Sie stehen auf Bergkuppen, an Flussufern oder mitten im Hochmoor: kleine Türmchen aus aufeinandergestapelten Steinen. Viele Wanderinnen und Wanderer sehen sie als harmloses Andenken, manche als Kunst, andere als spirituelles Symbol. Doch so idyllisch die Steinmännchen wirken – in der Natur sind sie ein Problem. Denn das Stapeln verändert empfindliche Lebensräume, stört Tiere und Pflanzen und bringt sogar häufig Wanderer in Gefahr.

Ursprünglich hatten Steinmännchen einen klaren Zweck: In den Alpen dienten sie als Wegmarkierungen, bevor es farbige Wanderzeichen gab. Besonders in nebligen Regionen oder über der Baumgrenze halfen sie, den Pfad zu finden. Diese traditionellen Steinmarken waren selten, aber sorgfältig gesetzt und Teil des Wegnetzes. Heute hat das Bau-Fieber vieler Freizeitwanderer eine neue Mode geschaffen: kleine Türme an jedem schönen Platz – oft Dutzende auf einmal.

Wenn die Natur zum Spielplatz wird

Das Problem: Jeder Stein, der aus dem Boden genommen wird, ist Lebensraum. Unter den flachen Steinen leben Insekten, Spinnen, Käfer, Schnecken und Moose, die auf feuchte, schattige Bedingungen angewiesen sind. Wird der Stein entfernt, trocknet der Boden aus, und das Mini-Ökosystem bricht zusammen. Auch in alpinen Bächen oder an Uferbereichen sind Steine wichtige Rückzugsorte für Larven von Eintagsfliegen oder Köcherfliegen – die Grundlage vieler Nahrungsketten.

Hinzu kommt die Erosionsgefahr: Wenn viele Steine aus Geröllhalden oder Hängen entnommen werden, kann das Gleichgewicht kippen. Kleinste Veränderungen lösen in empfindlichen Zonen Hangrutschungen oder Auswaschungen aus. Besonders in Moorgebieten oder auf kargen Alpenflächen hinterlassen unzählige Türme Spuren, die sich nicht mehr rückbilden.

Orientierungslos durch gut gemeint

Ein weiterer, oft übersehener Aspekt ist die Verwechslungsgefahr. Wer im Nebel unterwegs ist, kann unabsichtlich falschen Steinmännchen folgen und sich verirren. Offizielle Wegmarkierungen sind bewusst gesetzt und werden regelmässig kontrolliert. Selbstgebaute Türme hingegen führen oft ins Nichts.

Die Intention hinter dem Stapeln ist meist positiv: ein Zeichen der Freude, ein persönlicher Moment am Gipfel. Doch für den Naturschutz gilt: Die schönste Erinnerung ist ein Foto, nicht ein Turm aus Steinen. Wer den Drang verspürt, kreativ zu sein, kann lieber einen Astkreis legen, eine Blume betrachten oder einfach still den Ausblick geniessen.

Viele Schweizer Naturparks und Bergorganisationen appellieren mittlerweile an Wandernde, keine Steinmännchen zu bauen und bestehende nicht zu vermehren. Denn was wie ein Spiel aussieht, verändert ganze Lebensräume.