Katzen und Hunde sind die beliebtesten Tiere in unseren eigenen vier Wänden, Steinböcke, Gämsen und Rothirsche laut Schweiz Tourismus die Nummer-1-Wildtiere und weltweit – so vermelden es Suchmaschinen – stehen Tiger, Flusspferde, Pandas, Elefanten und Löwen hoch in der Gunst. Kein Grund für Jasmin Schreiber, den «Mainstream-Tieren» noch mehr Platz einzuräumen. Sie setzt mit ihrem Neuling «Im Schatten der Giganten» den Hebel bewusst anders an und zeigt auf 175 Seiten, was auf unserem Planeten kreucht und fleucht. Dabei macht sie aus ihrer Zuneigung für Winzlinge keinen Hehl, ihnen widmet sie gar das gesamte Buch: «Für alle kleinen Tiere, die einfach nur ihr Leben leben wollten, dann aber erschlagen, zertreten oder zerquetscht werden – nur, weil sie anders aussehen als ein Hund oder eine Katze.»

Doch schön der Reihe nach: Jasmin Schreiber nimmt uns mit an den Anfang aller Dinge, als klein Jasmin das Puppenhaus kurzum zu einem Tierspital umfunktionierte und dort ausgetrocknete Würmer und andere, teils noch lebendige Trouvaillen ihrer Feld- und Wiesenstreifzüge zu kurieren versuchte. Trotz moderatem Erfolg ist Schreiber seither Feuer und Flamme für diese kleinen Kreaturen. Während viele Kommilitonen sich während des Biologiestudiums auf Genetik oder «charismatische» Tiergruppen spezialisierten, tauchte sie weiter ins Reich der Insekten und anderen Wirbellosen ein. Und auch jenseits der Hörsäle wuchs ihre Passion für das vermeintlich Unspektakuläre: «Mein Blick bleibt einfach immer an den Moosen am Boden, den Asseln im Totholz und den Laufkäfern auf dem sandigen Boden hängen. Ein Reh könnte zwei Meter neben mir stehen, ich würde es nicht mitbekommen.» Doch es geht ihr auch darum, die Stimme für diese unscheinbaren Wesen zu erheben und aufzuklären: «Wenn wir lernen, auf das Kleine zu schauen und seine Bedeutung zu würdigen, erwächst daraus nicht nur Begeisterung, sondern auch ein Bewusstsein dafür, wie viel Verantwortung wir für diese bunte Gemeinschaft tragen», schreibt sie.

Gewusst wie

Die Autorin lässt die Lesenden an ihren zahlreichen Streifzügen durch die Natur teilhaben – ausgestattet mit lichtstarkem Makroobjektiv und ihrem siebten Sinn für Leben unter Steinen, in Pfützen und auf Blüten. Und sie findet es tatsächlich auch, wie die zahlreichen Fotografien zum Text belegen. Ob das lauernde Asseljäger-Männchen, der schillernde Hain-Laufkäfer oder der schwarze Schneckenjäger: Jasmin Schreiber erklärt, wie es gelingt, unter Steinen trotz Dunkelheit, Feuchtigkeit und wenig Platz zu überleben. Besondere Erwähnung findet etwa der Springschwanz, der «zu den kleinsten und vielleicht niedlichsten Bewohnern» unter den Steinen gehört. Er spielt eine entscheidende Rolle im Ökosystem: Dadurch, dass er Pilz- und Pflanzenreste verwertet, leistet der Springschwanz einen wichtigen Beitrag zur Humusbildung und sorgt für Sauberkeit. Auch knackt die Biologin das Überlebensgeheimnis der Staphyliniden – den Kurzflüglern, die in Nestern von Ameisen oder Termiten leben: Mit ihren speziellen Drüsen sondern sie Duftstoffe ab, die jene ihrer Wirtstiere imitieren. «So umgehen sie die aggressive Abwehrreaktion und werden als Teil der Kolonie toleriert», erklärt Jasmin Schreiber. Doch damit nicht genug: Die Staphyliniden imitieren sogar Verhalten und Körpersprache der Wirtstiere, damit sie im fremden Nest überleben.

Die Autorin mehrerer Bestseller räumt aber auch mit falschen Vorstellungen auf: So hat der Ohrwurm weder etwas mit einem Wurm gemeinsam noch kriecht er in menschliche Ohren. Mittelalterlichen Mythen setzt sie neuste wissenschaftliche Erkenntnisse und präzise Beobachtungen gegenüber und fördert auch Erstaunliches zutage: Ohrwurm-Weibchen betreiben eine Brutpflege, wie wir sie von Vögeln her kennen: Sie kümmern sich um die Nachkommen, bringen ihnen Nahrung in die Bruthöhle und füttern sie sogar.

Von wegen tot

Ein grosses Kapitel ist dem Leben im Totholz gewidmet. Jasmin Schreiber führt mit Bildern und Fakten durch dieses wimmelnde Biotop im vermeintlich toten Lebensraum. Auch Moose und Flechten fängt sie mit der Kamera ein, wachsen sie doch dort, «wo andere längst aufgegeben haben.» Anhand der Flechte verdeutlicht sie, wie wichtig Symbiosen zwischen verschiedenen Organismen sind. «In Flechten», so verrät die Biologin, «stecken oft zwei oder mehrere Pilzarten, aber auch eine reiche Gemeinschaft an Bakterien.» Das dürfte das Geheimnis ihrer ungeheuren Widerstandsfähigkeit sein. Ob eisige Tundra oder heisse Wüste: Flechten können in solch extremen Lebensräumen überleben. Und auch der Mensch profitiert von diesen faszinierenden Doppelwesen: Aus Krustenflechten lässt sich Lackmus gewinnen, das als pH-Indikator dient, eine andere Flechte – das Islandmoos – leistet gute Dienste bei Atemwegserkrankungen.

Ob Jägerinnen auf acht Beinen, Käfer im Liebesrausch, Wildbienen oder Blattläuse: «Im Schatten der Giganten» schärft einerseits den Blick für das pralle Leben in Mikrohabitaten, an denen wir häufig achtlos vorbeiziehen. Aber es ist auch ein Appell, sich der Rolle dieser kleinsten Lebewesen bewusst zu werden, sind sie doch das Fundament unserer Ökosysteme. «Ohne sie würde die Natur nicht funktionieren und auch wir wären nicht da, wo wir heute sind», bilanziert Jasmin Schreiber. [IMG 2]

Im Schatten von Giganten
Jasmin Schreiber
176 Seiten, Hardcover
Kosmos-Verlag
ISBN 978-3-440-17987-1