Umstrittene Rückkehrer
Wolfsexperte Heinrich Haller: «Der Wolf wird politisch instrumentalisiert»
Während seiner Zeit als Direktor begleitete Biologe Heinrich Haller die Wölfe des Schweizerischen Nationalparks. Sein neues Buch widmet er den umstrittenen Rückkehrern. Er sieht den aktuellen Konflikt zwischen Menschen und Wölfen als Weckruf.
Herr Haller, wie haben Sie als Biologe die Rückkehr des Wolfes in die Schweiz erlebt?
Nach der Wiederansiedlung des Luchses in der Schweiz trug auch der Wolf ab den 1990er-Jahren zur Vervollständigung der einheimischen Fauna bei. Dass er dies durch natürliche Bestandsausbreitung zuerst vom Apennin und dann von den italienisch-französischen Westalpen her geschafft hat, ist besonders faszinierend. Allerdings dauerte es 17 Jahre, bis nach dem ersten Wolfsnachweis im Unterwallis die erste Fortpflanzung, am Calanda bei Chur, nachgewiesen werden konnte. Ich habe die Rückkehr des Wolfs in unser Land stets mit grossem Interesse verfolgt, da ich mich während Jahrzehnten mit grossen Beutegreifern beschäftigt habe, unter anderen mit dem Steinadler und dem Luchs.
Sind Ihnen während Ihrer Zeit als Direktor des Schweizerischen Nationalparks Wölfe begegnet?
Ja, bereits vor meiner Pensionierung habe ich den ersten Wolf des Nationalparks, die Fähe «F18», dokumentiert. Am 24. Dezember 2016 stiess ich - quasi als Weihnachtsgeschenk - in der Val da Stabelchod auf Spuren im Schnee, die eindeutig vom Wolf stammten. Ein solcher war zwei Tage zuvor nahe der Ofenpasshöhe am Stras-senrand mit einem Handy fotografiert worden. Später habe ich im Ofenpassgebiet, in Davos und anderswo Wölfe gesucht, sie wiederholt gesehen und fotografiert. Aber auch ausserhalb der Schweiz, so in Nordamerika und Asien, durfte ich Wölfe beobachten. All diese Erfahrungen haben Eingang gefunden in mein neues Buch.
Was hat Sie dazu bewegt, ausgerechnet über den Wolf ein Buch zu schreiben?
Trotz der Tatsache, dass der Wolf zu den am besten untersuchten Wildtierarten gehört, besteht nach wie vor grosser Aufklärungsbedarf. Gerade angesichts der anhaltenden politischen Debatte geht es mir als Wildbiologe darum, ein objektives Bild vom Wolf zu zeichnen, als eine Wildtierart mit ökologischen Leistungen, aber auch mit Konfliktpotenzial. Den unmittelbaren Auslöser für das Wolfsbuch gab mein 2022 erstmals erschienenes Werk zum Kolkraben. Auch dort ging es darum, Fehlinterpretationen und Missverständnisse klarzustellen.
Warum denken Sie, dass das Thema Wolf gerade auch in der Schweiz so polarisiert?
Das hat damit zu tun, dass der Wolf lange Zeit bei uns verschwunden war, und man sich jetzt wieder an ihn gewöhnen muss. Die alten Schauergeschichten sind noch unmittelbar präsent und das Wissen zum Umgang mit dem Wolf muss erst wieder erlernt und breit angewendet werden, vor allem natürlich vonseiten der Landwirtschaft. Dazu kommt, dass der Wolf von Bedenkenträgern politisch instrumentalisiert wird. Mit diesem emotionalen Thema lässt sich leicht Stimmung machen – und so Stimmen gewinnen. Dieses Muster zeigt sich so gut wie in allen vom Wolf neu besiedelten Gebieten.
Was sagen Sie zu den jüngsten Abschussverfügungen, insbesondere des gesamten Fuorn-Wolfsrudels, welches sich ja in der unmittelbaren Umgebung des Schweizerischen Nationalparks aufhält?
Ich halte sie für unverhältnismässig. Jahrelang gab es im Ofenpassgebiet so gut wie keine Risse von Haustieren. Nach zwei Einzelereignissen - Übergriffe auf zwei Rinder - kam das ganze Rudel auf die Abschussliste und 15 Wölfe wurden ausserhalb der Nationalparkgrenzen getötet. Solch radikale Massnahmen sind gemäss Jagdverordnung möglich. Dort ist der Schutz des Wolfs in der jüngeren Vergangenheit sukzessive herabgemindert worden, und ich bedaure, dass diese Regelung auch im Umfeld des Nationalparks Anwendung fand. Dadurch ist die vom Menschen möglichst unbeeinflusste Nationalparknatur in ihrer Entwicklung beeinträchtigt worden. Der Schweizerische Nationalpark ist ein von der Weltnaturschutzunion IUCN anerkanntes Wildnisgebiet, in welchem gemäss Gesetz «die Natur vor allen menschlichen Eingriffen geschützt und namentlich die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ihrer natürlichen Entwicklung überlassen wird». Dazu gehört der gesamte natürliche Artenbestand, also auch der Wolf.
Was würden Sie sich in Bezug auf den Status des Wolfes in der Schweiz wünschen?
Der Wolf soll alle geeigneten Lebensräume besiedeln können. Wir sollten ihm mit Gelassenheit und Toleranz begegnen. Selbstverständlich braucht es ein vernünftiges Management, in erster Linie, um Problemwölfe gezielt zu entfernen. Die neu eingeführte Praxis, Wölfe im grossen Stil abzuschiessen oder gar die gemäss Jagdverordnung mögliche Reduktion auf ein Dutzend Rudel anzustreben, finde ich bedenklich. Insbesondere gibt sie dem Herdenschutz nicht die nötige absolute Priorität. Dieser ist anerkannt die wirkungsvollste Methode, um Schäden gering zu halten. Es sei denn, man wolle den Wolf wieder weitgehend ausrotten. Aber das steht aus verschiedenen Gründen heutzutage wohl ausser Frage. Nicht zuletzt hält uns der Wolf den Spiegel vor, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Er relativiert unser übersteigertes Bestreben, ständig alles unter Kontrolle zu haben. Und er weist darauf hin, dass das verbreitete menschliche Herrschaftsverständnis in die Sackgasse führt. Das ist seit Langem bekannt und zumindest naturwissenschaftlich unbestritten – der Wolf könnte zum Weckruf beitragen.
zur Person
Heinrich Haller ist Biologe und ehemaliger Direktor des Schweizerischen Nationalparks. Er befasste sich wissenschaftlich vor allem mit dem Steinadler und dem Luchs und beschäftigte sich auch mit dem Thema Wilderei. Seit seiner Pensionierung schreibt er Bücher über seine tierischen Begegnungen.
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