Im Zapfenzauber
Zapfen im Botanischen Garten Basel
Zapfentragende Bäume sind entwicklungsgeschichtlich alte Pflanzen. Der Botanische Garten Basel widmete ihnen im letzten Herbst einen Zapfentag. Vom etwa 30 Zentimeter langen Zapfen der Zucker-Kiefer bis zum kleinen Erlenzäpfchen.
Zapfen im Wald sammeln, wer hat das nicht als Kind gemacht – und sich gefreut, wenn sie sich später im Zimmer an der Wärme entfaltet haben? Jetzt ist das Zapfensammeln besonders einfach möglich. Manche Baumarten, so auch die Fichte, blühen nämlich in Mehrjahresabständen besonders intensiv und fahren so die Samenproduktion hoch. Die Folge: viele Zapfen in den Wipfeln. Eine solche Saison wird auch als Mastjahr bezeichnet.
Um Zapfen drehte sich auch alles an einem Sonntag Mitte Oktober des letzten Jahres im BotanischenGarten Basel. Die Gärtnerin und das Vorstandsmitglied des Vereins Botanischer Garten beim Spalentor, Edith Zemp, rückte mit ihrem Team Zapfen und zapfen-tragende Pflanzen in den Vordergrund.
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«Zapfenträger gehören zu den nacktsamigen Pflanzen», sagt die Pflanzenökologin Sophie Weides an einer Führung durch die Basler Zapfenwelt. Das bedeutet: In den Zapfen verborgen liegen die nackten Samen. Bei Wärme und Trockenheit, wenn sich die Zapfenschuppen öffnen, fallen sie heraus. «Die Nacktsamer sind entwicklungsgeschichtlich älter als die Bedecktsamer», erzählt Sophie Weides weiter. Bedecktsamer sind Blütenpflanzen und besonders artenreich. Bei ihnen umschliesst ein Fruchtknoten die Samen.
Gleich der erste Kontakt zu einem Zapfenträger führt weit in die Erdgeschichte zurück. Hellgrüne Wedel einer Kübelpflanze mit fiederartigen Blättern sehen zwar aus wieNadeln, fühlen sich aber weich an. Sie gehören zur Wollemie. «Ihre Entdeckung 1994 in einem abgeschiedenen australischen Tal war eine botanische Sensation!» Dieses Araukariengewächs sei vorher nur als Fossil bekannt gewesen. «Die Wollemie kann auch durch Stecklinge vermehrt werden und macht Wurzelausläufer», sagt Sophie Weides und erklärt weiter, dass eine solche Vermehrung zur Verarmung der Erbinformation führe. «Deshalb kümmert sich der Botanische Garten Sydney um die genetische Vielfalt der Art.» Unter Botanischen Gärten werde die Wollemiegekreuzt, der Wildstandort sei geheim.
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Während die Wollemie im Kübel den Winter im Kalthaus verbringt, trotzt der Urweltmammutbaum das ganze Jahr über dem Wetter. «Dieser Baum kam 1970 in den Garten», erklärt die Botanikerin vor dem rötlichen Stamm des Baumriesen, der in der Krone Zapfen ausbildet. Basler Fossilienfunde würden beweisen, dass die Art einst auch in der Gegend wuchs, heute komme sie aber nur noch in Asien vor.
Das grösste Lebewesen der Erde ist ebenfalls ein Zapfenträger. Ein Exemplar ragt im Botanischen Garten Basel in den Himmel. Mit etwa 130 Jahren sei es ein junger Baum, sagt Sophie Weides. Sie steht unter den dunkelgrünen Ästen des 33 Meter hohen immergrünen Riesen. «Die Exemplare am natürlichen Standort an der Westküste der USA sind teilweise über 90 Meter hoch und so alt wie die Menschheitsgeschichte», erklärt die Führerin weiter. Die Zapfen des Mammutbaums seien an Feuer angepasst und würden sich oft erst bei grosser Wärmeentwicklung öffnen und so die Samen freigeben. «Nach einem Brand beginnen die Samen zu keimen, denn dann sind ausreichend Nährstoffe im Boden und es hat wenig andere Pflanzen, die um das Sonnenlicht konkurrieren.» Der Mammutbaum habe fast kein Harz und sei deshalb ganz besonders brandresistent.
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Manche fliegen, andere werden geflogen
Die Samen der Mammutbäume haben Flügel und werden durch den Wind bis 400 Meter weit getragen. Nicht alle Samen von Zapfenträgern können «fliegen». Die Samen der Arve sind fest und schwer. Sie fallen, wenn sie sich aus den Zapfen lösen, unmittelbar neben dem Mutterstamm auf die Erde. Keine Chance zur Entwicklung! Der Mutterbaum macht Schatten und nimmt alle Nährstoffe auf. Dass junge Arven überall in ihrem Verbreitungsgebiet und oft sogar oberhalb der Baumgrenze keimen, ist dem Tannenhäher zuzuschreiben. Er sammelt die Nüsschen, legt sie als Vorrat an – und findet nicht mehr alle. Dieses Verhalten kann im Kanton Graubünden beobachtet werden. Die Arve gehört zu den Koniferen. Das ist die grösste heute noch lebende Ordnung nacktsamiger Pflanzen.
Dass Zapfenträger historische Pflanzen sind, zeigt sich so richtig in der dampfenden Wärme des Tropenhauses: Dort steht Manfred Knabe neben einem Palmfarn mit wissenschaftlicher Bezeichnung Cycas edentata. Der Gärtnermeister des Botanischen Gartens Zürich ist ein Spezialist für die Ordnung der Palmfarne, die nichts mit Farnen und Palmen gemeinsam haben. Er ist extra für den Zapfentag in den Basler Botanischen Garten gekommen und erklärt: «Die ältesten Exemplare der Palmfarne wuchsen vor rund 300 Millionen Jahren.» Es seien sehr anpassungsfähige, langsam wachsende Gewächse. Dinosaurier stapften einst durch Palmfarnwälder. Jetzt zeigt er einen Zapfen eines Palmfarns der Gattung Encephalartos mit dem Umfang eines Brotlaibes. Palmfarne seien getrenntgeschlechtlich, wie die meisten Nadelbäume auch. Es gibt also weibliche und männliche Exemplare, die entsprechend Zapfen ausbilden. Samenanlagen sitzen in den weiblichen Zapfen, männliche verbreiten den Blütenstaub.
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Zapfensammlung aus aller Welt
Zapfen sind attraktive Sammlungs- und Dekorationsobjekte. In einem separaten Raum kommt am Zapfentag die ganze Vielfalt an Formen und Grössen zur Geltung – dies mit historischer Dimension. Die Versteinerungen von Pinus glyptocarpa aus dem Erdzeitalter des Oberoligozäns aus Frankreich, etwa 28 bis 23 Millionen Jahre vor heute, zeugen davon, wie lange die Strategie der Zapfenbildung bei Pflanzen schon erfolgreich ist. Die historischen Exponate werden im Naturhistorischen Museum oder im Herbarium Basel aufbewahrt.
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Zapfen von vielen unterschiedlichen Arten mit genauer Beschriftung gewähren einen Einblick in die umfangreiche Sammlung Christian Knobels. DerPflanzenspezialist trug eine grosse Vielfalt an Zapfen zusammen, so etwa die kapitalen und wohlgeformten Exemplare der Grosszapfen-Kiefer aus den USA und Mexiko sowie die grössten Zapfen überhaupt, diejenigen der Zucker-Kiefer aus dem Westen Nordamerikas.
Ob Riesenzapfen oder Erlenzäpfchen, allen gemeinsam sind die regelmässigen und ästhetischen Formen. Das menschliche Auge nimmt dies als schön wahr, und so haben sich solche Muster der Natur auch in Bauwerken niedergeschlagen. Der Zapfenrundgang brachte deshalb auch die Fibonacci-Zahlen näher. Akkurat auf einem Tisch angeordnete Zapfen im Vergleich mit einem Blütenkopf einer Sonnenblume und einem Mammillaria-Kaktus demonstrierten Parallelen der Natur. Auf einer Informationstafel stand geschrieben: «Leonardo da Pisa, besser bekannt als Fibonacci (1170 – 1240), entdeckte die Fibonacci-Folge: Man beginnt mit einer 1, fügt noch eine 1 hinzu, und jede weitere Zahl entsteht als Summe der beiden vorherigen Zahlen. In der Natur tauchen Fibonacci-Zahlen erstaunlich oft auf, so wie bei Pinienzapfen: Sie besitzen meist 8 linksdrehende und 13 rechtsdrehende Spiralen.» Der Astronom Johannes Kepler (1571 – 1630) habe festgestellt, dass sich das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Fibonacci-Zahlen immer mehr dem Goldenen Schnitt annähert.
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Föhrenmuseum RamsenChristian Knobel hat es die Pflanzengattung Pinus besonders angetan. Der ehemalige Obergärtner bei Grün Stadt Schaffhausen hat aus diesem Grund eine Sammlung von Zapfen weltweit aufgebaut und ist daran, in Ramsen (SH) ein Zapfenmuseum einzurichten. Im Frühling 2026 ist die Eröffnung geplant. Kulturheustock Ramsen, Fortenbach 206,8262 Ramsen, tree-oak.ch(Besuch und Führung nach Vereinbarung).
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