Natürliche Regeneration
Fastenwandern für Anfänger: 5 Tipps für den perfekten Einstieg
Mit leerem Magen über Stock und Stein? Was auf den ersten Blick nach Selbstkasteiung aussieht, führt – so schwärmen Fastenwanderer – zu mehr Leichtigkeit und einem erweiterten Bewusstsein. Eine Tour d’Horizon.
Schon Hippokrates, der berühmteste Arzt aller Zeiten, war sich sicher: «Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mässig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente.» Eine Aussage, mit der Beat Bachmann zu 100 Prozent übereinstimmt. Das war nicht immer so: Der 46-jährige Geschäftsführer des Kurhauses St. Otmar im luzernischen Weggis bezeichnet sich als ehemaligen Skeptiker. Zu sehr fürchtete er Leistungseinbussen bei Wettkämpfen, an denen er als ambitionierter Marathonläufer regelmässig teilnimmt. Dennoch stürzte er sich vor über zwölf Jahren erstmals in dieses Experiment und geriet nach einem einwöchigen Nahrungsverzicht mit anschliessender Aufbauwoche ins Staunen: Er legte den Engadiner Skimarathon mit neuer Rekordzeit zurück, fühlte sich energiegeladen und topfit. Als er das Ganze mit gleichem Ausgang wenig später wiederholte, wurde aus dem Skeptiker ein bekennender Fan, der bis dato 15 Fastenkuren hinter sich hat. Das Fasten ist für den Vater zweier Kinder mittlerweile zu einer unverzichtbaren Routine geworden; bis zu zweimal jährlich nimmt er eine Auszeit, «um bewusst dem Leben zu begegnen.»
«Durchs Fasten werde ich ruhiger und nehme mich selbst und die Natur intensiver wahr», bilanziert der einstige Lebensmittelingenieur, der seit 2011 das Kurhaus, zusammen mit seiner Frau, in dritter Generation führt und hier auch als Masseur, Colon-Hydro-Therapeut und Wanderleiter wirkt. Fasten und Wandern sei eine ideale Kombination, nicht nur der Kulisse rund um den Vierwaldstättersee wegen: «Die Bewegung an der frischen Luft stärkt Lunge und Kreislauf und hilft dem Körper, sich zu reinigen und zu regenerieren.»
Wunderwerk Körper
Was wir inmitten unserer prallvollen Küchen- und Kühlschränke heute zu vergessen neigen: Der menschliche Körper kann im Nu auf die im Körper eingelagerten Reserven zurückgreifen und lange ohne Kalorienzufuhr überleben. Dabei verbrennt er anstelle der mit der Nahrung zugeführten Glukose hauptsächlich Fett und Ketonkörper, was zahlreiche gesundheitliche Vorteile mit sich bringt: Nicht nur das Bauchfett schmilzt, auch das Körpergewicht sinkt insgesamt, der Lipid- und Glukosestoffwechsel verbessert sich, Entzündungen klingen ab.
Auch Tiere sind Profis im Fasten: Zugvögel können auf ihrem Flug über die Meere bis zu zwei Wochen auf Nahrung verzichten, der Kaiserpinguin überlebt bis zu fünf Monate ohne Essen. Ganz zu schweigen von Igeln, Schildkröten oder Siebenschläfern, die im Winter die Nahrungsaufnahme quasi verschlafen. Der Blick in die Tierwelt macht klar: Nahrungskarenz ist Teil des natürlichen Rhythmus und vermag – so zeigen es Experimente an Mäusen und Fadenwürmern – sogar, das Leben zu verlängern. Doch die Beweislage, dass dieses Zellreparaturprogramm während des Fastens, die sogenannte Autophagie, auch beim Menschen für einige Extrajahre sorgt, ist derzeit noch dünn.
Dennoch: Beat Baumann ist überzeugt, dass Fasten viele gesundheitliche und mentale Benefits mit sich bringt. «Die Motive unserer Gäste für eine Fastenkur sind so unterschiedlich wie die Menschen und ihr Gesundheitszustand.» Da sind Gesunde, die sich eine Auszeit vom stressigen Alltag nehmen, solche mit rheumatoider Arthritis, Übergewicht, Verdauungsproblemen oder jene, die ihre Ernährung umkrempeln möchten. Auffallend: «Lange bestand unsere Klientel vor allem aus über 45-jährigen Frauen, heute interessieren sich auch Jüngere und immer mehr Männer fürs Fasten», stellt der Luzerner Fastenexperte fest, der Gäste aus ganz Europa begleitet.
Mit Tee, Bouillon, Honig und Zitrone im Rucksack legt der passionierte Outdoor-Sportler mit Kleingruppen à sieben Personen rund zehn Kilometer pro Tag zurück – bei jedem Wetter notabene. Einziges Equipment: Gute Wanderschuhe. «Wichtig ist es, zu Beginn der Woche nicht zu schnell unterwegs zu sein und, wo nötig, Pausen einzulegen», empfiehlt der Wanderleiter. Das Unterwegssein in der Gruppe helfe, sich abzulenken und schweisse zusammen. Die Natur, die Berge und die imposante Entourage rund um den Vierwaldstättersee lassen das Thema Essen komplett aussen vor, könnte man meinen. Doch der Eindruck täuscht: «Über nichts wird auf unseren Wanderungen mehr diskutiert und philosophiert als über Kochprojekte und die Menüplanung nach der Fastenkur», sagt Bachmann lachend.
DAS A UND O DES FASTENS
Fasten ist eine grosse Umstellung für den Körper.
Fünf Tipps, damit es mit dem Nahrungsverzicht klappt:
1. Auszeit planen
Es empfiehlt sich, unmittelbar vor und während der Fastenepisode freizunehmen, denn Fasten hat viel mit Entschleunigung zu tun. Wer nicht mehrere Tage am Stück Ferien beziehen kann, startet mit der Arbeit am besten am vierten Fastentag. Dann hat sich der Körper bereits an den Nahrungsentzug gewöhnt.
2. Passende Fastenart suchen
Es gibt unzählige Formen des Fastens. Sie unterscheiden sich in der Dauer, die von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Wochen reichen kann, und der Frequenz, mit der das Fasten wiederholt wird. Bei manchen Varianten wird gänzlich auf die Zufuhr von Energie verzichtet, andere erlauben einen minimalen Konsum von Fastenbrühe und Saft.
3. Mit Entlastungstag beginnen
Der Körper sollte mit zwei bis drei Umstellungstagen auf das Fasten eingestellt werden. Leicht verdauliche Speisen wie pürierte Suppen, gedünstetes Gemüse sowie Reis- und Kartoffelgerichte stellen einen optimalen Einstieg für das eigentliche Fasten dar.
4. Viel Bewegung
Sanfte Bewegung während des Fastens verhindert den Abbau von Muskelmasse, beugt Kreislaufproblemen vor, fördert die Ausscheidung von Stoffwechselabfallprodukten und hält das Lymphgefässsystem in Schwung. Intensive Belastungseinheiten und Extremsport sollten vermieden werden.
5. Sanfter Wiedereinstieg
Nach dem Fasten muss sich der Körper langsam wieder an feste Nahrung gewöhnen. Die Aufnahme der ersten festen Nahrung wird als Fastenbrechen bezeichnet und beginnt meist mit einem Apfel. Die Anzahl der Aufbautage orientiert sich an der Fastendauer.
Ungebrochener RekordAngus Barbieri, ein stark übergewichtiger Schotte, nahm im Jahr 1965 während 382 Tagen nur Flüssigkeiten und Multivitaminpräparate zu sich und brachte seine Pfunde so zum Purzeln. Sein Rekord ist bis heute ungebrochen, eine Nachahmung jedoch nicht zu empfehlen. Medizinerinnen und Mediziner gehen davon aus, dass ein Mensch bis zu zwölf Wochen ohne Nahrung überleben kann, wobei Grösse und Gewicht und der allgemeine Gesundheitszustand dabei eine entscheidende Rolle spielen.
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