Seltenste Fledermausart der Schweiz
Grösste Hufeisennasen-Kolonie versteckt sich in Kirchturm
Miriam Lutz und Erich Mühlethaler kümmern sich um die grösste Wochenstubenkolonie der Grossen Hufeisennasen (Rhinolophus ferrumequinum) in der Schweiz. Die seltene Fledermausart hat es sich in einem Kirchturm in Graubünden bequem gemacht .
Frau Lutz, wie sind Sie dazu gekommen, sich um die Kolonie zu kümmern?
Während meines Biologiestudiums an der Universität Zürich konnte ich bereits Erfahrungen mit Fledermäusen sammeln. Seit 1988 bin ich beim Fledermausschutz Graubünden tätig. Zu unseren Aufgaben gehört die Betreuung der Wochenstubenkolonie der Grossen Hufeisennase im Kanton. Mit fast 200 Tieren ist sie die grösste der fünf bekannten Wochenstuben der seltenen Fledermausart in der Schweiz.
Was sind Ihre Aufgaben als Fledermausbetreuerin?
Primär zählen mein Mann und ich die Fledermäuse. Zwischen Mai und Juni zählen wir mehrmals, wie viele erwachsene Tiere abends ausfliegen. Im Juli zählen wir dann zusätzlich die Jungtiere im Dachstock. Die Erfassung des jährlichen Bestandes ermöglicht Aussagen zur langfristigen Entwicklung der Kolonie. Zudem reinigen wir den Dachstock und den Kirchturm regelmässig und versuchen, mögliche Störungen frühzeitig zu erkennen.
Braucht man für diese Aufgaben eine spezielle Ausbildung?
Um eine Fledermauskolonie betreuen zu können, braucht es im Minimum eine Einführung durch die kantonalen Fledermausschutz-Beauftragten. Zudem ist der Besuch eines Kurses zum lokalen Fledermausschützer von der Stiftung Fledermausschutz sehr empfehlenswert.
Wie steht es um die Fledermäuse in «Ihrer» Kolonie?
In den letzten zehn Jahren stellen wir generell eine leichte Zunahme der Anzahl Tiere fest. 2021 erreichten wir den bisherigen Rekord von 195 erwachsenen Grossen Hufeisennasen, 2023 waren es jedoch nur 171 Tiere. Sinkende Zahlen geben uns immer Anlass zur Sorge. Das Quartier ist gut geschützt, aber die Fledermäuse brauchen zum Überleben auch geeignete Jagdgebiete in der Umgebung der Wochenstube. Grosse Hufeisennase jagt grosse Insekten wie Maikäfer sowie Nachtfalter und ist auf ein grosses Anbot an Beutetieren in einem Umkreis von etwa sieben Kilometern angewiesen.
Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Wir machen besonders bei der Zählung immer wieder tolle Beobachtungen. So kescherte einmal eine Grosse Hufeisennase nach dem Ausflug vor unseren Augen mit den Flügeln einen Maikäfer. Eine weitere besondere Beobachtung war die eines Waldkauzes auf dem Glockenturm. Das bereitete uns etwas Sorgen, denn der Waldkauz ist einer der natürlichen Feinde von Fledermäusen. Wir befürchteten, dass er die ausfliegenden Grossen Hufeisennasen im Visier hatte. Glücklicherweise flog der Kauz vor dem Ausflug der ersten Fledermaus weg.
WochenstubenTrächtige weibliche Fledermäuse finden sich in Quartieren zusammen, in denen sie ihre Jungtiere zur Welt bringen und aufziehen. Solche Quartiere nennt man Wochenstuben. Die neugeborenen Fledermäuse sind dabei rund ein Drittel so gross wie die Mutter. Nach der Geburt klettern die Jungtiere an der Mutter empor und saugen sich an einer Zitze fest. Jedes Weibchen bekommt pro Jahr nur ein einziges Junges und besitzt entsprechend auch nur einen einzigen Eierstock, den rechten. Wenn die Weibchen sich abends zur Jagd aufmachen, bleiben die Jungtiere meist in der Wochenstube zurück. Dann ist auch die Gelegenheit gekommen, die Jungtiere zu zählen. Die rückkehrenden Mütter erkennen ihre Jungen anhand der Stimme und des Geruchs.
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