Hunde und Katzen
Wann ist eine Kastration bei Haustieren sinnvoll?
Wer ein Tier hält, muss im Laufe seines Lebens einige wegweisende Entscheidungen treffen. Eine der wichtigsten: die Frage der Kastration. Besonders bei Hündinnen gilt es, Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen. Auch der Zeitpunkt spielt dabei eine zentrale Rolle.
Hündin Luna wird heute drei Jahre alt. Die Feierlichkeiten müssen jedoch warten, denn es steht eine Operation auf dem Programm: Die ausgewachsene Hundedame soll kastriert werden. Gespräche mit der Tierärztin und dem Hundetrainer offenbarten, dass für sie dieses Alter ideal ist. Beide kannten Luna von klein auf und haben miterlebt, wie sie in der Pubertät gewisse Unsicherheiten entwickelte. Heute sind diese hormonell bedingten Ängste jedoch Geschichte und Luna hat sich zu einer selbstbewussten Hundedame entwickelt. Deshalb ist nun der ideale Zeitpunkt gekommen, den Eingriff durchzuführen.
Die Geschichte von Luna ist zwar frei erfunden, kommt so oder ähnlich aber immer häufiger vor. «Früher riet man in der Regel ab sechs Monaten zur Kastration», erzählt Tierärztin Simone Niederhäuser von der Tierklinik Mittelland AG. Heute schaue man jedoch genauer hin und lasse sich individueller beraten. «Wenn man merkt, dass eine Hündin ängstlich und noch in der Pubertät ist, kann sich da noch ziemlich viel verändern.» Ein Eingriff bei den Hormonen könnte sich zu dem Zeitpunkt negativ auswirken und die Unsicherheit noch verstärken. «Deshalb beziehen wir bei Kastrationsgesprächen heute auch das Wesen der Hunde mit ein», erklärt Niederhäuser. Gerade bei unsicheren Hündinnen empfiehlt sie den Haltern, zusätzlich noch die Meinung eines Verhaltenstherapeuten der Schweizerischen Tierärztlichen Vereinigung für Verhaltensmedizin oder eines erfahrenen Hundetrainers einzuholen.
Wann sich Prävention lohnt
Den Fokus des Kastrationsgesprächs legt Tierärztin Simone Niederhäuser allerdings auf die Aufklärung der medizinischen Aspekte. Denn auch da gibt es einiges zu beachten. «Wird die Hündin früh kastriert, lässt sich das Risiko für Milchdrüsentumore deutlich senken», nennt Niederhäuser den Hauptgrund für eine vorpubertäre Kastration. Auch kurz nach der ersten Läufigkeit könne ein Eingriff in den Hormonhaushalt dieses Risiko auf unter zwei Prozent senken. Für unkastrierte Hündinnen hingegen besteht eine bis zu 45-prozentige Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres Lebens einen solchen Tumor zu bekommen. Bereits nach der zweiten Läufigkeit hat eine Kastration darauf keinen präventiven Effekt mehr.
Die lebensbedrohliche Vereiterung der Gebärmutter lässt sich dann aber noch immer verhindern. «Bei den Hündinnen sind Gebärmuttervereiterungen ab etwa sieben Jahren ein sehr häufiges Thema», weiss Niederhäuser nur zu gut. «Davon haben wir mehrere in der Woche und dann kastrieren wir oft notfallmässig.» Nur in sehr seltenen Fällen liesse sich die Krankheit medikamentös behandeln.
Laparoskopische Kastration
Eine Kastration bei weiblichen Hunden mittels Kameratechnik ermöglicht die Entfernung der Eierstöcke mit einem nur zentimetergrossen Schnitt. Diese Art der Kastration kostet zwar etwas mehr, ist aber dafür minimalinvasiv.
Der häufigste Nachteil der Kastration bei der Hündin ist die Inkontinenz. Im Schnitt tritt sie etwa drei Jahre nach dem Eingriff auf. Besonders oft sind es Hündinnen über 20 kg, die ihren Harnröhrenverschluss besonders im Schlaf irgendwann nicht mehr kontrollieren können. Manche Rassen haben ein erhöhtes Risiko für diese unangenehme Spätfolge. Es gibt jedoch Medikamente, die eine solche kastrationsbedingte Inkontinenz medikamentös reduzieren. In jedem Fall ist es sinnvoll, die Vor- und Nachteile sowie den Zeitpunkt einer Kastration individuell abzuwägen, um die beste Lösung für eine Hündin zu finden.
Stress für Halter und Tier
Entscheidet man sich für eine Kastration, fällt auch ein gewisser Aufwand weg. Wenn Hündinnen läufig sind, verlieren sie Blut, das aufgeputzt, oder mit speziellen Höschen aufgefangen werden muss. Manche hätten auch Bauchschmerzen und verhielten sich während der Läufigkeit nicht wie sonst, weiss Simone Niederhäuser. «Arbeitshunde werden manchmal auch deswegen kastriert, weil die Läufigkeit für sie zusätzlichen Stress bedeutet, währenddem sie gleichzeitig gute Leistungen vollbringen müssen.» Auch gilt es, bei Begegnungen mit anderen Hunden ständig aufzupassen, wenn man keine Welpen möchte.
Mehrere Optionen für Rüden
Das Thema der ungewollten Reproduktion sorgt auch bei Frauchen und Herrchen von Rüden für Diskussionen. Da eine Kastration für männliche Hunde keinerlei medizinische Vorteile mit sich bringt, fällt die Entscheidung manchmal auf eine Sterilisation. Dabei wird kein Geschlechtsorgan entfernt, sondern nur dieSamenleiter unterbunden – so, wie es auch bei den Menschen gemacht wird, wenn Männer zeugungsunfähig werden wollen. Die oft etwas teurere Sterilisation komme bei Rüden jedoch nicht besonders häufig vor, wie Niederhäuser erzählt. «Das Sexualverhalten verändert sich mit einer Sterilisation nicht.» Viele Leute wünschen sich jedoch durch die Kastration eine Verbesserung des Verhaltens.
[IMG 2]
In solche Wesensveränderungen werde manchmal zu viel Hoffnung gesteckt, meint die Tierärztin. «Die meisten Hunde sind ziemlich gleich vor und nach der Kastration.» Der Eingriff könne zwar helfen, dass ein Rüde weniger abgelenkt und ansprechbarer ist, «aber es bewahrt mich nicht davor, mit ihm trainieren zu müssen.» Wenn ein Hund beispielsweise seit Jahren Dinge besteigt, wird er es höchstwahrscheinlich auch nach der Operation weiterhin tun, weil es ein erlerntes Verhalten ist.
Um zu testen, ob und wie sich ein Rüde bei einer Kastration verändern würde, gibt es die Möglichkeit einer sogenannten chemischen Kastration. Dabei wird dem Hund für sechs bis neun Monate ein Stäbchen eingesetzt. Manchen Leuten sei der Gedanke einer reversiblen Kastration so sympathisch, dass sie diese Praxis über Jahre weiterführen. «Ob wirklich jeder Rüde nach mehreren Jahren chemischer Kastration noch zeugungsfähig wäre, weiss ich jedoch nicht», so Niederhäuser. Auf ein Hundeleben gerechnet sei diese Variante sicher teurer, dafür könne man dem Tier einen chirurgischen Eingriff ersparen.
Kaum Nachteile für Katzen
Es gibt auch Stimmen, die Kastrationen grundsätzlich für nicht artgerecht halten. Bei Hündinnen kann eine Kastration immerhin als Prophylaxe medizinisch begründet werden. Dasselbe gilt für Katzen. Eine Kastration vor der ersten Rolligkeit bietet fast ausschliesslich medizinische Vorteile: Während Kätzinnen von derselben tumorhemmenden Wirkung profitieren wie Hündinnen, sind keinerlei Probleme in Sachen Inkontinenz oder Ängstlichkeit bekannt. Einzig bei Katern grosser Rassen besteht bei früher Kastration ein etwas erhöhtes Risiko für Brüche der Ansätze von Röhrenknochen, die auch Fugenbrüche genannt werden. Dafür könne man die Wahrscheinlichkeit für Revierkämpfe reduzieren, wie Niederhäuser betont. Und da kastrierte Kater in der Regel weniger grosse Reviere haben, sinkt ausserdem das Unfallrisiko.
Macht eine Kastration dick?
Tatsächlich verbrennen Hunde und Katzen nach der Kastration weniger Kalorien und sollten deshalb weniger oder zumindest speziell angepasstes Futter bekommen. Das Fiese daran: Östrogen unterstützt das Sättigungsgefühl, ist aber nach der Kastration nur noch in geringen Mengen vorhanden. Bis sich die Tiere also an die neue Situation gewöhnt haben, kann es eine Weile dauern. Konsequenz zahlt sich jedoch aus, denn Übergewicht bringt neue gesundheitliche Probleme mit sich.
Dazu kommt, dass jede Kastration die Überpopulation von Hauskatzen hemmt. Denn auch diese verursacht indirekt viel Tierleid. «Bei Katzen muss man sich sehr gut überlegen, ob Nachwuchs wirklich sinnvoll ist», betont die Tierärztin. «Wir haben über zwei Millionen Katzen in der Schweiz, die Tierheime sind überfüllt, und die Katze hat heute leider oft den Status einer Wegwerfware.»
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren