Claudia Gerber
Die erste weibliche Nationalpark-Wächterin der Schweiz im Interview
Der Schweizerische Nationalpark ist der älteste Europas und das Wildnisjuwel unseres Landes. Um seine unberührte Natur zu bewahren, braucht es Nationalparkwächterinnen wie Claudia Gerber.
Frau Gerber, Sie sind die erste Nationalparkwächterin der Schweiz – wie fühlt es sich an, diese Pionierrolle einzunehmen?
Das ist für mich sekundär. Primär bin ich persönlich schlichtweg dankbar, dass ich nun diese Funktion ausüben und dabei meine Erfahrungen erweitern kann. Wir sind ein gutes Team und jeder bringt seine Fähigkeiten mit ein. Persönlichkeit und Offenheit sind zentral, wie überall – die Zeit war reif.
Was hat Sie ursprünglich dazu motiviert, den Beruf der Parkwächterin zu ergreifen?
Den Beruf als Parkwächterin kann man nicht ergreifen – man kann seine Kompetenzen nur bestmöglich für die zahlreichen Aufgaben vorbereiten. Die Motivation für die Bewerbung war aber auf jeden Fall die grosse Vielfalt an Aufgaben und Tätigkeitsbereichen. Sie entsprechen so gut wie vollumfänglich meinen privaten und beruflichen Interessen.
Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften sind besonders wichtig für den Beruf der Parkwächterin?
Die Basis ist sicherlich eine gute körperliche Fitness. Natürlich auch zentral ist die Begeisterung und (wachsendes) Wissen für die Beobachtung der Natur, aber auch handwerkliches Flair und hohe Sozialkompetenz im Umgang mit Besuchern und den zahlreichen Mitarbeitern und Projekten.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Nationalpark für Sie aus – oder gibt es so etwas überhaupt?
Unser Arbeitsalltag richtet sich nach dem Verlauf der Jahreszeiten und der Witterung – ein Arbeiten nach Bedarf, vorgegeben von der Natur. In der Hochsaison, im Sommer und Herbst, liegt ein Schwerpunkt bei der Aufsicht und Information der zahlreichen Besucher. Auch laufen in der schneefreien Jahreszeit die meisten Forschungsprojekte, die wir Parkwächter in vielfältiger Weise unterstützen. Mit der Verantwortung für Sicherheit und Wegunterhalt haben wir zudem regelmässig Schaufel und Hacke auf unseren Touren dabei, vorallem bei Starkwetterereignissen. Häufig gibt es spontane Änderungen im Arbeitsplan; Flexibilität ist gefragt. Im Winter ist der Nationalpark eine Wildruhe-zone und die Wege sind für Besucher geschlossen. Dann ist es etwas ruhiger und wir haben auch mal einenArbeitstag im Büro oder in der Werkstatt.
An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?
Ein laufendes Forschungsprojekt ist beispielsweise die Beobachtung der Wasseramseln am Spöl, ihrer Vitalität, Reproduktion und allfällige Schadstoffbelastungen. Die Vogelart wird zusammen mit weiteren Arten vor, während und nach der Sanierung des mit Polychlo-rierte Biphenyle (PCB) belasteten Baches im 2026begleitend erforscht. Ein Beispiel für Dauerprojekte ist das Brutmonitoring der Bartgeier als Bestandteil der alljährlichen Aufgaben. Es startet gegen Ende Dezember, jenes der Steinadler etwas später.
Apropos Tiere: Welche Tiere begegnen Ihnen bei Ihren Rundgängen am häufigsten, und welche Sichtungen bleiben selten und besonders eindrücklich?
Praktisch auf jeder Tour trifft man auf Schalenwild, also Gämsen, je nach Ort und Jahreszeit auch auf Steinböcke und Rothirsche. Treffen wir den Rotfuchs nicht persönlich an, dann zumindest seine Fährte, Kot oder andere Spuren. Auch Eichhörnchen und zahlreiche Vogelarten, wie Tannenhäher (unser Logovogel), Meisen, Fichtenkreuzschnabel und Drosseln begleiten uns regelmässig. Steinadler und/oder Bartgeier fliegen so gut wie jeden Tag mal vorbei. Aussergewöhnlich war beispielsweise einmal eine Mauswieselfamilie auf einem Rastplatz oder der Überflug des hier seltenen Schlangenadlers.
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Welche Tierarten bereiten Ihnen aktuell am meisten Sorgen – und warum?
Der Schweizerische Nationalpark hat sich dem Prozessschutz verschrieben. Wir greifen also bei natürlichen Prozessen, die ein Individuum oder auch eine Population beeinträchtigen, nicht ein. Das heisst, wir machen höchstens indirekten Tierschutz. Problematisch wird es da, wo wir die negativen, explizit menschlichen Einflüsse nicht ausschliessen können. So zum Beispiel Nährstoffeintrag oder Umweltgifte, wie der PCB-Unfall im Spölbach. Ungewiss ist auch die Anpassungsfähigkeit der eiszeitlichen Reliktarten, wie zum Beispiel Schneehuhn oder Schneehase, gegenüber dem durch den Menschen beschleunigten Klimawandel.
Welchen Eindruck haben Sie von den Besuchern des Parks?
Besucher, vor allem die jungen Gäste, die mit viel Neugierde und Respekt der Natur begegnen und ihreErlebnisse mit nach Hause in ihren Alltag nehmen – sie bereiten viel Freude. Umgekehrt müssen wir auch immer wieder Gäste zurechtweisen oder wegen Verstössen gegen die Schutzbestimmungen büssen. Unverständnis (zum Glück selten) ist dabei ärgerlich – die strengen Regeln sind wohlbekannt und überall kommuniziert. Auf diesem kleinen Flecken Alpenlandschaft kann und soll sich der Mensch für einmal zurückhalten. Wer im Sommer gerne in Bächen badet, Velo fährt oder mit dem Hund spazieren gehen will, hat unzählige wunderschöne Alternativen in der Region rund um den Nationalpark.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich für eine Karriere im Naturschutz interessieren?
Begeisterungsfähigkeit, Wissensdurst und Hartnäckigkeit. Für eine erfolgreiche Umsetzung von (Naturschutz-)Projekten ist die genaue Kenntnis zum Beispiel einer Art, eines Lebensraums, beziehungsweise der Bedürfnisse der Natur, aber auch der menschlichen Nutzungen, unabdingbar. Die Kunst ist stets, einen gangbaren Weg für alle Betroffenen zu finden. Gerade bei bestehenden menschlichen Ansprüchen sind attraktive, nachhaltige Alternativen und gute, zielgruppengerechte Argumente gefragt.
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