Tiere hören zu, ohne zu fragen. Sie trösten, ohne zu erklären – und sie bleiben, wenn Worte fehlen. Genau diese Eigenschaften machen sie zu wertvollen Begleitern in therapeutischen und medizinischen Kontexten. Die tiergestützte Therapie hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend etabliert und wird heute in unterschiedlichsten Einrichtungen eingesetzt: von psychiatrischen Stationen über Rehazentren bis hin zu Hospizen. Während Hunde oder Pferde längst ihren festen Platz haben, wurde das therapeutische Potenzial von Katzen lange unterschätzt. Erst seit vergleichsweise kurzer Zeit rücken sie als feinfühlige, beruhigende Therapiepartner stärker in den Fokus.

Gerade für Kinder ist diese Form der Unterstützung besonders wertvoll. Tiere holen sie im Moment ab, fordern keine Leistung und schenken Geborgenheit – selbst in Situationen, die von Angst, Schmerz oder Unsicherheit geprägt sind. In Kinderhospizen, wo das Leben oft intensiver und fragiler erlebt wird als anderswo, können Tiere emotionale Anker sein. Sie schaffen Momente der Freude, des Loslassens und der Verbundenheit – für die Kinder ebenso wie für ihre Familien. Im Gespräch berichtet Roswitha Zink, Gründerin des Kinderhospizes Lichtblickhof und Mitautorin des Buches «Dr. Katze», von der besonderen Rolle von Tieren in ihrer Arbeit und davon, wie schnurrende Samtpfoten Kindern in schweren Zeiten Halt geben können.

Frau Zink, in der Schweiz gibt es derzeit nur zwei Kinderhospize, das erste davon eröffnete erst 2024. Den Lichtblickhof, eines von 38 Kinderhospizen in Österreich, haben Sie bereits 2001 gegründet. Was macht denn ein Kinderhospiz aus?

Roswitha Zink: Kinderhospize bieten sehr individuelle Unterstützung für Familien mit schwer und unheilbar erkrankten Kindern. Das sind oft ambulante Therapieangebote, mobile Pflege, Tagesbetreuung oder andere Hilfen, die sich an den Bedürfnissen der Familien orientieren. Fast alle Kinderhospize wurden privat gegründet und sind auf Ehrenamt und Spenden angewiesen. Sie verstehen sich als Lebensbegleiter – auch in der Zeit, in der es den Kindern noch gut geht. Gleichzeitig ist die Trauerbegleitung ein zentrales Angebot, da Familien sich in einer besonders schwierigen Situation befinden. So sollen Kinderhospize auch Kraftorte sein.

Welche Rolle spielen Tiere am Lichtblickhof?

Die Tiere sind das Herz und die Seele unserer Einrichtung. Der Lichtblickhof ist in seiner gesamten Ausrichtung auf tiergestützte Therapie aufgebaut. Wir glauben an die starke Wirkung tiergestützter Interventionen und schätzen die besondere Qualität, welche Tiere in den Alltag bringen. Pferde als sanfte, grosse Tiere, die einen ein Stück des Weges tragen können, waren von Beginn an ein zentraler Bestandteil. Sie können zur richtigen Zeit Flügel verleihen oder dabei helfen, mit allen Vieren auf dem Boden zu stehen. Indem sie Herzschlag, Atmung und Immunsystem beeinflussen können, sind sie für viele Kinder der Beginn einer tiefen Leidenschaft, die neue Lebenskraft entfacht. Wenn nach einer langen dunklen Nacht morgens der kleine Ponyschopf zur Tür hereinschaut und plötzlich durch die Hospizwohnung trappelt, weiss jeder sofort: Das ist kein Spital. Das ist ein lebendiger Ort! Auch sollen sich die Kinder geborgen fühlen, wie auch einmal ein Kind zu mir sagte, dass es sich nirgends auf der Welt so sicher fühle, wie wenn unser Pferd Felicita es trägt.

Doch nicht nur Pferde spielen bei Ihnen eine grosse Rolle. Sie haben die tiergestützte Therapie später erweitert. Welche Tiere begleiten heute die Arbeit?

Es ist so, dass jede Tierart andere Aspekte in die Therapie einbringt. Studien legen nahe, dass die Wirkung umso besser ist, wenn es die persönliche Lieblingstierart ist. Deshalb haben wir uns bemüht, mehrere Tierarten auf den Lichtblickhof zu holen. Man kann sich den Lichtblickhof als Bauernhof mit ganz vielen Tieren vorstellen. Wir haben Schafe, welche die Grünflächen pflegen und dabei Ruhe ausstrahlen – wenn sie da so ihr Gras fressen, hat das eine richtig mediative Wirkung. Die Kaninchen mit ihren langen Ohren, dem weichen Fell und ihrer lustigen Hoppelart sind bei den Kindern ebenso beliebt. Unsere Therapiehunde sind nicht nur für die Kinder ein grosser Halt. Auch für uns Therapeutinnen sind sie eine immens grosse Unterstützung für die Psychohygiene, wenn wir sie auch mit zu uns nach Hause nehmen. So können wir stark und resilient bleiben sowie mit positiver Energie die vielen Herausforderungen angehen, die jeder Tag so stellt. Die sensibelsten Tiere am Lichtblickhof sind jedoch unsere Katzen. Wir staunen oft, wie sie mit ihrem feinenGespür die Kinder sowie ihre Familienmitgliedermagisch in ihren Bann ziehen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auch stärker mit Katzen befassten?

Der Impuls kam von einem unserer Therapiekinder, Lena, die leider bereits verstorben ist. Sie war ein grosser Katzenfan und überzeugt davon, dass Katzen die besten Therapeuten der Welt sind. Sie hat uns angetrieben, uns intensiv mit Katzentherapie zu beschäftigen. Heute, sieben Jahre später, haben wir zwei wunderbare Therapiebegleitkater. Mit ihrer feinfühligen Art können sie besonders gut Menschen helfen, die traurig oder traumatisiert sind – sie nehmen emotionale Veränderungen schnell wahr und fördern die Interaktion. Sie bieten zudem Trost und Nähe, ohne zu urteilen, was besonders wichtig für Menschen in sensiblen Lebensphasen ist.

Welcher Typ Katze eignet sich?

Wichtig ist, dass es Katzen sind, die gerne viele verschiedene Menschen kennenlernen. Sie sollten auch viele Ortswechsel vertragen können und Freude an Abenteuern sowie am Austausch mit Menschen haben. Die Anpassungsfähigkeit der Katze an den Menschen variiert innerhalb der Art sehr stark, und Katzen sind oft selbst von psychischen Herausforderungen betroffen. Daher ist eine sehr gute Auswahl, Ausbildung aber auch Supervision für Therapiebegleitkatzen vielleicht noch wichtiger als bei allen anderen Tieren.

Was unterscheidet Katzen noch von anderen Therapietieren?

Katzen sind Spezialisten. Sie sind nicht für eine hohe Frequenz an Therapieeinheiten geeignet. Hunde oder Pferde können sich besser an fixe Stundenpläne anpassen. Katzen ermöglichen dafür etwas anderes: Sie machen das Wunder von Begegnung und Beziehung besonders sichtbar, wenn der Mensch bereit ist, sich zurückzunehmen und in die Welt der Katzen einzutreten. Das braucht Geduld, Konzentration und Disziplin – lohnt sich aber sehr. Wenn eine Katze sich dann aktiv dazu entscheidet, sich schnurrend zu einem Kind zu legen, ist das wirklich etwas ganz Besonderes. Ein Kind sagte einmal daraufhin, dass sein Herz nun ganz sanft schlage, wenn Fuchur schnurrend an ihm liege.

Ist das eigentlich eine wissenschaftlich belegte Wirkung?

Studien zeigen, dass das Streicheln von Katzen Stress reduziert, Herzfrequenz und Blutdruck senkt und Angst sowie depressive Stimmungen lindern kann. Katzen bieten zudem emotionale Unterstützung und Trost in belastenden Lebensphasen, stärken durch tägliche Fürsorge das Selbstwertgefühl und fördern eine stabile Alltagsstruktur. Schliesslich können Katzen enge, gegenseitige Bindungen zu Menschen aufbauen, die soziale Unterstützung bieten. All diese Wirkungen sind in Studien belegt und zeigen, wie wertvoll die Beziehung zwischen Mensch und Katze sein kann.

Katzen können aber auch deutlich eigenwilliger sein als Hunde oder Pferde. Ist die Therapie dahingehend nicht sehr viel schwieriger mit Katzen?

Ja, sie ist herausfordernd – und genau dies macht aber Katzen so wirkungsvoll.

Welche Reaktionen der Kinder sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Es sind viele besondere Momente, die tief berühren, auch Jahre später noch. So zum Beispiel, wenn ich an folgende Aussagen denke: ‹Wenn ich bei den Katern bin, bin ich ein besserer Mensch›, ‹Kannst du bitte allen anderen Therapeuten absagen, meine Zeit ist knapp, ich will jeden Moment mit den Tieren geniessen› oder ‹Ich will ja nicht im Bett, sondern im Heu sterben›. Schwer krank zu sein, ist eine enorme Herausforderung, gerade in einer Welt, wo alle fit und dynamisch sind. Viele Jugendliche schwanken dann zwischen Panik, Depression, Wut und Hass. Die Tiere ermöglichen, die lebendigen, gesunden Anteile zu spüren und auch Kraft aus dem Gebrauchtwerden zu schöpfen. Indem die Kinder Freude am Kontakt zu einem unserer Tiere haben, versuchen wir, dem Tod jeden Moment abzuringen.

 

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Roswitha Zink ist studierte Biologin und Psychotherapeutin. 2001 hat sie das Kinderhospiz Lichtblickhof gegründet. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in wissenschaftlichen Projekten zur Kommunikation zwischen Tier und Mensch. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt zum Thema unterstützte Kommunikation zwischen Kind und Katze. Sie lebt mit den Tieren des Lichtblickhofs auf einem Hof in Niederösterreich.

 

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