Wer eine Katze zu Hause beobachtet, könnte meinen, ihr Leben bestehe hauptsächlich aus Schlaf. Auf Sofas, Fensterbänken oder in versteckten Ecken zusammengerollt, schnurrt sie leise, putzt sich oder döst einfach vor sich hin. Katzen schlafen durchschnittlich etwa 16 Stunden am Tag, aufgeteilt in mehrere kurze Nickerchen und längere Ruhephasen. Doch daneben verbirgt sich ein klar strukturierter Tagesablauf, der sich erst so richtig mit dem Sprung durch die Katzenklappe ins Freie entfaltet. Wie das Leben der Hauskatzen mit Freigang aussieht, ist für die meisten Halter und Halterinnen jedoch ein kleines Mysterium und lässt sich nur erahnen.

Viele Katzen beginnen den Tag früh, erkunden ihr Daheim, prüfen vertraute Plätze und bereiten sich auf die ersten Kontrollgänge oder Jagd im Freien vor. Besonders in den Morgen- und Abendstunden sind Katzen aktiv – sie sind damit typische Dämmerungsjäger. Trotz ihrer Domestikation ähneln sie ihren wilden Vorfahren noch stark. «Die domestizierte Katze besitzt noch viele Eigenschaften ihrer wilden Verwandten, der Falbkatze», erklärt Madeleine Geiger von der Forschungs- und Beratungsgemeinschaft SWILD. Einzig das Sozialverhalten habe sich durch die Domestikation verändert – so sind die heutigen Hauskatzen weniger einzelgängerisch unterwegs.

Das Revier von Hauskatzen teilt sich dabei in drei Bereiche auf. Im Kerngebiet befindet sich das «Heim erster Ordnung» – es ist der absolut sichere Bereich, in welchen keine fremden Katzen eindringen dürfen. Das «Heim zweiter Ordnung» beschreibt das rundumliegende Revier der Katzen. Obwohl sie diesen Bereich ebenso als ihr Eigentum ansehen, dulden sie zeitweilig auch andere Katzen. Im Streifgebiet überlappen sich schliesslich die Reviere mit bestimmten Jagd-, Kampf- und Werbungsplätzen. Studien mit GPS-Trackern zeigen, dass die meisten Hauskatzen ihren Aktionsradius überwiegend klein halten: Die Mehrheit bleibt im Umkreis von etwa 100 Metern rund um ihr Zuhause, typischerweise innerhalb von etwa einem Hektar. Nur wenige Katzen legen grössere Strecken zurück – in der Regel junge, aktive oder unkastrierte Katzen. Doch auch andere Faktoren wie Geschlecht und Umgebung beeinflussen die Reichweite: Männchen bewegen sich weiter als Weibchen und Landkatzen mehr als Stadtkatzen. Während ihrer Streifzüge halten sie sich meist an bestimmte Pfade, suchen gezielt bevorzugte Plätze auf, kontrollieren und markieren ihr Territorium oder trainieren ihre Jagdfähigkeiten.

Geschaffen für die Jagd

Vom Jagdinstinkt ist seit ihrer Domestikation nichts verloren gegangen, wodurch sie auch heute noch hochspezialisierte Jägerinnen sind. «Ihre ganze Biologie, inklusive Körperbau, Sinne und Stoffwechsel, ist auf das Jagen ausgelegt, und das macht sie zu so guten Jägerinnen», betont die Biologin Madeleine Geiger. Trotz häuslicher Fütterung ist der Jagdtrieb weiterhin tief in ihrem Wesen verankert, wie Geiger ergänzt: «Katzen jagen primär wegen ihres Jagdtriebs. Allerdings spielen Katzen auch häufig mit ihrer Beute.» Dies könne unterschiedliche Gründe haben, zum Beispiel Jagdübungen bei jungen Katzen oder das Ermüden von wehrhafter Beute.

Jene Beute wählen Hauskatzen opportunistisch. Sie jagen also Beutetiere, die in ihrer Umgebung häufig sind. «In unseren Breiten sind dies vor allem Kleinsäuger, aber auch Reptilien und Singvögel», so Geiger. Laut Hochrechnungen des SWILD-Projekts «Katzenspur» fangen die rund eineinhalb Millionen freilaufenden Katzen in der Schweiz jährlich zwischen drei und neun Millionen Vögel. Beim Ausmass der Jagd von Katzen zeigt sich eine grosse individuelle Variation, wie die Biologin erklärt: «Es hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, zum Beispiel vom Alter. Auch nimmt die Jagdaktivität bei regelmässiger Fütterung tendenziell ab. Junge und heimatlose Hauskatzen jagen hingegen besonders viel.» Der Futterbedarf einer Katze entspreche je nach Grösse und Aktivität etwa fünf bis zwölf Waldmäusen pro Tag, wenn sie nicht gefüttert werde.

Dass die Jagdfähigkeiten von Katzen überaus erfolgreich sind, lässt nicht nur die Hochrechnung an erbeuteten Vögeln, sondern auch diejenige von erbeuteten Säugetieren erahnen: Pro Frühlingsmonat werden in der Schweiz bis zu 2,4 Millionen erbeutet. Weitere Studien gehen davon aus, dass lediglich 18 bis 30 Prozent der getöteten Beutetiere nach Hause gebracht werden. Ob die grossen Katzenopferzahlen einen negativen Einfluss auf die Beutetiere haben, lässt sich laut der Biologin Madeleine Geiger nur schwer beantworten: «Ausgenommen bei lokalen Ereignissen, fehlen heute eindeutige Daten, dass Katzen in der Schweiz grossflächig einen negativen Einfluss auf die Beutetierpopulationen haben.» Da ein Risiko eines negativen Einflusses auf Wildtiere zumindest gebietsweise bestehen kann, haben SWILD und die Schweizerische Vogelwarte katzenverträgliche Massnahmen zur Reduktion des Jagderfolges untersucht. «Katzen, die ein Glöckchen am Halsband trugen, erbeuteten deutlich weniger Vögel und Kleinsäuger. Mit einer bunten Halskrause brachten sie 37 Prozent weniger Vögel nach Hause als ohne Krause. Trugen sie Halskrause und Glöckchen, brachten sie rund 60 Prozent weniger Säugetiere nach Hause», fasst Geiger die Ergebnisse zusammen. Es seien für Katzenhalter einfach anwendbare Massnahmen, die laut der Biologin jährlich Hunderttausenden Wildtieren das Leben retten und viel Tierleid verhindern könnten. «Unsere Empfehlung ist, sie insbesondere in den Frühlingsmonaten anzuwenden, wenn es viele Jungvögel hat.»

Gehören Katzen nun weggesperrt?

Freigänger unter den Hauskatzen stellen eine Gefahr für Wildtiere dar. Doch auch sie selbst sind Gefahren im Freien ausgesetzt. «Eine grosse Gefahr für Katzen ist sicherlich der Strassenverkehr», betont Geiger. Doch auch andere Unfälle oder Krankheiten können die Gesundheit der umherstreifenden Katzen bedrohen. Ob sie nun zum Schutze der Wildtiere und zu ihrer eigenen Sicherheit zuhause eingesperrt gehören, verneint Geiger: «Massnahmen zum Schutz von Wildtieren vor Katzen sollten immer auch katzenfreundlich sein.» Nicht alle Katzen vertragen eine reine Wohnungshaltung, und ebenso wenig ist jede Wohnung dafür geeignet. «Die Begrenzung der Anzahl Katzen könnte deshalb sinnvoller sein als das Einsperren aller Katzen.»