Fellnasen
Veterinärmedizin: mehr Haustiere, zu wenig Fachkräfte
Die Anzahl von Haustieren in der Schweiz steigt unaufhörlich: Über drei Millionen Tiere schnurren, knurren und fiepsen unter den hiesigen Dächern. Was bedeutet dies für die tierärztliche Versorgung?
Es streiften noch nie so viele Katzen um die Häuser wie aktuell: Mit geschätzten eineinhalb bis zwei Millionen Exemplaren sind sie in der Schweiz das beliebteste Haustier, mit deutlichem Vorsprung auf die zweitplatzierten Hunde (rund 515'000 im Jahr 2025). Was bei der Anschaffung bisweilen vergessen geht: All diese Samtpfoten benötigen im Laufe ihres Lebens medizinischen Support; in den ersten Lebensmonaten engmaschig, später dann im Rahmen eines jährlichen Check-ups, bei dem Gewicht, Zähne, Herz, Lunge und Impfstatus geprüft werden. Für Senioren sind halbjährliche Untersuchungen sinnvoll, um chronische Erkrankungen wie Arthrose, Nierenprobleme oder Schilddrüsenstörungen frühzeitig zu erkennen. Soweit die Theorie. In der Praxis zeigt sich: Die vielen fremden Gerüche und Geräusche auf dem Weg zum Behandlungstisch sind für manch einen Stubentiger äusserst strapaziös. Ein Stress, der sich zuweilen auch auf den Halter überträgt. Mit der Folge, dass das Tier nur noch in Notfällen, statt wie empfohlen zu regelmässigen Gesundheits-Checks vorbeigebracht wird. Und mit dem Risiko, dass gesundheitliche Probleme nicht rechtzeitig entdeckt und behandelt werden.
Das will Carol Zahnd verhindern. Die auf Katzenmedizin spezialisierte Tierärztin hat Anfang 2026 am Stadtrand von Solothurn eine reine Katzenpraxis eröffnet und sich für ein Modell entschieden, das in Ländern wie den USA, Grossbritannien oder Deutschland schon länger Usus ist. In ihrer neuen Praxis herrscht für Hunde striktes Hausverbot: «Bei uns gibt es kein Bellen, keinen Hundegeruch und auch keine kalten, glatten Oberflächen», sagt die Veterinärmedizinerin, die aus ihrer Katzenliebe keinen Hehl macht. Hinter dem katzenfreundlichen Interieur steckt Kalkül: «Fühlen sich die oft ängstlichen Tiere wohl, kann ich sie deutlich besser untersuchen und meine Fachspezialisierung erst richtig zum Tragen bringen», erklärt Carol Zahnd.
Mehr Gestaltungsraum
Die 35-Jährige hat den Schritt zur eigenen Praxis bisher noch keine Sekunde bereut: «Ich konnte so etwas Neues aufbauen, das ganz meiner Vision von katzenfreundlicher Medizin entspricht. Diese Freiheit hätte ich als Angestellte nicht im gleichen Ausmass», freut sich die junge Tierärztin. Auch in finanzieller Hinsicht hatte sie Glück: Die Mietgebühren am neuen Standort halten sich im Rahmen und auch hohe Umbaukosten sind nicht angefallen. Dennoch: «Der Schritt hin zur eigenen Praxis erfordert viel Planung und Mut», bilanziert sie wenige Tage nach Eröffnung ihrer Katzenpraxis FeliVet, in welcher sie zusammen mit einer weiteren Tierärztin und einer Praxisassistentin den Betrieb sichert.
Ob Neugründung oder Übernahme einer bestehenden Praxis: Der Schritt in die Selbstständigkeit ist nicht für alle jungen Fachkräfte eine Option. Obwohl die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) kein generelles Nachfolgeproblem bei Tierarztpraxen feststellt, schreibt sie auf Anfrage: «Je nach Praxisstruktur kann die Suche nach einer Nachfolge durchaus herausfordernd sein.» Die Gründe sind vielfältig: Da ist auf der einen Seite der Fachkräftemangel in der Tiermedizin, welcher die Suche nach einer Nachfolge erschwert. Andererseits kann auch der Aufwand abschrecken: Obwohl betriebswirtschaftliche Grundlagen im Studium vermittelt werden und seit dem Jahr 2021 auch Kommunikation, Rechtskunde und die Förderung der Resilienz Teil des universitären Curriculums sind, muss vieles später im Rahmen von Weiterbildungen noch zusätzlich erlernt werden. Aber auch die Doppelbelastung von medizinischen und unternehmerischen Herausforderungen, welche die Selbstständigkeit mit sich zieht, wollen oder können nicht alle tragen. «Für viele, die Tiermedizin studieren, steht das fachliche Interesse für die Veterinärmedizin an erster Stelle», so die GST.
Dass die Suche nach einer Nachfolge mitunter schwierig sein kann, zeigt sich am Beispiel von Petra Drossaart, die ihre im Jahr 2004 gegründete Kleintierpraxis in Dietikon aus Altergründen in neue Hände geben wollte. Sie hat weder intern noch extern Fachkräfte gefunden, die bereit waren, ihre Praxis selbstständig weiterzuführen. «Die meisten jungen Berufsleute – 90 Prozent sind weiblich – wollen Teilzeit arbeiten», mutmasst sie. Selbstständigkeit aber bedeutet: Viel Verantwortung, lange Arbeitstage und bei kleineren Praxen Notfalldienst rund um die Uhr. PetraDrossaart hat sich für eine andere Lösung entschieden und ihr Unternehmen an MeikoVet veräussert – eine Schweizer Gruppe für Kleintierpraxen. Mit dem jetzigen Arrangement ist sie zufrieden: Es erlaubt ihr, in reduziertem Pensum weiterzuarbeiten. Zwar nicht mehr mit dem gleichen Gestaltungsspielraum wie zuvor, dafür aber mit Unterstützung in administrativen Belangen wie Buchhaltung, IT, Marketing oder Personaladministration. Und auch die Betreuung ihrer teils langjährigen Kunden ist so gesichert. Die Tierärztin mit 35-jähriger Berufserfahrung glaubt, dass sich Ketten in Zukunft noch stärker verbreiten werden. Eine Einschätzung, die auch die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte teilt. Inwieweit bekommen Tierhalter und ihre Schützlinge diese Verlagerungen zu spüren? «Wir gehen derzeit nicht von grossen Auswirkungen aus, sind Tierhaltende doch in der Wahl ihrer Tierärztin oder ihres Tierarztes frei», argumentiert die GST.
Das Angebot an kleineren und grösseren Tierarztpraxen sowie Tierkliniken sei in der Schweiz nach wie vor vielfältig und gross. Schliesslich hängt die Wahl auch von den persönlichen Vorlieben ab: «Bei Ketten, die meist grösser sind, werden die Kunden von verschiedenen Tierärztinnen und Tierärzten betreut, haben dafür aber oft Zugang zu vielfältigen Leistungen und einem grossen Diagnostikangebot.» Viele Kundinnen und Kunden schätzten aber auch kleine Praxisstrukturen und eine Fachkraft, die das Tier über Jahre betreut und entsprechend gut kennt.
Fachkräftemangel verschärft sich
Ein Problem ist damit jedoch nicht vom Tisch: Mit der steigenden Anzahl der Haustiere in der Schweiz wird auch der Bedarf an Veterinärmedizinern weiterwachsen. Wegen des Fachkräftemangels fordert die GST, dass die Anzahl diplomierter Tierärztinnen und Tierärzte in der Schweiz erhöht wird. Derzeit können lediglich 170 Studierende jährlich das Studium antreten, weil die Anzahl Studienplätze durch den Numerus Clausus begrenzt ist. Die Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern schlägt in die gleiche Kerbe: Die Anzahl Studienplätze sei in den letzten Jahren nur moderat erhöht worden, der Bedarf an Tierärztinnen und Tierärzten aber deutlich höher, hält das Dekanat fest. Die Lücke in der Versorgung werde im Moment durch Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland gedeckt. Nun brauche es «koordinierte Anstrengungen», auch auf politischer Ebene, um dieses Problem zu lösen.
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