Es sind traurige Bilder, die viele von Zootieren im Kopf haben: Tiger, die unruhig im Gehege auf und ab gehen, Elefanten, die mit dem Kopf hin und her wackeln, und Giraffen, die unablässlich an den Gitterstäben lecken. Solche Stereotypien sind leider typische Verhaltensstörungen, die auf nicht artgerechte Haltungen in Zoos zurückgehen. Die Ursache ist meist Langeweile, da den Tieren die natürlichen Reize und Herausforderungen fehlen, wie die Suche nach Fressbarem oder Partnern, die sozialen Auseinandersetzungen in einer Gruppe oder die Anwesenheit von Feinden. Moderne Einrichtungen wie der Zoo Zürich sind sehr darum bemüht, ihren Tieren die nötige Abwechslung und Aufgaben zu bieten, sodass Langeweile und somit Verhaltensstörungen gar nicht erst aufkommen können.

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Marion Connert ist als Tierpflegerin für die Brillenbären Cocha, Uyuni, Rica und Apu zuständig. Die Anlage, in der die Tiere leben, wurde 1995 erbaut und ist dreigeteilt. Das Konzept beruht darauf, dass die Tiere regelmässig den Anlagenteil wechseln. So ist die Umgebung stets neu und interessant. Frische Äste, Totholzhaufen, Badestellen und lockeres Bodensubstrat werden im leeren Teil der Anlage immer wieder verändert und laden zum Erkunden ein. «Ein wichtiges Element der Beschäftigung ist zudem, dass die Bären sich ihr Futter suchen müssen», erklärt Connert. So wie es eben auch in der Natur der Fall ist. Ein Kernstück der Anlage sind die zwei Futterkisten pro Teilbereich, die sich ab und zu öffnen, wenn ein Bär in der Nähe ist. Der Auslösemechanismus wird durch den in der Schulter implantierten Mikrochip ausgelöst – oder auch nicht. So müssen die Bären immer wieder schauen gehen, ob sich die Box öffnet und eine kleine Menge Futter freigibt. Negative Erfahrungen und Frust, wenn sich die Kiste nicht öffnet, sind Teil des Konzepts. In der Natur ist auch nicht jeder Beutezug erfolgreich.

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Futter ist tatsächlich ein grosser Motivator. Marion Connert versteckt daher gerne Weintrauben, Karotten und andere Leckereien in Astgabeln, Büschen und Holzhaufen, die die Bären dann finden müssen. Das fördert nicht nur die Bewegung, sondern auch natürliche Verhaltensweisen wie Graben oder das Schütteln eines jungen Baumes. «Ein Lernender hat sogar eine Art künstlichen Baum entwickelt, aus dem Eicheln fallen, wenn die Bären daran rütteln», erzählt die Tierpflegerin. Sie lässt sich einiges einfallen, um ihren Brillenbären ein abwechslungsreiches Programm zu bieten. So bohrt sie unter anderem Löcher in Holzstöcke und füllt sie mit Weinbeeren. Im Sommer friert sie Früchte und Nüsse in Eisblöcken ein, und ab und zu gibt es Honig, den die Tierpflegerin an die Rinde der Bäume in der Anlage streicht.

Jäger mit Konkurrenz

Die Besucher des Zoos beobachten die Brillenbären gerne dabei, wie sie aufgehängte Jutesäcke zerlegen, in denen zwischen einer ordentlichen Menge Stroh auch Weinbeeren und Nüsse versteckt sind. Das Beschäftigungsprogramm dient so letztendlich nicht nur der Unterhaltung der Bären, sondern sorgt auch dafür, dass die Tiere in Bewegung bleiben und den Zoogästen viele Möglichkeiten geben, natürliche Verhaltensweisen zu beobachten.

In einem anderen Teil des Zoos bereitet Doris Heimgartner gerade einen ganz speziellen Eimer vor. Darin befinden sich lebendige Forellen für Fischotter Tom. Seit sein Weibchen gestorben ist, lebt der Junggeselle alleine in der naturnah gestalteten Anlage mit Wasserlauf und Schwimmteich. Für die Fischotter hat der Zoo Zürich eine Spezialgenehmigung für den Einsatz von Lebendfutter. «Da unsere Otter im Rahmen des Artenschutzes auch zur Auswilderung kommen könnten, müssen die Tiere lernen, lebende Beute zu fangen», erklärt Mediensprecher Dominik Ryser. Fischottermännchen Tom ist gerade alleine, aber sobald er wieder ein Weibchen als Gesellschaft bekommt, muss auch der Nachwuchs den Fischen nachjagen. Bis es so weit ist, darf Tom ab und an seine natürlichen Jagdfähigkeiten trainieren.

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Doris Heimgartner sperrt Tom in seinen Stall und lässt die Forellen dann im Becken frei. Dort können sie sich eine Viertelstunde an die neue Umgebung gewöhnen, bevor der Fischotter sich auf die Suche macht. «Im Becken herrschen faire Gegebenheiten», versichert Heimgartner. Die Fische können sich zwischen grossen Steinen und in Felsritzen verstecken, haben also Rückzugsorte, an die der Fischotter nicht herankommt. «Eine Forelle hat so auch schon mehrere Tage in dem Becken gelebt», so die Tierpflegerin. Aber meistens geht es schnell. Flink und wendig saust Tom durch das klare Wasser und spürt einen Fisch nach dem anderen auf. Seine Beute verspeist er jeweils in Ruhe an Land, bevor er sich zu einer weiteren Suchrunde aufmacht. «Manchmal ist Tom aber nicht schnell genug und ein Fischreiher oder eine Krähe erwischt eine der Forellen», erzählt Dominik Ryser. So findet der Fischotter auch im Zoo Konkurrenz vor, wie in der Natur.

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Artgemeinschaften wie in der Natur

Dominik Ryser erklärt, dass der Zoo Zürich sich bei jedem seiner Tiere bemüht, alle Bedürfnisse zu befriedigen. In der neuen Lewa-Savanne bewährt sich das Futterbox-System ähnlich wie bei den Brillenbären. In den grossen Baobab-Bäumen versteckt öffnen sich sporadisch Luken mit Futter für die Tiere, je nach Zielart in unterschiedlichen Höhen. Die Zeiten ändern sich immer, sodass die Zebras, Giraffen und Nashörner ständig unterwegs sein müssen. Das entspricht auch dem natürlichen Verhalten in der Savanne Afrikas: Die Tiere begeben sich auf lange Wanderungen, um ihr Futter zu finden. Dass verschiedene Tierarten auch im Zoo zusammenleben, gehört ebenfalls zu einem Konzept, welches die möglichst naturnahe Tierhaltung zum Ziel hat.

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Wo eine Gemeinschaftshaltung nicht möglich ist, dort kann man die Anwesenheit anderer Tiere simulieren. Fischotter Tom bekommt zum Beispiel ab und zu ein Büschel Kamelhaare ins Gehege. Der unbekannte, tierische Geruch hält ihn geistig fit und sorgt für Abwechslung. Die Kamele selber dürfen mit ihren Tierpflegern regelmässige Spaziergänge im nahegelegenen Wald neben dem Zoo unternehmen. Dort erwarten sie nicht nur andere Tiere, sondern auch sonst viele verschiedene Eindrücke. Nicht zuletzt findet im Winter die bekannte Pinguinparade statt, die nicht nur bei Gross und Klein beliebt ist, sondern vor allem auch die Pinguine fit hält. Für ihr Futter müssen die Tiere in der Natur weite Wege zurücklegen, im Zoo ist das nicht nötig. Darum ist die Pinguinparade eine willkommene Abwechslung. Allerdings ist der Spaziergang freiwillig. Nur wer mag, nimmt teil.