Gesunde Lebensmittel
Biologin will Wälder in Speisekammern verwandeln
Anna-Maria Holl ist promovierte Biologin, Autorin eines neuen Buches mit dem Titel «Nussbäume für alle» und Gründerin eines Vereins, der sich für eine kostenlose Grundversorgung mit gesunden Lebensmitteln starkmacht. Und sie denkt den Wald von morgen neu – mit teils althergebrachten Methoden.
Hand aufs Herz, Frau Holl: Wie lange könnten Sie im Wald überleben?
(lacht) Das hängt vom Wald ab. In einer Fichten-Monokultur würde ich im Nu verhungern, in einem Mischwald stünden die Chancen besser. Aber ganz ohne Gewürze und Öle wäre diese Form der Ernährung für mich kein wirklicher Genuss.
Was würde denn alles auf Ihrem «Outdoor-Tisch» landen?
Im Frühling Wildkräuter wie Bärlauch, im Sommer die Blätter und Knospen einiger Bäume, die essbar sind, und im Herbst die Früchte der Rotbuche, die sogenannten Bucheckern, und Eicheln. Auch Wurzeln, Wildbeeren oder Pilze würde ich kosten.
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In Ihrem soeben publizierten Erstling zeigen Sie auf, welch grosses Potenzial der Nussbaum in unseren Wäldern hat. Was genau schwebt Ihnen vor?
Mir ist es ein Anliegen, dass sich alle Menschen gesunde Lebensmittel leisten können, gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Hier kommt der Nussbaum ins Spiel: Nüsse haben in Notzeiten immer eine wichtige Rolle gespielt. Sie enthalten wertvolle Öle, können vielfältig verwendet werden und lassen sich gut lagern. Ein weiteres Plus: Die Bäume werfen oft über viele Jahrzehnte Nüsse ab und ernähren damit mehrere Generationen. Zwar ist die Phase nach der Pflanzung arbeitsintensiv, aber danach benötigen die Bäume kaum noch Pflege.
Das Buch ist auch ein Appell, die Nahrungskette von Grund auf zu überdenken. Wohin soll die Reise gehen?
Wenn mehr Nussbäume in unseren Wäldern wachsen, werden wir unabhängiger vom Handel und können pestizidfreie, naturbelassene Produkte konsumieren. Auch lange Transportwege und Verpackung erübrigen sich. Ebenso wichtig: Die Menschen bewegen sich wieder mehr und setzen sich mit ihrem Essen auseinander. Wir haben heute den Bezug zu unserer Nahrung teilweise komplett verloren und können durch eigenes Ernten wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir ein Teil der Natur sind.
Sind Waldtiere nicht ungeheurem Stress ausgesetzt, wenn plötzlich Massen von Menschen den Wald durchkämmen auf der Suche nach Nahrung?
Das ist ein wichtiger Punkt, den wir bei unserem Konzept nicht aussen vor gelassen haben: Im Usinger Stadtwald – unserem Pilotprojekt – pflanzen wir Nussbäume nahe an gut erreichbaren und stark frequentierten Fusswegen. Diese Flächen sind speziell gekennzeichnet. Und gerade Nüsse werden ohnehin nicht während der Brut- und Setzzeit geerntet. Günstig ist auch, dass bei jeder Nussbaumart der Erntezeitpunkt ein anderer ist.
Viele Menschen mögen es bequem – bei Hunger alarmieren sie den Pizzakurier. Wie optimistisch sind Sie, dass wir unsere Nahrung wieder selbst suchen und sammeln?
Da bin ich eigentlich guter Dinge: Das Sammeln und Jagen liegt in der Natur des Menschen – es macht Spass und Sinn. Hinzu kommt: Gewisse Arten wie Pekka-, Königs- oder Butternüsse, die wir anpflanzen, sind im Supermarkt entweder gar nicht oder nur zu hohen Preisen erhältlich. Auch gibt es immer mehr Menschen, die sich aktiv mit ihrer Nahrung auseinandersetzen und keine Pestizide in ihrem Essen vorfinden wollen. Nochmals: Nüsse sind ein gesundes, sättigendes Produkt. Auch die Waldtiere sind erpicht darauf – gegessen bzw. gefressen werden sie also ganz sicher.
Gibt es weitere Pflanzen im Wald, die gemäss Ihrem Konzept auf unseren Tellern landen könnten?
Wir sind auch daran, Wildobstbäume zu pflanzen. Deren Früchte sind relativ klein und auch der Ertrag ist im Wald eher bescheiden im Vergleich zu frei stehenden Bäumen. Und doch ist das eine sinnvolle Ergänzung zu den Nussbäumen, auch für die Wildtiere.
Nussbäume werfen nicht nur Früchte ab, auch ihr Holz ist von erlesener Qualität.
In der Tat. Sie wachsen zwar deutlich langsamer als Nadelbäume, produzieren dafür aber ein sehr hochwertiges Holz, das sich gut für die Herstellung von Möbeln oder Instrumenten eignet. Für den Anbau braucht es einen gewissen Idealismus, denn das Holz kann erst von späteren Generationen genutzt werden.
Stichwort Artenvielfalt: Wie gut ist es darum in unseren Nutzwäldern bestellt?
Es gibt sehr viele Monokulturen mit Nadelhölzern. Tiere finden in diesem Umfeld kaum Nahrung; für ihr Überleben ist eine vielfältige, strukturreiche Pflanzenwelt entscheidend – kurz: ein lebendiger, artenreicher Wald. Ebenso dramatisch: In vielen Wäldern fehlen alte Baumbestände komplett. Das ist indirekt auch eine Folge unserer Ernährung: Würden wir diese ein klein wenig umstellen, hätten alte Bäume wieder ihre Berechtigung und auch die Nutzflächen sähen anders aus.
Woran denken Sie da?
Heute essen wir primär einjährige Pflanzen, also Weizen, Reis und Mais. Das ist für die Böden, aber auch für die Gesundheit von Menschen und Tieren nicht ideal. Würden wir mehr Nahrung aus Baumkulturen konsumieren, wäre die Artenvielfalt im Wald besser. Auch Nutztiere werden fast ausschliesslich mit einjährigen Futterpflanzen wie Soja gefüttert. Gerade auf Weiden für Schweine wären Nussbäume eine sinnvolle Ergänzung des Nahrungsangebots. Früher wurden Hühner oft unter Obstbäumen gehalten; sie haben Insekten und Würmer aus dem Fallobst gepickt.
Die Klimaerwärmung macht gewissen einheimischen Bäumen schwer zu schaffen. Was bedeutet das für unsere Wälder?
Mit den steigenden Temperaturen kommen wir nicht umhin, die Resilienz des Waldes zu erhöhen. Da wären wir wieder bei der Artenvielfalt: Sie hilft, das Überleben des Waldes zu sichern. Die Bäume, die wir jetzt im Rahmen unseres Projekts anpflanzen, waren bereits früher in unseren Wäldern anzutreffen und haben verschiedenen Klimata standgehalten. Diversität zahlt sich in jeder Hinsicht aus, auch wirtschaftlich: Eine intensive Bewirtschaftung des Waldes mit dem Ziel, möglichst hohe Holzerträge auf minimaler Fläche zu produzieren, wird zum Risiko, wenn eine Baumart mit einem Befall kämpft. Heute sind Wälder mehr Holzplantagen als Natur. Das gilt es zu überdenken.
Wie gut kommen Nussbäume mit höheren Temperaturen klar?
Sie verfügen über Pfahlwurzeln, die an tiefe Wasservorkommen heranreichen und bleiben selbst bei starken Stürmen standfest.
Welche Resonanz hat Ihr Vorschlag bisher in der Fachwelt und der breiten Bevölkerung gefunden?
Den Inhalt des Buches haben verschiedene Fachleute geprüft: vom Förster über wissenschaftliche Institute bis hin zu Vereinigungen wie die IG Nuss. Im Grossen und Ganzen wurden die Vorschläge sehr gut aufgenommen. Es gab vereinzelt Kritik wegen neuer, eher unbekannter Nussbaumarten, weil nicht komplett auszuschliessen ist, dass sie invasiv sind. Meines Erachtens sollten wir diese Risiken differenziert betrachten; im Buch beleuchte ich diesen Aspekt aus verschiedenen Blickwinkeln.
Ist «Nussbäume für alle» erst einmal nur eine vage Idee?
Keinesfalls. Unser Konzept hat die Feuertaufe bereits bestanden. Wir haben im Usinger Stadtwald im letzten Jahr 720 Nussbäume gepflanzt, bald werden wir den Bestand um weitere 3500 Exemplare aufstocken. Dazu kommen 800 Wildobstgehölze und ein Nusslehrpfad. Der Aufwand, um diesen Bestand zu pflegen, ist überschaubar, weil sich viele Mitglieder unseres vor zwei Jahren gegründeten Vereins «VifaGe – Vielfalt Geniessen» engagieren. Und auch die Bevölkerung packt bei einzelnen Aktionen mit an.
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