Egal, ob Shampoo, Tomaten, Käse oder Schrauben – fast alles, was wir kaufen, steckt in einer Verpackung. Sie ist so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen. Dabei will niemand noch mehr Müll. «Die beste Verpackung ist die, die es nicht braucht», sagt auch Andreas Zopfi, Geschäftsführer des Schweizerischen Verpackungsinstituts (SVI). Kaum ein Satz bringt die Sehnsucht nach einer müllfreien Welt so prägnant auf den Punkt – und kaum einer steht in einem grösseren Widerspruch zum Alltag. «Manchmal ist keine Verpackung halt die schlechtere Option.»

Verpackungen schützen, was wertvoll ist, machen Produkte transportierbar, beeinflussen, was wir kaufen. «Grundsätzlich hat die Verpackung drei Funktionen zu erfüllen», so Zopfi. «Die wichtigste ist die Schutzfunktion – Schutz des Füllgutes, aber auch Schutz der Umwelt oder des Konsumenten.» Die Schutzfunktion ist zentral – ohne sie würden viele Produkte gar nicht heil oder hygienisch beim Kunden ankommen. Verpackungen halten Lebensmittel frisch, schützen Medikamente vor Licht und Feuchtigkeit und verhindern, dass Chemikalien austreten. Sie tragen damit unmittelbar zur Produktsicherheit bei. In der Schweiz ist dieser Aspekt sogar gesetzlich verankert: Verpackungen müssen so beschaffen sein, dass sie keine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. «Dazu kommen zwei weitere Funktionen: Transportfähigkeit und Marketingfunktion», erklärt Zopfi. «Ob Paletten mit Joghurtbechern oder Medikamentenschachteln im Spital – die richtige Form und Stabilität entscheiden darüber, ob Waren heil ankommen.» Schliesslich spielt die Verpackung auch im Marketing eine Schlüsselrolle: Farben, Formen und Materialien beeinflussen den Kaufentscheid erheblich. «Rund 70 Prozent der Erstkäufe erfolgen laut Studien über die Verpackung, weil Konsumenten das Produkt noch nicht kennen und sich am Erscheinungsbild orientieren.»

Gurken in Folie und Käse im Kühlregal

Die eingeschweisste Gurke gilt bei vielen allerdings als Symbol für Überverpackung – neun Gramm Plastik für ein Gemüse, das doch «auch so» hält? Was auf den ersten Blick unsinnig wirkt, entpuppt sich laut Zopfi bei genauerem Hinsehen als Beispiel für funktionalen Umweltschutz. «Die Gurke besteht aus 96 Prozent Wasser. Hier gilt es, über die Verpackung zu verhindern, dass das Wasser aus der Gurke entweicht. Mit 9 Gramm Kunststoffumhüllung kann ich der Gurke ein Leben bis zu 14 Tagen geben – das ist etwa viermal so lang wie unverpackt.»

Ohne Verpackung verliert die Gurke rasch an Gewicht, Konsistenz und Verkaufsfähigkeit. Dank der Hülle bleibt sie länger frisch, was bedeutet: weniger Verderb, weniger Abfall, weniger CO2. Zopfi wundert sich deshalb: «Ich verstehe oft nicht, warum es ein Bashing gegen Verpackung gibt, wenn die Verpackung so einen sensationellen Dienst erweist.» Ein zweites Beispiel liefert der Käse im Kühlregal. «An der Frischtheke, wo die Ware offen liegt, muss rund 5 Prozent der Käsemenge entsorgt werden – zu trocken, zu alt, zu unansehnlich. Verpackt sinkt dieser Anteil auf nur 0,14 Prozent.»

Auch das Bundesamt für Umwelt (BAFU) betont in seinen Unterlagen, dass Verpackungen über ihren gesamten Lebensweg möglichst geringe Umweltbelastungen verursachen sollen – doch sie tragen gleichzeitig dazu bei, den Lebensmittelverlust zu senken. Die Schweiz verfolgt diesen Ansatz aktiv: Im Aktionsplan gegen Food Waste werden Verpackungen ausdrücklich als Teil der Lösung genannt, nicht als Teil des Problems. Eine klug gewählte Hülle kann mehr Umweltbelastung verhindern, als sie selbst verursacht.

Schon gewusst?Luft statt Müll: Bei Chips oder Snacks ist die Luft im Beutel kein Trick, sondern Schutzgas. Sie bewahrt das Produkt vor Bruch und chemischer Veränderung – und reduziert Food Waste.

Luft in Tüten und leere Räume im Regal

Doch nicht jede Verpackung erfüllt ihren Zweck gleich sinnvoll. Besonders im Kosmetikbereich sieht Zopfi Verbesserungsbedarf: «Viele Cremes, Lotionen oder Seren werden in aufwendig gestaltete Kartons gesteckt, oft mit einem zweiten Inlay oder noch einer Folie drumherum – das ist reine Optik.» Hier seien die Hersteller gefordert, ehrlicher und effizienter zu werden.

Anders sieht es bei Snacks- und Chips-Tüten aus. Was nach luftigem Marketing aussieht, hat oft eine physikalische Begründung. «Die Luft in den Verpackungen ist Schutzgas. Es verhindert, dass die Chips beim Transport zerbrechen oder durch Feuchtigkeit matschig werden», erklärt Zopfi. «Würde man die Beutel komplett füllen, wäre die Hälfte der Chips schon auf dem Weg ins Regal nichts als Krümel.»

Die Kehrseite der Medaille

So hilfreich Verpackungen für Haltbarkeit und Hygiene sind – sie haben auch eine Schattenseite. Nach dem Gebrauch werden sie zu Abfall, und das in gewaltigen Mengen. In der Schweiz fallen jedes Jahr rund 790000 Tonnen Kunststoffabfälle an, wie die Studie «Kunststoffflüsse der Schweiz» zeigt. Der grösste Anteil davon – über 350000 Tonnen – entfällt allein auf Verpackungen. Das meiste landet in der Kehrichtverbrennungsanlage oder wird als minderwertiger Kunststoff weiterverwertet. Nur ein kleiner Anteil wird als Rezyklat wieder in den Kreislauf gebracht. Diese niedrige Recyclingquote hat mehrere Ursachen. Zum einen fehlt vielerorts die Infrastruktur für eine flächendeckende Sammlung, zum anderen bestehen viele Verpackungen aus Verbundmaterialien, also aus mehreren Schichten verschiedener Kunststoffe oder mit Aluminium kombiniert. Sie lassen sich kaum trennen und daher schlecht recyceln.

Die Verpackungsbranche arbeite längst an Verbesserungen. «Wir setzen auf clevere Verpackungen – möglichst wenig Materialeinsatz bei maximaler Wirkung.» Ein Schlüsselbegriff dabei ist Monomaterial – Verpackungen, die nur aus einem Kunststoff bestehen und dadurch leichter recycelt werden können. «Vieles davon bleibt für Konsumenten unsichtbar, aber es passiert enorm viel hinter den Kulissen», versichert Zopfi.

«Kunststoff ist nicht per se der Teufel»

Wenn Zopfi über Verpackungen spricht, spürt man, dass er beides kennt – die Kritik und die Realität. «Die Kleidung, die ich heute trage – ich wäre nackt, wenn Kunststoff nicht vorhanden wäre», sagt er mit einem Schmunzeln. Kunststoffe seien zweifellos fossilbasiert, aber zugleich leicht, haltbar, formbar – und in vielen Bereichen schlicht unersetzlich. Ein Totalverbot hält er für ebenso unrealistisch wie kontraproduktiv. «Die Konsumenten denken meist: nachwachsend gleich nachhaltig. Es ist aber nicht so.»

Als Beispiel nennt er Papiertüten: Um die gleiche Ökobilanz wie die eines einzigen Plastiksacks zu erreichen, müsste man 43 Papiertüten verwenden. Der Grund: Papier benötigt mehr Energie und Wasser in der Herstellung und ist bei Nässe weniger robust – was oft zu Mehrverbrauch führt. «Entscheidend ist immer die gesamte Ökobilanz – vom Rohstoff über den Transport bis zur Entsorgung», betont Zopfi. Das BAFU bestätigt in seinen Berichten, dass alternative Materialien wie biobasierte Kunststoffe nicht automatisch ökologisch vorteilhafter sind.

Wege zur nachhaltigeren Verpackung

Studien des BAFU weisen zudem darauf hin, dass die Verpackung meist nur 1 bis 10 Prozent der gesamten Umweltbelastung eines Produkts ausmacht – der Inhalt jedoch über 90 Prozent. Oder, wie es Zopfi formuliert: «Clever ist möglichst wenig Materialeinsatz, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen.» Verpackungen haben für ihn dann ihre Berechtigung, wenn sie ihren Zweck erfüllen – nämlich das zu bewahren, was wirklich zählt: den Inhalt. In diesem Rahmen rücken Mehrwegverpackungen wieder in den Fokus. «Ein generelles Verbot von Einwegverpackungen wäre dennoch falsch. Es gibt Bereiche – etwa sterile Medizinprodukte oder Pharmazie –, da ist Einweg unverzichtbar.» Verpackungslösungen müssten daher immer produktspezifisch gedacht werden.

Ein weiterer Trend, der laut Zopfi die Zukunft prägt, ist der Onlinehandel. «Der Onlineversand braucht keine lauten, glänzenden Verkaufsverpackungen mehr, sondern stabile, funktionale Versandlösungen», erklärt Zopfi. «Das heisst: weniger Farbe, weniger Material, weniger Marketing – dafür mehr Effizienz.» Künftig, so glaubt er, werden viele Produkte schlichter und ressourcenschonender verpackt sein. «Wer mit einem Produkt zufrieden ist, wird es erneut kaufen, selbst wenn es nur in einer weissen Tüte geliefert wird.»

Verpackung mitdenkenGreif zu Produkten mit klar erkennbarer Recyclinglösung – etwa Glasflaschen, Karton oder Monomaterial-Verpackungen. Je einfacher trennbar, desto besser.