DONATA CLOPATH – mit Humor gegen alle Widerstände

«Ich bin dankbar, dass ich das alles überstanden habe», sagt Donata Clopath. Die heute 70-Jährige war schweizweit eine der ersten Frauen, die sich in der Landwirtschaftsbranche durchsetzte und ab den 80er-Jahren ihren eigenen Betrieb führte. Geschenkt wurde ihr dabei nichts. Doch genau das habe sie stark gemacht, ist sie überzeugt: «Ich wäre nicht, wer ich heute bin, wenn ich da nicht hätte durchmüssen.»

Clopath wuchs in Andeer (GR) inmitten der damals üblichen patriarchalen Strukturen auf. Ihre Eltern seien jedoch weniger streng gewesen als andere. «Wir wurden eben nicht geschlagen», erzählt Clopath. Vielleicht deshalb hätten sie und ihre Schwester sich getraut, aufmüpfiger zu sein als andere Mädchen. Dass sie nicht wie ihre Brüder draussen schuften und am Abend in die Beiz gehen durften, hatte ihnen schlicht nicht einleuchten wollen. «Eigentlich machte mich meine Mutter zur Feministin», sagt die Bauerntochter rückblickend. «Sie war viel zu lieb und hat immer zurückgesteckt.» Das kam für die junge Donata nicht in Frage. Ihre Eltern liessen sie mit 16 Jahren ziehen, um die Welt zu entdecken. Danach lebte sie in Zürich, arbeitete in verschiedenen Bürojobs und schloss sich Ende der 70er-Jahre der dortigen Frauenbewegung an. Feministin zu sein, habe ihr Klarheit fürs ganze Leben gegeben, sagt sie rückblickend. «Ich habe gemacht, was ich wollte, und das hat mich erfüllt.»

In ihrer Kindheit war es für Donata Clopath nie ein Thema, in die Landwirtschaft einzusteigen. «In der Stadt haben mich meine Wurzeln aber wieder eingeholt», erzählt sie. So zog die Bündnerin nach ein paar Jahren des urbanen Lebens auf den nächsten Bio-Hof im Zürcher Oberland. «Ich wollte einfach praktisch arbeiten und draussen in der Natur sein.»

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Doch das Oberland reichte ihr auf Dauer nicht aus. Schon bald meldete sich das Heimweh nach den Alpen, wo sie als Kind trotz der strengen Arbeit viele schöne Erinnerungen gesammelt hatte. So besuchte sie einen Sennerinnenkurs und absolvierte ihre landwirtschaftliche Lehre im Engadin. Dort lernte sie den späteren Vater ihrer Kinder kennen.

In den anschliessenden Winterkursen am Plantahof bekam sie mit voller Wucht zu spüren, dass sie als Frau im Beruf eine Minderheit war. «Ich wurde von den Lehrern regelrecht gemobbt», erzählt Clopath, die es bis heute selbst kaum glauben kann. «Sie haben mich in den Klassen schlicht ignoriert.» Nun wollte sie nur noch arbeiten – und das als ihr eigener Chef.

Gemieden von der eigenen Familie

Ihr ältester Bruder hatte den elterlichen Hofbetrieb übernommen, wie es damals üblich gewesen war. Für Donata Clopath bot sich jedoch eine weitere Möglichkeit: ein Hof der Familie mütterlicherseits, auf dem sechs ihrer ledigen Tanten und Onkel arbeitetenund lebten. Der Hof lag im Dorf Donat – zufällig oderschicksalhaft passend zu ihrem Vornamen. An diesem Ort wollte sich Donata Clopath mit Kind und Kegel niederlassen. «Wäre ich ein Mann gewesen, hätten sie mir den Hof nachgeworfen», ist sich Clopath sicher. Doch es kam anders. «Natürlich wurde ich im ganzen Tal nicht sehr ernst genommen», erzählt sie. Aus allen Ecken habe sie zu hören bekommen, eine Frau könne das nicht. Schon damals zeichnete sich ab, dass die Landwirtin ohne den Vater ihrer Kinder leben und den Hof in Eigenregie führen würde. An den Versammlungen im Dorf sei sie lange gemieden worden. «Zuerst getrauten sich nur zugezogene Bauern, vor den anderen mit mir zu sprechen», erzählt Clopath belustigt. «Die beiden Sitze neben mir waren immer leer.»

Viele hätten ihr geraten, nicht länger auf ihrem Recht zu beharren. «Aber man muss sich halt wehren», sagt die Feministin bestimmt. Mit ihrer Hand schlägt sie immer wieder auf den Tisch, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Manchmal muss sie auch lachen, wenn sie an die Zustände von früher denkt. «Die meisten Sprüche nahm ich mit Humor – den habe ich zum Glück nie verloren.» Kraft schöpfte sie auch aus der Arbeit mit den Tieren. «Wenn es mir zu viel wurde, galoppierte ich mit dem Pferd durchs Dorf. Danach fühlte ich michwieder befreit.»

Hilfe von aussen

Erst als ein Anwalt klarstellte, dass es Donata Clopaths familiäres Recht war, sich auf diesem Land niederzulassen, kehrte allmählich Ruhe ein. Auch mit ihrer Familie schloss sie Frieden. Den Tanten und Onkeln habe sie auf dem Hof viele Freiheiten gelassen, erzählt Clopath. Selbst als sie zu Pflegefällen wurden, ermöglichte sie ihnen, im Generationenhaus zu bleiben. Die monatlichen 2000 Franken, die sie für die Betreuung erhielt, seien neben der Landwirtschaft ein wichtiges Standbein gewesen. Doch es war auch viel Arbeit. «Ich stand jeden Tag um fünf Uhr morgens auf, damit ich bis am Abend alles schaffte», erzählt die Pensionierte. Ohne die Mitarbeit ihrer beiden Kinder, der vielen Zivildienstleistenden sowie weiterer Helferinnen und Helfer hätte sie es nicht geschafft.

Manchmal wurde es so viel, dass sie fast aufgegeben hätte. «Mit 50 war ich komplett am Ende, heute würde man das Burn-out nennen», erzählt Clopath. Eigentlich habe sie den Hof schon damals verpachten wollen. «Aber zum Glück fand ich niemanden», sagt sie mit einem Lachen. Denn nach zwei, drei Jahren war auch diese Krise vorbei und sie ackerte weiter – und tut es zuweilen bis heute. «Ich hätte nie gedacht, dass ich in diesem Alter noch so fit bin», freut sich die 70-Jährige. Die Leitung ihres Hofes hat sie mittlerweile abgegeben, doch im Winter hilft sie hie und da noch aus. In den wärmeren Monaten ist sie zudem als Betriebshelferin auf verschiedenen kleineren Höfen im Einsatz. «Die Arbeit erfüllt mich eben», sagt sie fast entschuldigend. «Ich könnte schon den ganzen Tag im Bett liegen, aber das ist ja auch nicht gesund.»

Wenn sie betont, wie zufrieden sie heute ist, nimmt man ihr das sofort ab. Die Rentnerin geniesst ihre neugewonnene Freiheit sichtlich und freut sich darüber, wie sehr sich die Situation für Frauen in der Landwirtschaft verbessert hat. Mit ihrem eigenen Schicksal hadert sie nicht. Doch sie warnt Frauen davor, immer wieder in die Opferrolle zu fallen. Ihr Appell: «Markiert Präsenz und steht für euer Recht ein!»

JULIA MEIER MAGGINI – durchstarten mit Rückenwind

In einem anderen Umfeld wuchs die fast 40 Jahre jüngere Julia Meier Maggini auf. Sie und ihre Brüder halfen auf dem kleinen Hof Mittelberg in Luzein (GR) gleichermassen mit. Der Vater trug die Hauptverantwortung für den Betrieb und kümmerte sich unter der Woche um Haushalt und Kinder. Seine Frau machte sich währenddessen im Nachbardorf als Physiotherapeutin selbstständig.

Die junge Julia hatte Freude an der Arbeit auf dem Biohof, empfand sie nie als Pflicht oder Zwang und zeigte von den Geschwistern das grösste Interesse an der Landwirtschaft. «Als ich im Gymi war, hat mein Vater uns Dreien mal gesagt, dass er und meine Mutter Platz machen würden, wenn jemand von uns einmal den Hof übernehmen möchte», erzählt sie. Dieses proaktive Angebot schätzte sie enorm und speicherte es irgendwo im Hinterkopf ab. Vorerst setzte die wissbegierige Bauerntochter jedoch andere Prioritäten. Mit 15 Jahren verbrachte sie ein Austauschjahr in Ecuador, später ging sie an die Uni und studierte Geografie und Sozialwissenschaften. Zuhause half sie höchstens noch gelegentlich beim Heuen, ansonsten hatte sie in dieser Zeit wenig mit dem Hof Mittelberg am Hut. Die Landwirtschaft sei jedoch immer ein Thema geblieben, erzählt sie. Um eine weitere Seite davon kennenzulernen, verbrachte sie ihre sommerlichen Semesterferien auf einer Alp in der Surselva.

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Als sie ihren Mann Paolo Maggini kennenlernte, welcher ihren Wunsch nach einem naturverbundenen Leben teilte, holte sie den lange verstauten Gedanken wieder hervor. «Ich machte den Direktzahlungskurs, um mir die Option offenzuhalten, den Betrieb meiner Eltern eines Tages zu übernehmen», erzählt sie. Dann ging plötzlich alles sehr schnell. 2023 zogen die beiden mit ihren zwei kleinen Kindern in das 500 Jahre alte Bauernhaus. «Glücklicherweise fanden meine Eltern ein schönes Haus im Nachbardorf. So sind sie nahegenug, um zu Fuss zum Hof zu kommen – und gleichzeitig sehen sie nicht, wann wir morgens in den Stall gehen», sagt Meier Maggini und schmunzelt. Trotz – oder gerade wegen – dieser vorausschauenden Konfliktprävention helfen ihre Eltern noch immer tatkräftig mit, sei es auf dem Hof oder bei der Kinderbetreuung, wenn Unterstützung gefragt ist oder die junge Familie für ein paar Tage wegfahren möchte. «Ein grosses Privileg», weiss Meier Maggini. Wenn sie davon spricht, mit wie viel Eigenleistung und Herzblut ihre Eltern den kleinen, vielseitigen Betrieb aufgebaut haben, spürt man neben grosser Bewunderung auch tiefe Dankbarkeit. «Ich sehe es als grosse Chance, auf einem guten Fundament aufbauen zu dürfen und ohne Druck neue Dinge auszuprobieren.»

Keine unnötigen Selbstzweifel

Dass sie als Frau die Arbeit auf dem Hof nicht schaffen könnte, darüber macht sich Julia Meier Maggini kaum Gedanken. «Ich weiss, dass ich nicht allein bin», begründet sie ihre Zuversicht. «Aus meinem Umfeld habe ich immer viel Unterstützung erfahren.» Das gibt ihr die Kraft, sich ganz auf ihre Aufgabe zu konzentrieren und weniger Energie für innere oder äussere Kämpfe zu verschwenden.

In ihre Rolle als Betriebsleiterin zu finden, ist ein laufender Prozess. Ehemann Paolo arbeitet 60 Prozent als Standortleiter des Naturnetzes Graubünden, ist aber in der übrigen Zeit sehr engagiert auf dem Hof. «Ich schätze es sehr, dass er sich so für die Landwirtschaft interessiert», schwärmt Meier Maggini. «Es ist eindrücklich, wie speditiv er arbeitet und einfach mal so die Pflanzung von einhundert Hecken und zehn Hochstammbäumen initiiert». Da sie bei Fragen häufig ihren Vater konsultiere, fühlte sich ihr Mann zu Beginn jedoch manchmal etwas ausgeschlossen. «Heute hat er Vertrauen, dass er gehört wird und der Bauernhof unser gemeinsames Projekt ist», versichert Meier Maggini.

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Gern versucht sie, alles so einzurichten, dass alle zufrieden sind und sich wohlfühlen – die Tiere ebenso wie ihr Mann, ihr Vater oder freiwillige Helferinnen und Helfer. «Gerade am Anfang war dies manchmal anstrengend», gibt sie zu. «Inzwischen versuche ich, mich weniger zu stressen und Entscheidungen mit mehr Gelassenheit und Klarheit zu treffen.» In der Praxis bedeutet dies, dass sie die Männer an ihrer Seite vor allem als beratendes Gremium wahrnimmt – und als das, was sie in erster Linie sind: eine grosse Unterstützung. Die Landwirtin ist froh, viele Arbeiten delegieren zu können. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, sich mit den vielfältigen Tätigkeiten auf dem Hof selbst vertraut zu machen. Fiel ihr der Umgang mit den Maschinen anfangs noch schwer, ist sie heute stolz darauf, wie sehr sie sich darin verbessert hat. «Ich habe immer mehr Spass daran, mit dem Bagger Mist zu laden oder im Sommer in den steilen Wiesen zu mähen», so die junge Frau. Überhaupt mache sie sehr vieles gerne, was auf dem Hof, aber auch im Haus anfalle. Da sie sich mit ihrem Mann die Stallarbeiten aufteilt, kann sie sich nach einem Tag draussen mit den Kindern ins Haus zurückziehen, um das Abendessen zuzubereiten. «Diese Abwechslung und dass wir unsere Rollen immer wieder tauschen können, schätze ich sehr.»

Platz fürs Leben gefunden

Der Entscheid, den elterlichen Hof zu übernehmen, fühlt sich für Julia Meier Maggini richtig an. «Dieser Lebensstil, viel draussen zu sein, mit den Tieren zu arbeiten und lockere Kleider anzuziehen, die auch schmutzig werden dürfen, passt sehr gut zu mir», sagt sie strahlend. «Auch wenn die Stadt ebenfalls viele Vorzüge hat, habe ich mich dort viel mehr unter Druck gefühlt – beispielsweise, was mein Äusseres angeht.»

Was sie im Studium gelernt hat, bringt sie mit viel Engagement neben dem Hof ein: Bei der Schweizer Bergheimat ist sie als Regionalbetreuerin Graubünden tätig und engagiert sich zudem in der Agrarallianz. Für Projekte rund um Vielfalt und Gleichstellung hat sie stets ein offenes Ohr. So wirkt sie auch im Living Lab «Frauen in der Landwirtschaft sichtbar machen – stärken – vernetzen» mit, das von der HAFL initiiert wurde. Während zweier Winter kamen dort Frauen aus unterschiedlichsten Betrieben zusammen und tauschten sich darüber aus, wie sie in der Branche wahrgenommen werden – und was sich für Frauen verbessern liesse.

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Dass die Landwirtschaft noch immer eine Männerdomäne ist, spürt Meier Maggini besonders an Alpgenossenschaftsversammlungen. Dort ist sie neben der Präsidentin jeweils die einzige anwesende Frau. Obwohl sie eher der zurückhaltende Typ ist, hat sie sich vorgenommen, ab und zu das Wort zu ergreifen, um den teils rüpelhaften bis sexistischen Sprüchen etwas entgegenzusetzen. Besonders stören sie abwertende Aussagen über die Frauen auf traditionellen Familienbetrieben. «Ihre Arbeit wird leider oft nicht wertgeschätzt», weiss Meier Maggini. Für ihre eigene Tätigkeit als Betriebsleiterin erfahre sie dagegen mehrheitlich Bewunderung. «Ein Nachbar fragte einmal ganz überrascht, ob ich das gewesen sei beim Düngen mit dem Transporter», erzählt sie. Natürlich schwinge darin auch die Annahme mit, dass Frauen das nicht könnten. Grundsätzlich empfinde sie solche Kommentare aber als wohlwollend. «Dass Frauen in der Landwirtschaft immer präsenter sind und grosse Maschinen fahren, wird höher angesehen als Männer, die sich um Haushalt und Kinder kümmern», sagt Meier Maggini.

Eine Begegnung, die sie kürzlich mit einem Futtermittelverkäufer hatte, zeigt jedoch: Manche sind noch immer überfordert mit Frauen in Führungspositionen. «Er kam und fragte nach dem Betriebsleiter», erzählt sie. «Als ich sagte, dass ich die Betriebsleiterin bin, fragte er noch einmal nach – und machte dann wieder kehrt.» Von solchen Erlebnissen höre sie auch von anderen Berufskolleginnen immer wieder. Umso wichtiger sei für sie das UNO-Jahr der Landwirtinnen, welches Frauen mehr Wertschätzung bringen soll. Dass das klassische Bild vom Mann auf dem Traktor langsam bröckelt, daran arbeitet sie gern selbst mit. Wenn sie mit dem Transporter durchs Dorf fährt, hofft sie, die Sichtbarkeit von Landwirtinnen zu erhöhen – und damit mehr junge Frauen zu ermutigen, einen Betrieb zu übernehmen und ihren eigenen Weg zu gehen.

MARLISE ANNEN – ein Weg der Harmonie

Auch für Marlise Annen war es lange kein Thema, den elterlichen Betrieb in Lauenen (BE) zu übernehmen. Sie war nicht der Junge, den sich ihr traditionsbewusster Vater als Nachfolger gewünscht hatte. Nach der Schule entschied sich die Bauerntochter deshalb zunächst für ein Jahr im Welschland sowie für längere Aufenthalte als Au-pair in England und im Tessin. Mit ihren neu gewonnenen Sprachkenntnissen und dem Interesse an Menschen aus verschiedenen Kulturen rückte die Hotellerie in ihren Fokus.

Schon als Kind hatte Annen tatkräftig im Lauener Hotel Wildhorn mitgeholfen, das ihr Onkel und ihre Grossmutter gemeinsam führten. Ihre Ausbildung absolvierte sie im Gstaader Hotel Bernerhof. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entpuppte sich die Stelle, wie sie erzählt, als absoluter Glücksfall. Früh übertrug man ihr Verantwortung und sie liebte es, mit Gästen auf Bergtouren zu gehen. Es folgten weitere Stationen in verschiedenen Hotels, im Tourismusbüro Gstaad, in Kinderheimen sowie in einem Architektur- und Immobilienbüro. Doch immer wieder kehrte sie in den Bernerhof zurück – zunächst als Chef de Reception, später auch als Mitglied der Geschäftsleitung. «Stets suchte ich nach einer Verwirklichung im sozialen Bereich und merkte, dass ich diese in der Gastronomie und Hotellerie eins zu eins leben konnte», erzählt Annen.

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Den Wunsch ihres Onkels, das Wildhorn in Lauenen zu übernehmen, schlug sie dennoch nur ungern aus. Ein Betriebskonzept lag bereits vor, ein Coach war gefunden, ebenso mögliche Finanzierungswege – und trotzdem entschied sie sich dagegen. Zunächst für ihren damals vierjährigen Sohn, letztlich aber auch für sich selbst. Denn nur zwei Jahre später stellte sich Annen der Herausforderung und übernahm den elterlichen Bergbauernhof. «Ich wusste: Wenn ich es nicht wage, werde ich es ein Leben lang bereuen», sagt sie und fügt an: «Ausserdem war es mir ein Anliegen, dieses kleine Paradies zu erhalten.»

Drei Generationen – ein Team

Die ersten Jahre der Betriebsübernahme, in denen ihr längst pensionierter Vater noch sehr engagiert mithalf, schildert Marlise Annen als grosse Bereicherung für sich selbst und für ihren Sohn. «Die beiden, Grossvater und Enkel, pflegten bis zuletzt eine innige Beziehung», erzählt sie. Ein Mann vieler Worte sei ihr Vater nie gewesen. Gesellig hingegen allemal, dazu tierlieb, naturverbunden und enorm fleissig.» Das Arbeiten mit ihm bezeichnet die Bergbäuerin als sehr lehrreiche Zeit. Besonders faszinierte sie, wie ihr Vater mit allen Sinnen und mit ganzem Herzen im Moment war – bei allem, was er tat. «Er hat nie auf den Feierabend hingearbeitet», erzählt sie. Hier und jetzt tun, was man liebt, und lieben, was man tut: Das hatte für sie Vorbildcharakter. Und genau in diesem Geist wollte sie den Familienbetrieb weiterführen.

Die heute 60-Jährige nimmt es ihrem Vater nicht übel, dass er sich ursprünglich einen männlichen Nachfolger gewünscht hatte. «Ich glaube, er hatte einfach Angst um mich und befürchtete, dass mir alles zu viel werden könnte», sagt sie. Auch von anderen Seiten sei sie immer wieder mit der Frage konfrontiert worden, ob die alleinige Führung eines Bauernbetriebs für eine Frau nicht zu belastend sei. Annen ist jedoch überzeugt, dass diese Zweifel eher aus einem Beschützerinstinkt entstanden waren als aus mangelndem Vertrauen in ihre Fähigkeiten. «Und sind wir ehrlich: Die Landwirtschaft ist körperlich enorm fordernd!» Umso dankbarer sei sie für die Unterstützung, auf die sie immer wieder zählen durfte - von vielen treuen und fleissigen Frauen ebenso wie von männlichen Kollegen und ihrem Sohn.

Weil ihr Vater zeitlebens mit grosser Leidenschaft Bergbauer und Züchter von reinen, behornten Simmentalern gewesen war, fiel ihm das Loslassen des Betriebs schwer. Der traditionelle, seit Generationen mit viel Hingabe bewirtschaftete dreistufige Bergbauernhof und die Milchkühe waren sein Lebensinhalt. Das stellte die Familie zuweilen vor Herausforderungen. «Es war nicht immer einfach mit drei Generationen unter einem Dach», erzählt Annen. «Aber wir haben immer wieder zueinander gefunden.»

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Ihre eigenen Ideen setzte sie Schritt für Schritt um. Nach und nach übernahm sie die Aufgaben des Vaters und brachte dabei ihr aussergewöhnliches Gespür für die Tiere ein. Manches Vorhaben verwarf sie wieder, wenn sie merkte, dass es nicht wirklich zum Betrieb passte. In der Zusammenarbeit mit ihrem Vater entwickelte Annen schliesslich Lösungen, die den Gegebenheiten entsprachen – und dafür ist sie heute dankbar: «Aus heutiger Sicht war es eine gute Erfahrung, aus dem, was vorhanden ist, das Beste zu machen.»

Neue Pfade

Zeit ihres Lebens bildete sich Marlise Annen in unterschiedlichen Therapieformen und in der Naturheilkunde weiter. Auf dieser Grundlage begleitet sie heute Menschen und Tiere in ihren Heilungsprozessen. Damit geht nach 20 Jahren als Bio-Bergbäuerin eine weitere wichtige Etappe ihres Lebens zu Ende.

Durch die Arbeit mit den Simmentalern habe sie jedoch viel für ihre therapeutische Herangehensweise mitnehmen können. «Ich habe mit ihnen Situationen erlebt, die mich aufs Äusserste gefordert haben», erzählt Annen. Diese Grenzerfahrungen hätten sie gelehrt, auch in Krisenzeiten nicht den Kopf zu verlieren. «Wenn du mit der Natur gehst und dich auf die einzelnen Tiere einlässt, wirst du reich beschenkt», ist sie überzeugt. Auf die Frage, wie sie das alles geschafft habe – alleinerziehende Mutter zu sein, einen Bauernhof mit Selbstvermarktung zu führen, Aus- und Weiterbildungen zu absolvieren und zusätzlich als Aushilfe bei der Saanen Bank zu arbeiten –, sagt sie: «Alles, was ich tat, machte ich mit vollem Engagement und viel Freude. Und ich dachte immer, dass ich einfach das schönste Leben habe.»

Natürlich sei sie dabei auch an ihre Grenzen und manchmal darüber hinaus gestossen. 16-Stunden-Tage waren die Regel, der Alltag in jeder Hinsicht fordernd. «Einmal nahm ich mir eine dreiwöchige Auszeit, um durchzuatmen und zu überlegen, was noch passt und was nicht mehr», erzählt sie. Während der Schulzeit ihres Sohnes buchte sie jedes Jahr eine Woche Ferien nur für sie beide – einfach, um bewusst Zeit miteinander zu verbringen.

Dass sie sich als Frau und Betriebsleiterin in einer Minderheit bewegte, war für Marlise Annen weder besonders relevant, noch machte sie sich jemals viele Gedanken darüber. «Mir war stets wichtig, das zu tun, wovon ich vollumfänglich überzeugt bin, und es soll mich mit viel Freude erfüllen», erklärt sie. Genau das rät sie auch jungen Frauen, die mit dem Gedanken spielen, einen Betrieb zu übernehmen. «Jemandem etwas beweisen zu wollen, darf nicht die Motivation sein», ist sich Annen sicher. «Man muss es wirklich wollen und mit ganzem Herzen dabei sein.»