Sehr lange und ohne die klassischen Alterswehwehchen leben: Das ist das Versprechen vieler Unternehmen, die neue, angeblich hochinnovative «Longevity-Produkte» entwickeln. Und wieso nicht gleich die Haustiere mittherapieren, wenn Frauchen und Herrchen dem Lauf der Dinge ein Schnippchen schlagen? Wir ahnen es: Es geht beim süssen Traum vom langen Leben um eine Menge Geld.

30 Jahre alte Katzen

Dabei wird mit waghalsigen, mitunter überbordenden Versprechen nicht gegeizt: Japanische Forscher wollen mit ihren Erkenntnissen zum AIM-Protein die Lebenserwartung von Katzen auf sagenhafte 30 Jahre anheben. Etwas moderater die Ansage aus den USA: Eine «vielversprechende Anti-Aging-Pille» soll die Lebensdauer von Hunden um ein Jahr verlängern. Wie das geht? Ein künstlich erzeugtes Kaloriendefizit verlangsamt die Alterungsprozesse, verraten die Promotoren der neuen Pille. Das Medikament simuliert den positiven Effekt von kontrollierter Ernährung, ohne dass die Besitzer ihren Tieren weniger Futter geben müssen. Und just hier liegt der Hund begraben: Eigentlich brauchen wir das Rad nicht neu zu erfinden. Längst wissen wir, was Vier- und Zweibeiner munter hält: Massvolles und ausgewogen Essen, viel Bewegung, guter Schlaf, wenig Stress und erfüllende soziale Kontakte – das ist die allseits bekannte Fit- und Fröhlich-Rezeptur. Doch weil wir mit minimalem Aufwand nach maximaler Lebenszeit und -qualität dürsten, versuchen findige Unternehmer mit immer ausgefuchsteren und teureren Angeboten, diese Sehnsüchte zu stillen.

Ewigkeitswahn statt Lebensgenuss

Mit teils ernsthaften Folgen für die Gesundheit: Längst warnen seriöse Wissenschaftler vor einem Wilden Westen im «Longevity-Markt». Viele Methoden und Präparate seien klinisch viel zu wenig erforscht und die Langzeitfolgen unbekannt. Dennoch geht der Zirkus munter weiter: Stars und Sternchen aus dem Silicon Valley schlucken massenhaft Pillen und Pülverchen vor laufender Kamera. Und der Tech-Milliardär Bryan Johnson – derzeit der meistvermessene Mensch der Welt – schreckt nicht davor zurück, sich Stammzellen zu transplantieren, um eine Portion Jugendlichkeit in seinen alternden Körper zu pumpen. Man mag sich den Stress nicht vorstellen, wie all die Daten jeden Abend analysiert und Methoden optimiert werden wollen und fragt sich, ob es nicht gesünder wäre, sich ohne Kabel und Ewigkeitsfantasien neben seine Samtpfote aufs Sofa zu setzen und ihr ein bisschen übers Fell zu kraulen. Denn es geht effektiv auch anders: Mein trotz Arthrose stets gut gelaunter, 80-jähriger Nachbar hat mir kürzlich vor dem Briefkasten sein Longevity-Rezept zugeraunt: geniessen, geniessen, geniessen! Und hin und wieder dem Schutzengel danken, so sein Bonus-Tipp.

Tanja AebliTanja Aebli sieht ihrem eigenen Ende mehr oder minder tiefenentspannt entgegen, schluckt aber hin und wieder auch einige Nahrungsergänzungsmittel. Im nächsten Leben will sie ein Pinguin sein.