Nachtquartier im Schnee
Von Iglus, Schneehöhlen und Co.: Survival Kurs im Winter
Einen guten Unterstand zu bauen, ist etwas vom Wichtigsten, wenn es ums Durchhalten in der Wildnis geht. Doch funktioniert das auch im Winter? Um das herauszufinden, stellte ich mich einem Biwak-Kurs im Schnee.
Da lag ich nun in meiner einsamen Schneehöhle und fragte mich, wie es wohl wäre, an Schnee zu ersticken. Wenn die Decke über mir zusammenbrechen würde, hätte ich wohl kaum eine Chance, zu überleben. Auch im Schlafsack drin könnte die Luft irgendwann knapp werden. Also Mund raus und sich der kalten Luft stellen. Nichts wünschte ich mir in diesem Moment sehnlicher, als zu Hause im warmen Bett zu liegen. Wie schön wir es doch haben in unseren geheizten Schlafzimmern, wo wir uns keine solchen Gedanken machen müssen. Das wurde mir erst so richtig klar, als ich das alles gegen ein winterliches Survival-Training eintauschte.
Dabei hätte mich schon der Blick auf die ellenlange Materialliste stutzig machen müssen. Eigentlich bin ich es gewohnt, draussen zu schlafen. Aber das mache ich für gewöhnlich nur an richtig warmen Tagen, wenn es draussen fast zu gemütlich ist, um die Nacht drinnen zu verbringen. Doch Biwakieren im Winter ist definitiv eine andere Sportart. Einige Dinge auf der Packliste wie die Lawinenschaufel, Schneeschuhe und eine Schlafmatte musste ich erst noch organisieren. Meinem Monster-Schlafsack vertraute ich jedoch blind. Die gross angepriesene Komfortzone bis –15 Grad sollte mich zusammen mit der warmen Schlafmatte auch im isolierten Iglu warmhalten, dachte ich.
Auf zum idealen Lagerplatz
So machte ich mich am frühen Samstagmorgen dick bepackt auf die Reise in die Winterlandschaft der Innerschweizer Bergwelt. Ich hatte mir die letzten Tage in weiser Voraussicht etwas Müdigkeit angespart, damit ich dann hoffentlich gut schlafen könnte. Trotz meiner vermeintlich guten Vorbereitung war ich nervös ob der anstehenden Reise ins Ungewisse. Als die Gruppe zusammenfand, stellte sich heraus, dass ich damit nicht allein war. Auch Heike hatte noch nie sowas gemacht. Zusätzlich war sie noch etwas geschwächt von einer Grippe, die sie über mehrere Wochen ans Bett gefesselt hatte. Max hingegen, der gross gewachsene Holländer, der in seinen Ferien gerne verrückte Dinge unternimmt, schien nichts als Vorfreude auf sein nächstes grosses Abenteuer zu verspüren. Auch Gerry, unser Guide von Naviva – Natur erleben, war in seinem Element. Trotz seines zentnerschweren Rucksacks führte er uns gut gelaunt durch die sagenhafte Winterlandschaft, um dann auf einmal stehen zu bleiben. «Wie findet man einen guten Platz zum Biwakieren?», fragte er gespannt in die Runde.
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Ich mutmasste, dass bei Lawinengefahr steile Nachbarhänge zu vermeiden waren. Gerry bejahte und stellte die nächste relevante Frage: Hat es genug Schnee? 80 Zentimeter Schneedicke seien das Minimum, um ein Iglu zu bauen. «Auch wichtig ist, die übliche Windrichtung zu beachten», so Gerry. Erstens gibt es auf der vom Wind abgewandten Seite oft mehr Schnee durch Verwehungen. Zweitens kann man beim Bauen der Nachtlager darauf achten, einen Windschutz zu integrieren. Wer noch Holz für ein Feuer sammeln will, sollte zudem die Waldgrenze im Auge behalten.
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So hatten wir schon bald unseren idealen Lagerplatz gefunden und trampelten sogleich drei Quadrate in die Ebene. Dort sollten am Nachmittag zwei Iglus sowie der dafür notwendige «Steinbruch» entstehen. Bei einer kurzen Mittagspause genossen wir das schöne Wetter in vollen Zügen. Was ich damals noch nicht wusste: Es sollen die letzten gemütlichen Momente werden für den ganzen restlichen Tag.
Bauen mit Köpfchen
Nach einer kurzen Einführung, wie man mit Lawinenschaufeln und Schneesägen Blöcke aus dem Schnee herausschneidet, legten wir los. Eine Person war mit Sägen beschäftigt, zwei klebten die Blöcke aufeinander und verputzten die undichten Stellen. Während sich bei Heike schon bald eine Sandburg-Euphorie entwickelte, kämpfte ich mit meiner Ungeduld und zwei linken Händen. Jeder Block, der nicht passte oder wegen dazwischenliegender Eisschichten auseinanderbrach, steigerte den Frust weiter.
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Da Max, der abenteuerlustige Holländer, schon einmal Iglus gebaut hatte, versuchte er sich an einer Schneehöhle. Dabei nahm er sich den steilsten Hang der Umgebung vor. Denn je stärker dessen Neigung, desto dicker und stabiler wird die Decke der Höhle. Zuerst schaufelte Max ein eineinhalb Meter tiefes Loch, um danach wieder schräg nach oben zu graben, bevor es an die Liegefläche ging. Diese Technik ist entscheidend, damit die kalte, schwere Luft im Eingang hängen bleibt und nicht in die Höhle eindringt. Die warme Luft soll in der Höhle gefangen werden und so in der Nacht Temperaturen über dem Gefrierpunkt ermöglichen.
Dieselbe Technik wendeten wir beim Eingang fürs Iglu an. Denn würde man einen Eingang mauern, wie man ihn auf so vielen schönen Stilfotos sieht, ginge der Isolationseffekt flöten. So schaufelten, sägten und bauten wir Stunde um Stunde, bis es Heike auf einmal zu viel wurde. Die noch immer etwas angeschlagene Freundin von Gerry brauchte dringend eine Pause vom strengen Schuften.
Überlebensmodus aktiviert
Es zeigte sich allmählich, dass wir zu langsam vorwärtskamen, um bei Tageslicht noch ein zweites Iglu zubauen. Deshalb entschieden wir, für mich eine Schlafhöhle neben der von Max zu graben. Das ging um einiges schneller, da ich denselben Eingang benutzen konnte. Eigentlich behagte mir der Gedanke ganz und gar nicht, mitten im Schneehang zu übernachten. Da aber der Himmel langsam die Farben der Dämmerung annahm, blieb keine Zeit, den Plan gross zu hinterfragen. So schaufelten wir kräftig weiter, um mir ein kleines Schlafgemach zu graben. Auch ein Loch für unsere abendliche Feuerstelle musste noch her. Nur, wenn man dazu bis auf den Grund buddelt, kann man das Feuer auf trockenem Untergrund entfachen.
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Nun wäre die Zeit gekommen, sich hinzusetzen und das Geschaffte zu geniessen. Doch ich konnte und wollte nicht runterfahren. Denn ich wusste, dass sich die Kälte in meinen Fingern und Zehen weiter ausbreiten würde, sobald ich mich fürs Abendessen hinsetzen würde. Nicht hilfreich waren meine durchnässten Wanderschuhe. Auch der Pullover war stellenweise nass. Im Stress hatte ich beim Graben völlig vergessen, eine schützende Windjacke drüberzuziehen. Trotz warmer Getränke und scharfer Gewürze im erstaunlich vielseitigen und leckeren Menü, die von innen wärmen sollten, begann bald mein ganzer Körper zu schlottern. Auch Heike hüpfte trotz des wärmenden Feuers umher, um nicht allzu kalt zu kriegen. Ich merkte, dass auch sie der Nacht mit Respekt entgegensah.
Wichtige innere Wärme
So schlug Gerry vor, einen kleinen Nachtspaziergang zu machen, der uns nochmals richtig aufwärmen sollte, bevor wir uns schlafen legen. «Der Schlafsack isoliert nur», meinte er. «Wenn dein Körper schon kalt ist, kann er darin nur langsam warm werden.» Das motivierte mich, den steilen Hang neben der Schneehöhle hoch- und runterzulaufen, bis mein Körper sich freute, aus der Jacke zu kommen.
Doch kaum war ich in der schweizerisch-holländischen Schneehöhle angekommen, kroch Max auch schon wieder daraus hervor. «Mir ist nicht wohl da drin», meinte er und beschloss daraufhin, seine Nacht auf unserer vertieften Schneebank zu verbringen, die wir rund ums Feuer gegraben hatten. Ich war schwer beeindruckt, dass er scheinbar keine Mühe mit der Kälte hatte, aber auch etwas verunsichert, da ich nun ganz allein in dieser abgeschotteten, schalldichten Welt unter dem Schnee liegen sollte.
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Trotzdem wollte ich es durchziehen. Der Plan war, möglichst schnell einzuschlafen und die Nacht in dieser eigentlich erstaunlich gemütlichen Höhle hinter mich zu bringen, bevor die Horrorszenarien im Kopf überhandnahmen. Die Erzählungen von Gerry, der schon ganze Wochen in solchen Höhlen geschlafen haben soll, beruhigten mich.
Doch mein Körper machte nicht mit. Kaum hatte ich ihn genügend beruhigt, um wegdösen zu können, zuckte irgendwo ein Muskel und ich war wieder hellwach. Nicht einmal die zusätzlich wärmende Bettflasche, die Gerry noch in die Höhle brachte, reichte aus. So viel zu Komfortzone –15 Grad. Mein Schlafsack taugte offensichtlich nicht für Minustemperaturen, von denen in dieser lauen Winternacht nicht viele vorhanden waren. Zum Glück gab es genau für solche Notfälle ganz in der Nähe eine SAC-Hütte, zu der mich Gerry kurz vor Mitternacht begleitete. Dort quartierte ich mich zwischen Stühlen und Bänken ein. Komfort war mir in diesem Moment aber egal. Ich genoss die Hitze im Schlafsack wie eine heisse Dusche.
Alle Sorgen vergessen
Nach ein paar Stunden Schlaf, aber zunächst wenig Lust, nochmals in die eisige Winterlandschaft einzutauchen, schlüpfte ich in meine immer noch nassen Wanderschuhe. Mit dem ersten Morgenrot, das den Himmel in zweifarbige Muster tauchte, packte mich aber wieder die Freude am Outdoor-Erlebnis. Auch war ich neugierig, wie die anderen drei die Nacht erlebt hatten. Als ich im Lager eintraf, schlief Max immer noch friedlich. Auch die anderen beiden hatten in ihrem Iglu nicht gefroren. «Mit diesem Schlafsack könnte man vermutlich auch am Nordpol übernachten», meinte Heike glücklich. Ich beschloss für mich, das Projekt Iglu noch nicht vollständig zu beerdigen und es zu einem späteren Zeitpunkt mit besserem Material vielleicht noch einmal zu versuchen. Bei näherem Betrachten meiner Schlafsackhülle begriff ich nämlich, dass die vermeintliche Komfortzone wohl eher als Überlebenszone fungierte. Für ein nächstes winterliches Abenteuer werde ich da definitiv besser darauf achten.
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Das Frühstück fiel um einiges entspannter aus als das Abendessen. War es heute Morgen wirklich so viel wärmer? Oder war schlicht die Anspannung weg? Als Gerry von weiteren Notunterkünften im Schnee erzählte, die alle stark der Variante von Max in der Grube ähnelten, hoffte ich inständig, dass ich nie in eine solche Situation kommen würde. Meine vergleichsweise kleinen Strapazen waren spätestens dann wieder vergessen, als sich die Sonne noch einmal in ganzer Pracht zeigte und uns auf dem Weg ins Tal begleitete.
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