Ambitionierte Berggänger entscheiden sich für den rund zweistündigen Fussweg ab Weggis, gemütlichere Zeitgenossen für die Anfahrt mit der historischen Zahnradbahn bis zur Station Romiti-Felsentor und die zehnminütige Abwärtsstrecke mit atemberaubender Aussicht, welche zum Felsentor führt. Die charakteristische Nagelfluh-Formation, die den Eingang zur gleichnamigen Stiftung markiert, hat etwas Mystisch-Surreales. Hier haben der Zen-Priester Vanja Palmers und der Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast in einem ehemaligen Hotel der Gemeinde Weggis im Jahr 1999 die Stiftung Felsentor ins Leben gerufen. Es sollte ein Ort der Begegnung werden; mit anderen Menschen, Tieren, der Natur, aber auch mit sich selbst und «mit dem grossen Geheimnis, welches viele und keinen Namen hat», so die Intention der Gründer.

Glücksschwein statt Spanferkel

Heute gehören zum spirituellen Zentrum ein Seminarhaus, eine japanische Meditationshalle, ein lauschiges Gartencafé für Wanderer, ein Bio-Bauernhof und seit 2005 eine Tierschutzstelle. Hier kommen Tiere unter, die Gevatter Tod schon verdächtig tief in die Augen geblickt haben. Wie Anton. Er wurde einem Paar zur Hochzeit überreicht. Doch statt ihn am Spiess schmoren zu lassen, bis die Haut golden und knusprig ist, liessen die Frischvermählten Gnade walten und suchten für ihn via Inserat eine neue Bleibe. Für die namenlose Kreatur aus einem Mastbetrieb begann hoch über dem Vierwaldstättersee ein neues Leben: mit viel Frischluft und ebenso viel Fürsorge. Trotz ausgeprägter Hinterbeinschwäche, wie sie Mastschweinen eigen ist, und damit einhergehender Gangunsicherheit schien Anton – wie er hier oben liebevoll genannt wurde – seine Freiheit in vollen Zügen zu geniessen und eroberte mit seinen schwarzen Äuglein manch ein Herz. Ob Wanderer, Freiwillige, die bei der Stiftung Felsentor während mehrerer Wochen mit anpacken, oder Seminarteilnehmende: Sein Schicksal liess niemanden kalt. Nach 14 Jahren starb er schliesslich als uraltes Schwein.

Auch Nandi ist eine Legende. Der Stier büxte zweimal aus einem Zuger Schlachthof aus und versteckte sich vor seinen Verfolgern in Kuhherden. Dank der medialen Berichterstattung über seine lebenshungrigen Aktionen und der Anteilnahme der Bevölkerung wurde auch für ihn im Felsentor nach einem Plätzchen bzw. einer Alternative zum Bolzenschuss gesucht. Bemerkenswert: Trotz seiner stattlichen Statur und dem neuen Setting behielt er die Angewohnheit, sich unter Kühen zu verstecken, auch auf 1100 Meter ü. M. bei. Fast jedes Tier, das auf der Rigi ein zweites Leben geschenkt bekommt, blickt auf eine leidvolle, teils verstörende Vergangenheit zurück. Derzeit besteht die tierische Crew im Felsentor aus fünf Schafen, vier Geissen, vier Minipigs, fünf Laufenten, 18 Legehennen, einem Hund und acht Katzen. Seit Mai 2022 leitet Jessica Antusch die Tierschutzstelle und hat damit Schwester Theresia abgelöst, die sich nach zwanzigjährigem Engagement altershalber auf andere Aufgaben wie die Vernetzung und das Spendensammeln konzentriert.

Trotz beinharter Arbeit in und um die Ställe ist Jessica Antusch zutiefst überzeugt, dass sich die Mühe lohnt: «Einige Tiere kommen in einem Zustand an, der mir manchmal die Tränen in die Augen treibt. Bei uns blühen sie schnell wieder auf.» In der Tierschutzstelle werden die namenlosen Geschöpfe, deren Tage bis zur Schlachtung gezählt waren, aufgepäppelt, bis sie zu Kräften kommen. Sie erhalten Futter, Zuwendung, ein Dach über dem Kopf und einen Namen. Doch nicht alle schaffen es, manchmal heisst es auch Abschied nehmen von einem Tier, dessen Kräfte nicht ausreichen, um ein neues, fröhlicheres Kapitel anzutreten. Den Verantwortlichen ist bewusst, dass ihr Engagement lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein ist in einem Land, in dem pro Jahr und Kopf rund 50 Kilogramm Fleisch verzehrt werden. Dennoch: «Für jedes einzelne Tier zahlt sich unser Einsatz aus», findet Jessica Antusch, die sich seit ihrem Stellenantritt im Felsentor vegan ernährt.

Neue Perspektiven

Obwohl die Tiere in diesem kleinen Paradies oberhalb des Vierwaldstättersees einfach sein dürfen und keine Hochleistungen in Form von Eiern legen oder Kilos anhäufen mehr vollbringen müssen, sind sie für ihre menschlichen Gegenüber weit mehr als eine reine Augenweide. «Es geschehen Dinge, die kaum in Worte zu fassen sind», sagt Barbara Michel, die zusammen mit Jessica Antusch und Hannes Schicker zweimal jährlich in der Stiftung Felsentor ein einwöchiges «MediTier»-Seminar leitet.

«In uns allen steckt eine tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit mit Menschen und Tieren», führt die Zen-Priesterin weiter aus, die seit über 20 Jahren diese buddhistische Lehre praktiziert und am Felsentor ordiniert wurde. «Wenn wir mit den Tieren in Kontakt treten, wird uns diese Sehnsucht bewusst. Wir erhalten dann die Chance, mystisch-spirituelle Erfahrungen zu machen», sind sich die drei Kursleitenden einig. Viele Teilnehmende berichteten nach einer solch intensiven Woche mit Rezitationen, Meditationen und Arbeit in der Natur, dass sie tief berührt und innerlich zur Ruhe gekommen seien. Die einen erleben solche Aha-Momente, wenn sie still auf der Weide sitzen und ein Tier ihre Nähe sucht, andere, wenn sie dessen Atem bewusst wahrnehmen oder draussen körperlich aktiv sind. «Wir sind alle miteinander verbunden», sagt Barbara Michel und fügt im gleichen Atemzug das Mantra an, welches in der Stiftung Felsentor seit der Gründung hochgehalten wird: «Mögen alle Wesen glücklich sein.»

Zu sich kommen

«Meist werden Tiere aus der spirituellen Praxis ausgeschlossen», gibt Barbara Michel zu bedenken. In der Stiftung Felsentor sei es gerade andersrum: Hier sind sie nicht nur in den Statuten explizit vorgesehen, sondern auch fester Bestandteil der täglichen spirituellen Praxis. «Tiere leben komplett im Hier und Jetzt und zeigen uns, wie wir zu uns kommen können», sinniert Landwirt Hannes Schicker, der die Alp der Stiftung führt. Viele Tiere suchten von sich aus den Kontakt zu den Menschen, wenn diese auf der Weide am Meditieren seien. «Oft scheinen die Tiere gerade jene auszuwählen, die solchen Begegnungen eher mit zwiespältigen Gefühlen entgegensehen», so seine Beobachtung während der MediTier-Seminare.

«Unsere Gäste sind oft auch ergriffen darüber, wie viel Individualität in einem Nutztier steckt», fügt Barbara Michel an. Bei einigen hat dies zur Folge, dass sie ihren Eier- oder Fleischkonsum überdenken, nicht zuletzt auch dank der veganen Kost im Seminarbetrieb, die optisch und geschmacklich in der obersten Liga mitspielt. Einzige Ausnahme auf dem veganen Menüplan bildet das sonntägliche Frühstücksei aus dem «Altersheim» der Felsentor-Hennen – auch sie wurden vor dem Beil gerettet, legen aber munter weiter – welches die Gäste am Ende eines Seminars serviert bekommen.