Wenn heute Kinder und Jugendliche in Kluft und Halstuch am Lagerfeuer sitzen, Knoten üben oder Wanderkarten studieren, dann stehen sie in einer über hundertjährigen Tradition. Die Pfadfinderbewegung, die weltweit rund 60 Millionen Mitglieder zählt, ist die wohl grösste Jugendorganisation der Welt – und eine, die fest mit Naturerleben und Outdoor-Abenteuern verbunden ist.

Ihre Wurzeln liegen im Grossbritannien des frühen 20. Jahrhunderts. Der britische General Robert Baden-Powell hatte im Burenkrieg in Südafrika erlebt, wie wichtig praktische Fähigkeiten wie Orientierung, Erste Hilfe oder Lagerbau waren. Zurück in England, griff er seine Erfahrungen auf und setzte sie in ein Experiment um: 1907 lud er auf Brownsea Island in Dorset 20 Jungen verschiedener Herkunft zu einem Lager ein. Was dort geschah, war neu: Märsche, Spiele, Feuermachen, Naturbeobachtung und gemeinsames Lernen verbanden Abenteuer mit Disziplin und Kameradschaft. Der Funke sprang sofort über, und die Idee begann, Kreise zu ziehen. Schon ein Jahr später veröffentlichte Baden-Powell sein Buch Scouting for Boys. Es wurde millionenfach verkauft, in zahlreiche Sprachen übersetzt und machte die Bewegung schlagartig bekannt. 1909 versammelten sich in London erstmals Hunderte junger Pfadfinder zu einem grossen Treffen, 1910 öffnete sich die Organisation auch für Mädchen. Von England aus trat die Idee ihren Siegeszug an – zunächst nach Europa und Nordamerika, bald darauf bis in die Kolonien.

Von Anfang an stand die Natur im Mittelpunkt. Lagerfeuer, Wanderungen, Nachtwachen, Knoten- und Signaltechniken waren nicht nur Unterhaltung, sondern Erziehungsmittel. «Learning by doing» lautete das Prinzip: durch eigenes Handeln lernen, Verantwortung übernehmen, sich in eine Gruppe einfügen. Outdoor-Fähigkeiten galten dabei als Symbole für Selbstständigkeit. Wer ein Zelt aufbauen oder im Freien eine Mahlzeit zubereiten konnte, bewies nicht nur praktische Geschicklichkeit, sondern auch Charakter und Durchhaltevermögen. In einer Zeit, in welcher viele Kinder in Städten aufwuchsen und kaum mehr Naturerfahrungen hatten, war das eine Antwort auf die Entfremdung von der Umwelt.

Wie die Pfadi die Schweiz eroberte

Auch in der Schweiz fasste die Bewegung früh Fuss. Schon 1912 entstanden die ersten Gruppen in Basel und Bern, 1913 wurde der Schweizerische Pfadfinderbund gegründet, 1919 folgte die Organisation der Pfadfinderinnen. 1987 schliesslich vereinigten sich beide zu den Pfadfindern und Pfadfinderinnen der Schweiz (PBS). Heute zählt der Verband rund 50 000 Mitglieder – vom «Wölfli»-Alter (Kinder ab 6 Jahren) über die klassischen Pfadis bis zu den Rover-Stufen und Leitenden. Damit ist fast jedes fünfte Schweizer Kind oder Jugendliche im Laufe seines Lebens in einer Pfadigruppe aktiv. Alle fünf Jahre findet zudem ein Bundeslager statt, das bis zu 30 000 Teilnehmende zusammenbringt – eine der grössten Jugendveranstaltungen des Landes.

Mit der Zeit musste sich das Pfadfindertum immer wieder neu erfinden. In den 1920er- und 30er-Jahren war es stark patriotisch gefärbt, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zu einem Symbol für Frieden und internationale Verständigung. Auf den grossen Jamborees, den internationalen Treffen mit zehntausenden Jugendlichen, lebt dieser Gedanke bis heute fort. Zugleich änderten sich die Inhalte: An die Stelle militärisch anmutender Übungen traten Themen wie Umweltschutz, interkulturelles Lernen und soziale Verantwortung. In der Schweiz wird ausserdem viel Wert auf Mitbestimmung gelegt. Kinder und Jugendliche entscheiden mit, welche Projekte sie umsetzen, welche Abenteuer sie wagen wollen.

Mehr als Lagerfeuer und Zelt

Trotz moderner Freizeitwelten mit Smartphones und Streamingdiensten bleibt die Faszination der Outdoor-Traditionen bestehen. Noch immer gehören Hikes, Zeltlager, Kochen über dem Feuer und das einfache Leben draussen zum Kern. Diese Erfahrungen gelten als wertvoller Ausgleich, sie bringen Kinder und Jugendliche in Kontakt mit Natur und eigenen Grenzen. Gleichzeitig achtet man stärker auf Sicherheit und Nachhaltigkeit: Feuerstellen werden bewusst gewählt, Abfall wieder mitgenommen, Lagerplätze nach dem Prinzip «Leave no trace» verlassen.

Die Pfadfinder sind längst mehr als ein Freizeitprogramm. Viele sehen sie als Schule der Demokratie: Gruppen werden basisnah geführt, Leitende übernehmen früh Verantwortung, lernen Teamarbeit und Organisation. Integration spielt eine zentrale Rolle, Pfadigruppen sind offen für Kinder aller Herkunft und werden so zu Orten, an denen kulturelle Vielfalt ganz selbstverständlich gelebt wird. Auch in sozialen Projekten engagieren sich Pfadfinderinnen und Pfadfinder, etwa in der Flüchtlingshilfe oder im lokalen Umweltschutz. Über hundert Jahre nach Baden-Powells erstem Lager hat die Bewegung nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Sie verbindet Abenteuerlust mit Gemeinschaft, Outdoor-Erlebnisse mit gesellschaftlichem Engagement. Wer heute ein Halstuch trägt, gehört zu einer weltweiten Familie, die Werte wie Hilfsbereitschaft, Respekt und Verantwortung hochhält. Werte, Gemeinschaft und das Ziel, die Welt ein Stück besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat. Ganz im Sinne von Baden-Powells berühmtem Satz: «Try and leave this world a little better than you found it.»

Wussten Sie schon … Pfadi-Edition 
Grösste Jugendbewegung der Welt: Über 60 Millionen Mitglieder in mehr als 170 Ländern.
Ein Lager, eine Stadt: Das Bundeslager 2022 im Goms VS zählte rund 30 000 Teilnehmende – so viele wie die Bevölkerung von Chur.
Pfadi-Slang: In der Schweiz gibt es eigene Begriffe wie «Wölfli» (Kinderstufe) oder «Bula» (Bundeslager).
Internationale Familie: Weltweit tragen Pfadis das Halstuch – Farben und Muster sind von Region zu Region einzigartig.
Prominente Ex-Pfadis: Bill Gates, David Beckham, Indira Gandhi, Queen Elizabeth II. und sogar Neil Armstrong waren Pfadfinder.
Erstes Lager 1907: Baden-Powell startete mit nur 20 Buben auf Brownsea Island – heute wäre das nicht einmal eine kleine Pfadigruppe.
Pfadi-Küche: Berühmt für «One-Pot-Gerichte» wie Ghackets mit Hörnli im Kessel – improvisiert, aber meist unvergesslich.
Abzeichen-Fieber: Vom Feuermachen über Erste Hilfe bis zur Astronomie – es gibt hunderte Spezialabzeichen, die erworben werden können.
Nacht ohne Zelt: Viele Stufen kennen das Ritual «BiPi-Night» – eine Nacht unter freiem Himmel nur mit Schlafsack.
Motto fürs Leben: «Allzeit bereit» oder «Be prepared» – seit 1907 das pfadfinderische Leitwort.