Katzen sind eigenwillige Wesen, das weiss jeder, der mit einer zusammenlebt. Sie haben ihre festen Rituale, ihre Lieblingsplätze und ganz spezielle Vorlieben. Doch manche treiben es auf die Spitze: Sie schleppen Socken durch die Wohnung, klauen Haarbänder aus dem Bad oder stibitzen Unterwäsche aus dem Wäschekorb. Besonders BHs scheinen es gewissen Katzen angetan zu haben. Was auf den ersten Blick lustig oder seltsam wirkt, hat von Jagdinstinkt über Beuteverhalten bis hin zu sozialem Spiel mehrere mögliche Erklärungen.

Kleine Räuber mit grossem Jagdtrieb

Auch wenn unsere Hauskatzen bequem auf dem Sofa liegen, tragen sie das Erbe ihrer wilden Vorfahren in sich. Alles, was sich bewegt oder irgendwie interessant riecht, kann zur vermeintlichen Beute werden. Ein BH mit seinen Trägern und elastischen Bändern erinnert in Form und Bewegung an eine kleine Schlange oder ein sich windendes Tier. Nimmt die Katze ihn in die Pfoten oder ins Maul, erlebt sie einen Moment des Jagderfolgs – ganz ohne echten Kampf. Viele Halterinnen berichten, dass ihre Katzen die «Beute» stolz präsentieren oder an einen festen Ort tragen, ähnlich wie eine Wildkatze ihre Maus ins Nest bringt.

Neben der spielerischen Komponente spielt der Geruch eine grosse Rolle. Katzen orientieren sich stark über Duftstoffe. Ein Kleidungsstück, das nach dem vertrauten Menschen riecht, wirkt beruhigend. Indem die Katze ein solches Stück an sich nimmt, markiert sie es zugleich mit ihrem eigenen Geruch. Dieses Verhalten ist eine Form sozialer Bindung: Die Katze vermischt die Düfte, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken – eine Art «Du gehörst zu mir»-Geste. Wenn also der BH plötzlich unter dem Sofa auftaucht, ist das womöglich ein Liebesbeweis.

Doch nicht immer ist das Verhalten harmlos. Manche Katzen entwickeln eine regelrechte Sammelleidenschaft, die mit Stress oder Unsicherheit zusammenhängen kann. Verwaiste Handaufzuchten, zu früh von der Mutter getrennte Tiere oder Katzen mit Langeweile neigen eher zu sogenanntem «oralem Ersatzverhalten». Sie tragen Stoffstücke umher, saugen daran oder verstecken sie. Tierverhaltensforscher vermuten, dass dies an frühkindliches Saugverhalten erinnert – ein Versuch, sich selbst zu beruhigen. In extremen Fällen sprechen Fachleute von «Fell- oder Textilsucht», vergleichbar mit zwanghaftem Verhalten beim Menschen. Verhaltensbiologen der Universität Exeter sammelten Berichte von Katzenhaltern über das sogenannte «Object Carrying». Besonders häufig tauchten Kleidungsstücke, Haargummis und kleine Spielzeuge auf. Die Forschenden kamen zum Schluss, dass es meist eine Mischung aus Beute- und Sozialverhalten ist.

Interessant: Katzen, die draussen jagen dürfen, zeigen dieses Verhalten deutlich seltener, offenbar stillt die echte Jagd den inneren Trieb. Wohnungskatzen hingegen suchen sich Ersatzobjekte.

Zwischen Spiel und Stress

In den meisten Fällen ist das Kleptomanieverhalten harmlos und sogar amüsant. Wer dennoch verhindern möchte, dass der Lieblings-BH ständig verschwindet, sollte für ausreichend Beschäftigung sorgen. Intelligenzspielzeug, Futterverstecke und Klettergelegenheiten helfen, Energie abzubauen. Wichtig ist auch, den Jagdinstinkt gezielt zu befriedigen – etwa durch tägliche Spielrunden mit der Katzenangel oder kleinen Bällen. Das Wegsperren von Wäsche kann ebenfalls Wunder wirken. Wenn die Katze jedoch ständig Stoffteile zerstört oder frisst, sollte man eine Tierärztin oder Verhaltenstherapeutin konsultieren. Ansonsten ist die Kleptomanie der Katzen ein faszinierendes Beispiel dafür, wie tief verwurzelt die Instinkte geblieben sind, trotz Domestikation.