Gestüt, um edle Pferde für den Hof zu züchten. Als Grundlage dienten Tiere aus der Karstregion rund um Lipica im heutigenSlowenien. In der kargen, felsigen Landschaft lebten besonders robuste und trittsichere Pferde. Der Lipizzaner wurde zum Inbegriff der höfischen Reitkunst, allen voran an der Spanischen Hofreitschule in Wien. Dort perfektionierten die Pferde Lektionen wie Piaffe, Levade und Kapriole. Bis heute stammt der Nachwuchs aus dem österreichischen Bundesgestüt Piber.

Aus den Vorstellungen Philipps II. entwickelte sich die moderne mitteleuropäische Pferdezucht. Er prägte nicht nur die Zucht, sondern auch den Begriff der «Rasse» entscheidend mit. Aus seinen Pferden ging der Pura Raza Español hervor, welcher als Ursprung des Barockpferdes gilt. Mit der Herrschaft der Habsburger und dem spanischen Kolonialismus verbreiteten sich die Vorläufer des PRE wie ein Netz über weite Teile der Welt und beeinflussten zahlreiche spätere Pferderassen. Das iberische Geschwisterchen des PRE ist der Puro Sangue Lusitano (PSL).

Beide gehen auf denselben Zuchtursprung zurück, trennten sich jedoch im 17. Jahrhundert aufgrundunterschiedlicher Zuchtziele. Während der PRE für die höfische Repräsentation gezüchtet wurde, entwickelte sich der Lusitano zum Arbeitspferd für den Stierkampf (Rejoneo). Im Vordergrund standen funktionale Eigenschaften wie Wendigkeit, Mut und Balance. Erst seit 1967 ist der Lusitano als eigenständige Rasse anerkannt. Heute wird er sowohl in der Arbeit mit Rindern als auch im Dressursport eingesetzt.

Reine Rasse Spaniens

Andrea Domig streift durch den Offenstall. Die Köpfe ihrer Pferde sind in der Einstreu versunken. Alma hebt den Kopf, wackelt mit einem Ohr und läuft ihrer Besitzerin nach. Andrea Domig und Corrado Goggia sind Vorstandsmitglieder der AECE (Association Suisse des Éleveurs de Chevaux de Pure Race Espagnole / Schweizerischer Verein der Züchter des Pferdes reiner spanischer Rasse). Der Verband betreut den SchweizerAbleger des spanischen Zuchtbuchs. Das Zuchtbuch der PRE wird in Sevilla geführt, gehört dem spanischen Staat und wird vom internationalen DachverbandANCCE (Asociación Nacional de Criadores de Caballos de Pura Raza Española) verwaltet. Der Schweizer Verein trägt die Hauptverantwortung für sämtliche Verwaltungsaufgaben des Herdenbuchs auf dem Schweizer Territorium, darunter etwa alle Besitzerwechsel der Pferde. Der Verein fördert die PRE-Haltung und -Zucht in der Schweiz und zählt rund 80 Mitglieder.

«Die PRE-Zucht ist in der Schweiz jedoch einNischenphänomen. Die Schweiz ist kein Zuchtland», sagt Domig. Die Kosten seien schlicht zu hoch. Züchten im grossen Stil sei nur mit einem eigenen Stall möglich, und an einen solchen in unserer Region heranzukommen, sei nicht einfach, ergänzt Goggia. Ihre eigenen neun Pferde leben auf einem Bauernhof in Männedorf oberhalb des Zürichsees. Zusätzlich sind ein Zuchthengst und eine Zuchtstute bei einem Berufsreiter in Spanien untergebracht.

«Wir arbeiten, um unsere Pferde zu unterhalten», sagt Corrado Goggia. Gemeinsam führen AndreaDomig und er eine Carrosserie mit Autospritzwerk. Eigentlich würden sie gerne jedes Jahr ein Fohlen züchten, doch das sei in jeder Hinsicht aufwändig. Zum einen seien die Kosten hoch, zum anderen sei es sehr schwierig, einen geeigneten Platz zu finden. «Ich kann sie meist nicht verkaufen», ergänzt Domig. Die Pferde würden ihr so sehr ans Herz wachsen. Auch ihren jüngsten Nachwuchs, Aarón, werden sie auf jeden Fallbehalten, schwärmt Goggia. «Uns gehört seine Grossmutter», erzählt Domig. «Wir züchten aus Passion, und nicht, um Geld zu verdienen», sagt Domig.

Aarón rauft derzeit mit seinen Artgenossen auf der Fohlenweide in Laupersdorf. Seit seiner Geburt wäre er am liebsten ein Schosshündchen. «Wenn ich ihn auf die grosse Wiese der Fohlenweide rufe, kommt erangaloppiert», sagt Goggia mit glänzenden Augen.

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Der grosse schwarze Hengst

Begonnen hat alles mit dem Hengst Andaluz, erzählt die Züchterin Andrea Domig. «Ich habe mich in den Hengst verliebt», berichtet sie. Das Paar kaufte ihn in Spanien und importierte ihn in die Schweiz. Doch sein Leben nahm ein jähes Ende: Nach einem Darmriss musste die Tierärztin den zwölfjährigen Hengst einschläfern. «PREs sind sehr menschenbezogen, intelligent und gehen mit einem durchs Feuer», erklärtDomig, gefragt nach ihrer Faszination für diese Pferde. «Und sie sind unheimlich schön», ergänzt ihr Mann. Der Hengst Andaluz war der Grundstein für ihre gleichnamige Zucht. In Spanien werden PRE meist halbwild gehalten. Die Zuchtstuten leben dort auf weitläufigen Flächen, gemeinsam mit ihren Fohlen. Die Umwelt ist trocken, saftiges Gras rar. «PRE sind gute Futterverwerter», sagt Andrea Domig. Sie gelten als anspruchslos in der Haltung und eignen sich gut für Gruppen- und Offenstallhaltung.

Im Gruppenstall oberhalb des Zürichsees leben auch Duna und Centella. Die beiden Stuten sind Tierschutzfälle aus Spanien, die bei den Schweizer Züchtern ein neues Zuhause gefunden haben. «Duna war ein Knochengerüst, als wir sie übernahmen», erzählt dieBesitzerin. Zunächst blieb die Stute in Spanien und wurde dort aufgepäppelt. Heute steckt sie ihren Kopf in die grosse Heuraufe und mümmelt genüsslich am grünen Heu. Ihr jüngster Nachwuchs, Aarón, könne so lange Hengst bleiben, wie es gehe, sagt Corrado Goggia. Andrea Domig kommentiert trocken: «Trotzdem gilt: Lieber ein glücklicher Wallach als ein frustrierter Hengst.» Der Hengst Negrito in Spanien zeige jedoch keinerlei Hengstallüren, ergänzt der Pferdefreund. Für die SICAB, das grösste Pferdefest der Welt, sei Negrito die 920 Kilometer sogar gemeinsam mit einer Stute im selben Anhänger gefahren.

Fest der Pferde

An der SICAB in Sevilla treffen Besucherinnen und Besucher auf 700 bis 800 Pferde. Sie gilt als die allergrösste Pferdemesse und Zuchtshow der Welt. «Die Stimmung an der SICAB ist überwältigend», berichtet Corrado Goggia. Sieben Tage lang dreht sich alles um den PRE. «Zwischen Kind und Kegel werden die Pferde vorgestellt», sagt er. Bei den Morphologieprüfungen werden Zuchthengste und -stuten an der Hand in allen Gangarten vorgestellt. Bewertet werden die Qualität der Gänge, die Körperhaltung und das allgemeineErscheinungsbild. Ab einem Alter von vier Jahren präsentieren die Hengste zudem ein Dressurprogramm, welches für Stuten freiwillig ist, jedoch nicht in die Wertung einfliesst. Die erzielten Punktzahlen beeinflussen sowohl den Preis der Pferde, als auch denSamenwert der Hengste. «Es ist ein riesiges Volksfest», beschreibt Goggia die Atmosphäre an der SICAB. In diesem Jahr trat er mit Zingara, Almas Schwester, an.

Auch andere Schweizerinnen und Schweizer sind von den iberischen Pferden, dem Puro Sangue Lusitano (PSL) und dem Pura Raza Española (PRE), begeistert. Einige importieren die Tiere aus spanischen oder auch portugiesischen Ställen in die Schweiz. Wenn Interessierte die Züchter oder Händler jedoch nicht persönlich kennen, sei das heikel, geben die beiden Züchter zu bedenken. So kennen die beiden die Geschichte eines jungen PRES, der in die Schweiz importiert wurde. Dieser litt an Kissing Spines – dabei handelt es sich um eine schmerzhafte Rückenerkrankung, bei welcher sich die Dornfortsätze berühren. Die Krankheit wurde aber erst in der Schweiz erkannt und das Pferd kann nie mehr geritten werden.

Laut Agroscope nahmen die Importzahlen seit dem Jahr 2019 kontinuierlich zu. Im Jahr 2021 wurden rund 200 Pferde importiert, seither sind die Zahlen leicht rückläufig. Mit diesen Importen könnten Schweizer Züchter kaum mithalten, sagt Andrea Domig. Zudem gebe es hierzulande kaum noch grosse Zuchtbetriebe. «Die meisten haben altersbedingt die Zucht aufgegeben oder sind ins Ausland abgewandert », ergänzt Corrado Goggia. Dort seien Landpreise und Unterhaltskosten deutlich tiefer.

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Weg vom wuchtigen Wagenpferd

Auch Friesen gehörten ursprünglich zu den Barockpferden. Ob sie heute noch dazu gehören? «Darüber lässt sich streiten», sagt Sandra Ehrensperger. Die 47-Jährige züchtet Friesenpferde und schätzt sie vor allem wegen ihres Charakters. Sie seien äusserst menschenbezogen und vertrauenswürdig. «Meine Friesen kann ich einem kleinen Kind in die Finger drücken», sagt die Züchterin.

Eine Zuchtstute hält sie zu Hause in Schneisingen im Aargau auf dem Betrieb ihres Mannes. Drei weitere Zuchtstuten leben aus logistischen Gründen bei Freunden in den Niederlanden. Auch die gekörten und vom Zuchtverband KFPS anerkannten Hengste stehen in den Niederlanden. «Friesenzucht ist aufwändig»,betont Ehrensperger. Der Besamungszeitpunkt unterscheide sich von anderen Pferderassen. Der Frisch-samen muss zum richtigen Zeitpunkt per Kurier in die Schweiz bestellt und verzollt werden, dieses Proze-dere ist aufwändig und, bei zweimaliger Besamung pro Zyklus, auch sehr kostenintensiv.

Deshalb habe sie sich für eine andere Lösung entschieden: «Wir schicken die Stute zum Hengst in die Ferien.» Dort verbringt sie mehrere Monate. Die Stute wird mit dem Lastwagen abgeholt und zum Hengststall gebracht, wo sie mit Frischsamen besamt wird. Einen Natursprung gibt es bei den Friesen nicht. Die Stute kehrt erst zurück, wenn sie tragend ist. Die Zuchtziele des Verbands entfernen sich zunehmend von der klassisch barocken Statur. «Der Friese soll zu einem echten Sportpferd werden – leistungsfähig, gesund undkonkurrenzfähig an nationalen und internatio-nalen Dressur- und Kutschfahrwettbewerben», erklärtEhrensperger. «Das Bild des Friesen als wuchtigesWagenpferd ist längst überholt.» Gefragt seien heute grössere Friesen mit viel Gang, Ausdruck und aufrechter Haltung. «Man kann sie durchaus als Barockpferde bezeichnen – allerdings mit einer klaren Tendenz zum Sportpferd», fasst sie zusammen. Auch die Geschichte gibt Ehrensperger recht. Im 16. und 17. Jahrhundert gehörten die Niederlande zu Spanien. In dieser Zeit wurden iberische Pferderassen in die regionalenBestände eingekreuzt – auch beim Friesen. Ziel war ein leichteres Kutschpferd, welches der höfischen Repräsentation diente. Das offizielle Zuchtbuch des Friesen wurde 1879 gegründet, um die Rasse vor dem Aus-sterben zu bewahren.

Das Stammbuch des Friesen sei sehr geschlossen, erklärt die Züchterin. Konkret bedeutet dies einen kleinen genetischen Pool. Entsprechend können Friesen Gene für verschiedene Erbkrankheiten tragen. «Es gibt aber glücklicherweise inzwischen Gentests, um Tiere, welche Träger von Erbkrankheiten sind, zu ermitteln, und entsprechende Risikoanpaarungen zu vermeiden. Friesen werden oft pauschal als krankheitsanfälligbezeichnet – dies kann ich aber auf keinen Fall bestätigen», sagt Ehrensperger. Bei allen ehemals barocken Pferderassen hat sich der Zuchtanspruch in den vergangenen Jahren deutlich verändert.

Hin zum Dressursport

Gefragt sind heute grössere Pferde mit ausgeprägten, schwungvollen Gangarten. Auch beim PRE entfernt sich die Zucht zunehmend vom klassischen barocken Körperbau. «An der SICAB sind die Pferde mittler-weile mit einem Stockmass von 175 bis 180 Zentimetern riesig», sagt Goggia mit grossen Augen. Das Stockmass wird vom Boden bis zum höchsten Punkt des Widerrists gemessen. Auch die spanische Zucht orientiert sich immer stärker an den Anforderungen des internationalen Sports, berichtet er.

«Viele vergessen, dass die PRE längst keinen ‹Nähmaschinen-Trab› mehr haben», ergänzt Andrea Domig. Iberische Pferde wurden früher teils abwertend als «Nähmaschinen» bezeichnet, weil ihre Trabschritte kurz und hoch waren und im Klang an eine Nähmaschine erinnerten – ein schnelles «Tak-Tak-Tak».

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Auch der barocke Reitstil geht zunehmend verloren. Während sich das Reiten vom mittelalterlichen Turnier-wesen in der Barockzeit zu einer Kunstform entwick-elte und die klassische Reiterei lange als fürstliches Distinktionsmerkmal galt, wandelte sie sich im 17. und 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Pferderennsports zum breiten Reitsport. In der Folge verloren sowohl die klassische Reitweise als auch die barocken Pferderassen an Bedeutung.

Einen neuen Aufschwung und mediale Aufmerksamkeit erfahren die iberischen Rassen heute durch die Working Equitation. Diese Reitsportdisziplin basiert auf der traditionellen Arbeitsreitweise der Rinderhirten in Portugal, Spanien, Italien und Frankreich. Mittlerweile gibt es in der Schweiz zwei Vereine, die regel-mässig Turniere anbieten. In Grüningen findet jährlich ein Höhepunkt des Swiss Working Equitation Vereins statt, den auch Andrea Domig und Corrado Goggia immer besuchen.

Pferd und Reiter beweisen sich dabei zunächst in einem Dressurprogramm. Anschliessend flitzt das Team durch einen Hindernisparcours, bei welchem Tempo und Präzision variieren. Pferd und Reiter schreiten über Holzbrücken, preschen im Galopp auf einen Holzstier zu und spiessen mit der Garrocha, einer langen Holzlanze, einen Ring auf, der in einem blauen Fass steckt. Plötzlich wird an einem Tisch angehalten, der Reiter greift nach einer Giesskanne und hebt sie in die Höhe – das Pferd bleibt bockstill stehen. Der ständige Wechsel zwischen Versammlung und vollemGalopp fordert Pferd und Reiter gleichermassen.

Für diese Anforderungen bringen Barockpferde den idealen Körperbau mit. Ihre ausgeprägte Hinterhand erlaubt es ihnen, sich leicht zu setzen und schnell zu wenden. «PRE wurden genau dafür gezüchtet. Sie sind kurz, wendig und reaktionsschnell», betont Andrea Domig. In der Working Equitation sind damit genau jene Eigenschaften gefragt, für welche barocke Rassen einst geschaffen wurden. So bleibt das Barockpferd Sinnbild der Hohen Schule der Reiterei – und zugleich ein lebendiges Überbleibsel der Habsburger Monarchie und des spanischen Kolonialismus.

Die Heimat europäischer Pferderassen
Der Ursprung aller mitteleuropäischen Kriegspferde liegt beim Berber. Diese Pferderasse stammt aus Nordafrika, ihre Domestikation reicht bis ins zweite Jahrtausend vor Christus zurück. Nomadische Völker wie die Tuareg züchteten Berber, wobei – anders als in anderen Zuchttraditionen – die Stuten als wertvoller galten als die Hengste. Sie schliefen oft mit im Hauptzelt. Während der französischen Kolonialherrschaft wurden Berber mit Arabern gekreuzt, um leistungsfähigere Kriegspferde zu schaffen. Die Kolonien waren zudem zu hohen Tributzahlungen in Form von Pferden verpflichtet. Dadurch schrumpfte derBestand reinrassiger Berber drastisch. Gleichzeitig verbrei-teten sich Berberpferde über weite Teile der Welt und gelten heute als Ursprung aller iberischen, amerikanischen sowieeiniger englischer Pferderassen. Von diesen edlen Tieren existieren schätzungsweise nur noch rund 2500 Exemplare.