Viele Legehennen leben mit gebrochenen Knochen, die nie verarztet werden. Als die Universität Bern 2020 die Hühner einer Anlage unter das Röntgengerät legte, wurde bei 97 Prozent mindestens ein Bruch im Brustbein festgestellt. Obwohl Frakturen in der Eierindustrie schon damals kein unbekanntes Phänomen war, schreckte das Ausmass auf.

Weshalb die Knochen von Legehennen so oft brechen, ist noch nicht endgültig geklärt. Vermutet wird, dass bei der Züchtung von immer leistungsfähigeren Rassen die Knochengesundheit zu kurz kam. Das viele Kalzium, das die Hühner für die unnatürlich hohe Eierproduktion benötigen, fehlt ihnen zunehmend in den Knochen.

Andere Gründe für die Brüche?

Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2022 lässt jedoch an der Mangel-Theorie zweifeln. Der Vergleich zweier Rassen mit sehr unterschiedlichen Legeleistungen zeigte kaum Unterschiede in der Häufigkeit von Frakturen. Stattdessen sehen Forschende zunehmend Zusammenhänge mit einer verfrühten Geschlechtsreife der Hühner. Als bewiesen gilt ausserdem, dass zu wenig Bewegung die Knochenstärke verringert.

Die Tierschutz-Abteilung der Universität Bern forscht derweil weiter an der Thematik. Um die entscheidenden Faktoren für die Knochengesundheit zu identifizieren, arbeitet sie eng mit den beiden führenden Legehennen-Zuchtbetrieben zusammen. «Wir hoffen, dass in der Zukunft Legehennen ohne Brustbeinfrakturen gezüchtet werden können», formuliert Teamleiter Michael Toscano das Forschungsziel. Davon würden nicht nur Hühner in Hochleistungsbetrieben profitieren. «Das Problem betrifft Legehennen in allen Haltungsformen, also auch Hobby-Haltungen», so der Geflügel-Experte. «Für Laien ist es besonders schwierig, dieses Problem zu erkennen, da das Verhalten der Hennen selbst bei den schwersten Frakturen sehr ähnlich zu sein scheint.»

Auch Labels stehen an

Stand heute betrifft das Problem fast alle Legehennen – ob aus einem konventionellen Betrieb oder aus besonders tierfreundlicher Haltung. Chiara Augsburger vom Label «KAGFreiland» beteuert, dass bei ihren Produzenten immer öfter Hühner eingesetzt werden, die nicht auf Hochleistung gezüchtet werden. Dazu gehören zum Beispiel Zweinutzungshühner, die eine tiefere Eierleistung haben und ebenfalls zur Mast genutzt werden können. Auch wenn sich Knochenbrüche nicht ausschliessen lassen, sind extensivere Züchtungen generell robuster. «Extensivere Rassen können helfen, die Situation zu entschärfen», ist Augsburger überzeugt. «Das Grunddilemma bleibt jedoch bestehen: Der Markt verlangt hohe Legeleistungen – eine Forderung, die mit extensiveren Rassen nicht erfüllt werden kann.»