Reportage
Schweizer Eierbranche im Wandel: Wie die Prodavi SA den Ausstieg aus dem Kükentöten vorantreibt
Der Verzicht auf das Töten männlicher Küken markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Schweizer Eierbranche. Als eine der grössten Brütereien des Landes übernahm die Prodavi SA dabei eine Vorreiterrolle. Ein Besuch in der Brüterei in Buttisholz (LU) zeigt, wie die neue Branchenlösung funktioniert.
An einem Donnerstagvormittag Mitte Januar parkiert ein Lastwagen vor der Brüterei. Mitarbeitende öffnen die Ladefläche. «Wie viele Wagen hast du?», ruft Andreas Suter, operativer Geschäftsführer der Prodavi SA, dem Chauffeur zu. Dieser hebt die Hand und streckt drei Finger in die Höhe. «Drei Wagen – das sind 14'400 Bruteier», rechnet Suter. Sorgfältig wird die Ware ausgeladen. Ihr steht die Eingangskontrolle bevor. «Das ist eine erste visuelle Sichtkontrolle», erklärt der COO. «Der Brutmeister überprüft den Zustand der Eier.»
[IMG 2]
Zweimal pro Woche werden Bruteier in die Brüterei geliefert. Deren Kontrolle ist der erste Schritt eines sich wiederholenden Kreislaufs, der zum Geschäft gehört. Ein Geschäft, das die Prodavi SA als Familienunternehmen seit 1988 betreibt, sich aber stark verändert hat.
Grund dafür ist der Ausstieg aus dem Töten männlicher Küken – ein kontroverses Thema, das über Jahre für Diskussionen sorgte. Die Lösung dafür stellte die Eierbranche im August 2024 vor: Mit Hilfe von In-ovo-Geschlechtsbestimmung können männliche Küken noch im Ei, bevor das embryonale Schmerzempfinden einsetzt, aussortiert werden.
Die Schweiz war weltweit das erste Land, das eine solch flächendeckende Lösung für die ganze Branche vorstellte. Seit Jahresbeginn ist diese Branchenlösung umgesetzt. Als eine der beiden grössten Brütereien des Landes implementierte die Prodavi SA die notwendige Technologie bereits 2025 und übernahm damit eine Vorreiterrolle.
Es sei eine grosse Herausforderung gewesen, sagt Suter, der seit 2020 Teil der zuständigen Arbeitsgruppe war. «Ein riesiger Umbau der Brüterei war nötig. Doch alles hat ohne grosse Schwierigkeiten geklappt. Nun haben wir eine tolle Lösung!» Wie diese aussieht, führt er auf einem Rundgang vor.
Ohne Temperatur keine Küken
Beim Betreten der Brüterei gehört das Anziehen von Haarnetz, Schuhüberzügen und Schutzkleidung ebenso dazu wie das Waschen und Desinfizieren der Hände und das Registrieren in einer Besucher-App. «Der ganze Betrieb ist eine Hygienezone», erklärt Andreas Suter. Seit Ende 2025 herrscht im Land wieder ein erhöhtes Risiko der hochansteckenden Vogelgrippe. Auch deshalb wird das Risiko einer Virus-Einschleppung minimiert – im gesamten Betrieb.
Durch Barcodes auf den Transportwagen erhält die Brüterei alle Daten, um die Eier zu identifizieren. «Jeder Prozess wird bei uns auf diese Weise digital erfasst», erklärt Suter. Von dort werden sie auf Vorbrutwagen umgelagert, die über einen eingebauten Wendemechanismus verfügen. «Hier werden sie zweimal pro Tag um 90 Grad gewendet. Später, während der Vorbrut, wenden wir sie stündlich. Das ist wichtig, damit das Eihäutchen nicht an die Eischale anklebt.»
[IMG 3]
Nach der Lagerung bei einer Temperatur von 14 bis 18 Grad Celsius kommen die Eier in einen Raum, welcher auf 24 Grad vorgeheizt ist. Hier findet zudem eine Oberflächendesinfektion statt, um die Eier möglichst keimfrei zu halten.
Der nächste Schritt im Prozess ist die Vorbrut. In der entsprechenden Maschine haben 384'000 Bruteier Platz. «Mehr als jede zweite Legehenne in der Schweiz wird hier gebrütet», betont Suter. Gesteuert wird sie mit einem Programm, das Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder den Sauerstoffgehalt festsetzt. «Während der endothermen Phase in den ersten zehn Tagen muss man einem Ei Wärme zufügen, damit es sich entwickelt», erläutert der Nidwaldner. Andernfalls provoziere man einen Abort.
Herzstück und Flaschenhals
Am elften oder zwölften Tag findet die Geschlechtsbestimmung statt. Andreas Suter zeigt auf die dafür zuständige Maschine. «Das ist das Herzstück und gleichzeitig der grosse Flaschenhals der Brüterei.» Im Gegensatz zu allen anderen Prozessen, in denen sich 35'000 Eier pro Stunde verarbeiten lassen, geht es hier wesentlich langsamer voran.
[IMG 4]
Die Maschine arbeitet mit einer Kombination aus Magnetresonanztomographie (MRT) und Künstlicher Intelligenz. «Das MRI macht eine Schichtaufnahme des Eis. KI betrachtet diese Fotos und achtet auf die Geschlechtserkennungsmerkmale.» Die als weiblich definierten Eier wandern zurück auf eine Horde. Die männlichen werden aussortiert und gehen in die Biogasanlage. Doch die Maschine liege nicht immer richtig, so Suter. «Noch liegt die Fehlerquote bei etwa vier bis sechs Prozent.»
Die Küken schlüpfen schliesslich am 21. Tag. Auch an diesem Donnerstag ist ein «Schlupftag»: 21'000 Küken, wenige Stunden alt, piepen im Nebenraum. Wegen der Fehlerquote aus der Geschlechtsbestimmung sortiert das Brüterei-Team die Küken nach dem Schlupf von Hand nach deren Geschlecht.
[IMG 5]
Die Männlichen werden durch ein CO2-Bad getötet. Sie aufzuziehen, sei keine gute Option, erklärt Suter. «Erstens fehlen Legehennen-Küken, welche die Schweizer Betriebe für die Produktion ihrer Konsumeier brauchen. Andererseits führt die Aufzucht eines Hahns im Vergleich zum herkömmlichen Mastpoulet zu höheren Kosten und weniger und minderwertigerem Fleisch.»
Daher sei es Teil der Branchenlösung, die stark verminderte Zahl an männlichen Küken nach wie vor am Schlupftag töten zu können, wodurch auch die bestehende Nachfrage an Futterküken gedeckt werden kann. «Das ist ein erster Schritt und ein grosser Erfolg.» Die weiblichen Küken werden noch am Schlupftag gegen Infektiöse Bronchitis (IB) und gegen die Mareksche Krankheit geimpft.
Wenige Stunden später folgt die Auslieferung zu den Aufzuchtbetrieben mit beheizten und belüfteten Spezialfahrzeugen. Rund 35 Aufzuchtbetriebe in der ganzen Schweiz werden von der Prodavi SA mit Legehennen-Küken beliefert, wo sie zu ausgewachsenen Junghennen aufgezogen werden.
Trotz des erreichten Meilensteins durch die Geschlechtserkennung habe man noch nicht alle Ziele erreicht, betont Suter. «Die Fehlerquote soll reduziert werden und der Bestimmungstag soll nach vorne rücken. Ein weiteres Ziel wäre, die Geschlechtserkennung schneller durchzuführen, damit der Brutprozess nur möglichst kurz beeinflusst wird. Nun ist es unsere Aufgabe, diese Ziele zu erreichen – wie und in welcher Form, werden wir laufend in Erfahrung bringen.»
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren